Dass die Straßen in ihrem Städtchen sehr eng und die Parksituation dadurch problematisch ist, wissen die Wiesensteiger. Wer in der Hauptstraße im Bereich der Volksbank für den Gang zum Geldautomaten kurz sein Auto abstellt, läuft jedoch Gefahr, fotografiert und der Bußgeldstelle des Landratsamts Göppingen gemeldet zu werden. Nicht jedoch von der Polizei oder dem Ordnungsamt, sondern von einem Anwohner. Über den Mann, der sich selbst zum „Parksheriff“ befördert habe, ärgern sich die Menschen in Wiesensteig seit gut einem Jahr, erzählt etwa Klaus Kleger.
Der Wiesensteiger hat selbst schon Erfahrung mit dem Bewohner der Hauptstraße gemacht, der nach den Erzählungen einiger Bürger regelrecht auf deren Parkverstöße warte. Dass er falsch geparkt hat, gibt Klaus Kleger zu, doch betont er, dass es sich um drei Minuten handle, die man zum Geldabheben benötige: Tür zur Bank öffnen, EC-Karte in den Bankomaten stecken, Geheimzahl und Betrag eintippen, Geldbetrag und Karte entnehmen und die Bank wieder verlassen. 55 Euro seien dafür fällig geworden. Doch akzeptieren, was der Anwohner offenbar den ganzen Tag über macht, will er nicht: „Wir Wiesensteiger kennen die angespannte Parksituation in unserem Städtle, doch einen Hilfssheriff wollen wir nicht.“
Volksbank-Mitarbeiter nennen es „geschäftsschädigend“
Auch die Angestellten in der Volksbank Alb bekommen laufend mit, wie der Mann Autofahrer fotografiert. „Es ist geschäftsschädigend“, heißt es aus der Wiesensteiger Geschäftsstelle. In den vergangenen Wochen sei das Problem sogar größer geworden. Mehrmals die Woche komme einer der Kunden auf die Mitarbeiter zu. Diese könnten immer nur raten, das Auto so schnell es geht umzuparken – auch wenn die Möglichkeiten dafür eigentlich nicht vorhanden sind. Direkt vor dem Gebäude gibt es keine Parkplätze, entlang der Hauptstraße sind einige ausgewiesene, die jedoch die meiste Zeit bereits belegt sind.
Auch Wiesensteigs Bürgermeister Gebhard Tritschler kennt die Situation: „Da haben schon viele ein Knöllchen bekommen.“ Einige der Betroffenen hätten sich zudem bei ihm gemeldet. Rein objektiv handele es sich beim Parken direkt vor der Bank um einen Verstoß. „Jeder sollte deshalb wissen, wie er sich zu verhalten hat“, sagt Tritschler. Dennoch ist er nicht glücklich darüber, dass jemand so intensiv die Parksünder anzeige. „Das ist eine heikle Geschichte.“
„Er macht den ganzen Ort schalou“, ärgert sich auch Simon Grimbs. In den vergangenen 30 Jahren habe es nie jemanden so gestört, wenn dort ein Auto gestanden sei. „Es ist krass, wie schnell man jemanden anschwärzen kann – und das in der Masse“. Nachdem er von 40 solcher Fälle im Ort mitbekommen hatte, habe er aufgehört zu zählen. „Dass sich ein Einzelner so auftürmen kann“, störe ihn und viele andere im Ort.
Simon Grimbs sagt, er habe schon versucht, mit dem Anwohner zu sprechen, doch sei der Mann hysterisch geworden, habe geschrien. Auch beim Landratsamt habe er schon angefragt – ohne Erfolg auf Kulanz. Immerhin, so argumentiert er, könnte der Mann ja auch ein Auto fotografieren, das nur kurz zum Halten gekommen ist, weil es in der engen Straße einem Lastwagen ausweichen musste. Grimbs würde sich wünschen, dass der Mann rechtlich mit seinen Fotos nichts mehr bewirken kann. Das wäre etwa dann der Fall, wenn die Verwaltung mit anderer Beschilderung kurzzeitiges Parken ermögliche.
Nur wenige Meter von der Volksbank entfernt betreibt Ute Kölle seit 40 Jahren ein Schreibwarengeschäft mit einer Postbankfiliale. Ihr Laden ist nicht nur ein Umschlagplatz für Waren, sondern auch für Nachrichten – ein Treffpunkt für viele Wiesensteiger. Auch dort ist der „Hilfssheriff“ ein Thema. „Da will einer eigenmächtig für Recht und Ordnung sorgen“, schimpft Kölle. Weil er für Unruhe im Städtle sorgt, hat sie ihm vor ein paar Monaten Hausverbot erteilt. Für Ute Kölle ist die Art, wie der Mann seine „Berufung“ ausübt, schädlich – und zwar für die Gemeinschaft der Wiesensteiger und für die Gewerbetreibenden an der Hauptstraße.
Seit 2021 verstärkt Anzeigen wegen Falschparkens
Anzeigen
Bei der Bußgeldstelle des Landratsamts Göppingen gehen seit Ende 2021 verstärkt Anzeigen wegen Falschparkens im Bereich der Volksbank in Wiesensteig ein, teilt diese mit. Als häufigste Gründe für eine Anzeige werden das verbotene Parken oder Halten auf dem Gehweg, Parken oder Halten im absoluten Halteverbot sowie Parken entgegen der Fahrtrichtung genannt.
Rechtslage
Laut Landratsamt lagen den Anzeigen regelmäßig Beweisfotos bei. Die konnten in den Ordnungswidrigkeitsverfahren als Beweismittel verwendet werden. Die Behörde weist darauf hin, dass das Verwaltungsgericht Ansbach in einem ähnlich gelagerten Fall kürzlich entschieden hat, dass das Anfertigen solcher Fotos durch private Anzeigeerstatter zulässig sei.