Anzeichen bei Betroffenen erkennen Was tun, wenn Angehörige Suizidgedanken haben?

Von Franziska Schmock 

Wenn ein Freund oder Verwandter über Suizid nachdenkt, ist oft unklar, wie der richtige Umgang mit der Situation ist. Der Arbeitskreis Leben beantwortet wichtige Fragen.

Was tun, wenn ein Freund oder Verwandter über Suizid nachdenkt? Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Was tun, wenn ein Freund oder Verwandter über Suizid nachdenkt? Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Stuttgart - Wenn sich Menschen in persönlichen Lebenskrisen befinden, fällt es oft auch Angehörigen schwer, mit der Situation umzugehen. Gerade im Fall von Suizidgedanken, wissen Freunde oder Familienmitglieder oft nicht, ob und vor allem wie dem Betroffenen zu helfen ist.

Hilfsangebote für Angehörige von Menschen mit Selbsttötungsgedanken können untergehen. Das wissen auch Christa Wenzelburger und Ellen Wittke. Die Sozialarbeiterin und die Diplompädagogin gehören zu den hauptamtlichen Mitarbeitern des Arbeitskreis Leben in Stuttgart. Im Rahmen des Welttages der Suizidprävention beantworten sie Fragen zum Thema.

Was sind erste Anzeichen, die Angehörige erkennen können?

Ein immer zurückgezogeneres Leben kann ein erstes Anzeichen für eine schwere Lebenskrise bis hin zu Suizidgedanken sein. Wenn Menschen, die einem nahe stehen, aufhören zu erzählen oder nicht mehr zu Verabredungen erscheinen, sollten Angehörige aufmerksam werden. „Eine extreme Verhaltensweise wäre auch, dass Menschen ihre Körperpflege sehr vernachlässigen“, sagt Ellen Wittke. Die Grenze zwischen Anzeichen, die noch stimmungsabhängig und wann Sorgen angebracht sind, kann verschwimmen. „Bei vielen ist es ein schleichender Prozess, Menschen verstummen immer mehr und die Angehörigen können immer weniger nachvollziehen, wie das Leben des Betroffenen aussieht“, sagt Wittke.

Wie reagiert man am besten, wenn man sich um einen Menschen Sorgen macht?

Als ersten Schritt sollten Freunde und Verwandte das Gespräch mit dem Betroffenen suchen. Das fällt vielen schwer: „Manchmal wenden sich Angehörige auch an uns, weil sie wissen wollen, wie man so ein Gespräch beginnt“, sagt Christa Wenzelburger. Für Menschen, die in solchen Krisen stecken, sei es am einfachsten, mit Vertrauenspersonen darüber zu sprechen – oder von diesen darauf angesprochen zu werden. Dabei können Angehörige die eigene Besorgnis zum Ausdruck bringen und das, was beobachtet wurde. „Hast du manchmal Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?“ – eine Frage, die ohne Scheu gestellt werden sollte, wenn so etwas im Raum steht.

Können Angehörige die Situation schlimmer machen, wenn sie es ansprechen?

„Viele haben Angst, durch eine so konkrete Frage etwas zu verschlimmern oder erst hervorzurufen“, sagt Wenzelburger. Das sei nicht richtig. Durch direktes Ansprechen des Problems fühlen sich Betroffene gehört und verstanden.

Wie sollte man als Angehöriger auf keinen Fall reagieren?

Als Freund oder Verwandter sollte man das Problem in keinem Fall verharmlosen. Auch Phrasen wie „Das wird schon wieder“ oder „Stell dich nicht so an“ seien nur „billiger Trost“, sagt Ellen Wittke. Solche Reaktionen isolieren Betroffene noch mehr. „Was hilft, ist das Gefühl, in dieser Krise nicht mehr allein zu sein“, sagt Christa Wenzelburger. Das Gefühl bekämen Betroffene durch die beschriebenen Reaktionen nicht.

Sind Freunde und Verwandte verantwortlich dafür, wie die Situation ausgeht?

Ellen Wittke vom Arbeitskreis Leben sagt: „Oft entsteht bei den Menschen, die auf den Betroffenen zugehen, Druck. Sie fühlen sich verantwortlich, dass die Situation dann auch gut ausgeht“, sagt . Dabei sei es wichtig zu akzeptieren, dass die Situation nicht sofort zu verändern ist. „Die Verantwortung für das Leben trägt der Betroffene selbst.“

Welche Hilfsangebote für Angehörige gibt es?

Freunde und Verwandte können es schwer haben, Hilfe zu finden. „Ich fände es gut, wenn es auch Angehörigen leichter gemacht wird, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Ellen Wittke. Es sei ganz normal, sich in solchen Situationen Unterstützung zu holen. „Sehr viele Menschen kommen in ihrem Leben einmal in eine solche Krisensituation“, sagt Christa Wenzelburger. Die Stuttgarter Krisendienste, zu denen auch der Arbeitskreis Leben gehört, bieten Beratungsgespräche für Angehörige an.

Können Angehörige psychische Folgen davontragen?

Große Besorgnis, Überforderung und emotionaler Stress gehören zu häufigen Gefühlen von Angehörigen. „Von einem Krankheitsbild kann man nicht sprechen“, sagt Ellen Wittke vom Arbeitskreis Leben. Familie und Freunde können sich auf den Betroffenen fixieren und selbst nicht mehr trauen, ihre Bedürfnisse auszuleben. „Im Ernstfall kann die Isolation, in der der Betroffene steckt, zu einer familiären Isolation werden. Dann steckt die ganze Familie in dieser Verzweiflung fest“, sagt Christa Wenzelburger. In einem solchen Fall sollte Hilfe von außen hinzugezogen werden.

Eine Schritt-für-Schritt Anleitung für den Umgang mit Menschen, die in tiefen Lebenskrise stecken, gibt es nicht. Jeder Mensch und jede Krise ist verschieden. Angehörige können sich Hilfe bei verschiedenen Organisationen suchen.

Der Arbeitskreis Leben bietet Unterstützung für Menschen in Krisensituationen sowie deren Angehörige. Zum Angebot gehören unter anderem Beratungsgespräche, Krisenbegleitung durch ehrenamtliche Mitarbeiter sowie Aufklärung und Suizidprävention. Neben dem Arbeitskreis Leben gehören auch die Ev. und Kath. TelefonSeelsorge sowie der Krisen- und Notfalldienst KND zu den Stuttgarter Krisendiensten.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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