Anzeige gegen Alb-Fils-Klinik Nach Verdacht auf K.o.-Tropfen: Zwangsbehandlung eskaliert

Ein junger Mann hat im Göppinger Klinikum schlimme Erfahrungen gemacht. Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Ein 19-Jähriger sucht die Göppinger Notaufnahme auf und landet fixiert auf der Intensivstation. Die Klinik sieht dennoch alles regelkonform.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Einer stemmt Atakan das Knie auf die Stirn, ein Zweiter drückt ihm einen Ellenbogen auf die Nase, gleichzeitig hält ihm ein Dritter den Mund zu. Dann spürt der Zwei-Meter-Mann einen Stich in der Armbeuge. Bald darauf verliert er das Bewusstsein.

 

Wegen der möglichen Einnahme von K.o.-Tropfen hat sich ein 19-jähriger Geislinger in der Nacht zu Halloween in die Notaufnahme der Göppinger Alb-Fils-Kliniken begeben. Doch was er dort erlebt hat, ist für ihn noch traumatischer gewesen als die Hilflosigkeit zuvor. Äußerst brutal habe das Klinikpersonal die Behandlung durchgezogen, ohne auf seine Wünsche einzugehen, so erzählt er hinterher.

Verdacht auf K.o.-Tropfen: Atakan bricht mehrfach zusammen

Zusammen mit Freunden hatte Atakan, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, an diesem Abend eine Bar besucht. Jemand hätte ihm eine weiß-rote Tablette in den Drink gemischt, soll er im Krankenhaus in einem wachen Zustand erzählt haben. So wird es später im Arztbrief stehen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert er sich nur daran, dass ihm schon in der Bar übel geworden sei. Auf der Straße brach er dann mehrfach zusammen, weshalb ihn ein Freund ins Krankenhaus brachte. Er sei synkopiert, heißt es im Arztbrief, also kurzzeitig bewusstlos gewesen.

Auch in der Notaufnahme kippt er vom Sitz, als er auf seine Behandlung wartet. Das Personal bringt ihn in den Schockraum. Als man ihm einen Zugang legen will, eskaliert die Situation. „Ich kann kein Blut sehen, das habe ich immer wieder gesagt“, erinnert sich Atakan. Eine regelrechte Phobie sei das, deshalb habe er sich auch gewehrt und die Nadel wieder herausgezogen. Das Blut spritzte, was den jungen Mann noch mehr in Panik versetzte. Mehrfach verlangt er nach der Polizei, ruft sie auch einmal selbst an. Schließlich wird er narkotisiert. Als er wieder aufwacht, liegt er auf der Intensivstation. „Ich war an Füßen und Händen angekettet.“

Klinik verteidigt Vorgehen trotz traumatischer Erfahrung

Eine Sprecherin der Alb-Fils-Kliniken bestätigt den Vorfall. Es sei bedauerlich, dass die Behandlung für den Patienten ein derart schlimmes Erlebnis gewesen sei. Gleichwohl sei aus Sicht des Klinikums alles regelkonform gewesen. „In den Protokollen ist kein Fehler zu erkennen.“ Man habe von einem akuten lebensbedrohlichen Zustand ausgehen müssen.

Vieles habe dafür gesprochen, dass der Patient seinen Zustand nicht mehr selbst habe beurteilen können. Deshalb habe man auch gegen seinen geäußerten Willen handeln müssen – in seinem eigenen Interesse. Weil der Patient aggressiv gewesen sei, habe auch der Schutz des Personals eine Rolle gespielt. Das Klinikum begrüße es, dass der Betroffene den Vorfall zur Anzeige bringen wolle. Auf diese Weise könne für ihn geklärt werden, dass das Klinikpersonal richtig gehandelt habe.

Polizei bringt Atakan in Psychiatrie, Entlassung nach Minuten

Die zuständige Polizei in Ulm bestätigte, wegen einer randalierenden Person in einer psychischen Ausnahmesituation im Klinikum im Einsatz gewesen zu sein. Man habe Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung aufgenommen. Gegen wen sie sich richten, sagte die Polizei nicht. Auf Anweisung der Klinikärzte war Atakan noch in der Nacht von der Polizei in die Psychiatrie im Christophsbad gebracht worden. „Er wollte sich selbst entlassen. Da mussten wir uns absichern“, sagt die Kliniksprecherin. Der Aufenthalt in der Psychiatrie dauerte aber nur wenige Minuten. Vom Christophsbad wurde Atakan ohne Befund entlassen.

Ob dem jungen Mann tatsächlich K.o.-Tropfen oder entsprechende Tabletten heimlich verabreicht worden sind oder was sonst für seinen Zustand verantwortlich war, ist bisher offen. Eine Nachweisbarkeit bestehe nur für kurze Zeit, erklärte der Polizeisprecher. Eine Häufung solcher Fälle habe es im Raum Göppingen an Halloween nicht gegeben, sagte die Kliniksprecherin.

In Stuttgart hatten sich vergangene Woche nach einer Halloween-Party mindestens elf Menschen wegen des Verdachts auf Vergiftung durch K.o-Tropfen behandeln lassen müssen. Auch beim Volksfest auf dem Cannstatter Wasen war es zu mehreren Vorfällen gekommen.

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