„Apokalypse“ im Kammertheater Danach kann nichts mehr kommen

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Ist das noch Theater? Oder ist das schon ein Gottesdienst? Nein, das hier ist kein Theater mehr, sondern ein Oratorium. Und sein Name ist nicht einfach nur „Passion“, sondern: „Apokalypse“.

Ulrich Rasche inszeniert im Kammertheater seine Version der „Apokalypse“. Foto: Staatstheater/Matthias Dreher 8 Bilder
Ulrich Rasche inszeniert im Kammertheater seine Version der „Apokalypse“. Foto: Staatstheater/Matthias Dreher

Stuttgart - Ist das noch Theater? Oder ist das schon ein Gottesdienst? In größter Ruhe, aber offenbar auch mit entschiedenem Drang nach Unendlichkeit ziehen die Schauspieler, die Musiker, die Sänger von links nach rechts durch die Kulissen eines Himmelstheaters, stets von neuem, ein beständiger Fluss aus Bewegung, Tönen, Worten, Blicken, Gesten, ein Oratorium aus Bildern und Klängen, mal fein und zart, mal dröhnend und verstörend. Nein, das hier ist kein Theater mehr, sondern ein Oratorium. Und sein Name ist nicht einfach nur „Passion“, sondern: „Apokalypse“.

Auf dem Programm steht tatsächlich die Apokalypse, also die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch im Bibelkanon, eine christliche Endzeitvision von Weltenkampf, Satansherrschaft, Gericht und schließlich ewiger Glückseligkeit der Guten. Ulrich Rasche inszeniert in dem von ihm selbst entworfenen, betörend ästhetischen Bühnenbild große Teile des religiösen Textes in der Übersetzung von Walter Jens. Aber er tut es nicht, und das wird vermutlich viele Besucher dieses Abends irritieren, indem er die Apokalypse historisch, psychologisch, massensoziologisch oder sonst wie kritisch-ironisch bricht. Er mildert sie auch nicht zum rein literarischen Kunstwerk. Sondern er zeigt sie uns so, wie sie sich selbst gibt: als Ansprache der Religion, als Dokument religiöser Inbrunst.

Propheten auf der Bühne

Wir sehen also tatsächlich Propheten auf der Bühne, die um Worte ringen, die überwältigt sind von Bildern. Die einerseits schaudern vor all den Schrecken, die sie da verkünden sollen, und die doch gleich auch wieder schwelgen in ihren Rache- und Untergangsvisionen. Es ist alles so schrecklich. Aber es kommt! Und es ist wahr! Glaubt uns, es ist wahr!

Drei großartige Schauspieler erfüllen diese zunächst so befremdende religiöse Inbrunst derartig genau zum Leben, dass trotz aller Irritation und trotz der Länge des Abends (deutlich über zwei pausenlose Stunden) im Publikum nie ein Moment der Unruhe entsteht. Elmar Roloff und Rahel Ohm leisten hier Preiswürdiges, und unser persönlicher Held des Abends ist Toni Jessen, der uns im Mittelteil des Abends wie ein nordamerikanisch-verzückter Wanderprediger die Vision der Satansherrschaft auf Erden so beherrschend und so voll religiös-erotischer Kraft verkündet, als sei er einem Kinofilm der US-Brüder Coen entstiegen. Sensationell!

Und dies alles eingebettet in einen Fluss an Musik und Gesängen (unglaublich präzise: Ines Madeira, Arturas Miknaitis und das Berliner Zafraan Ensemble), ein Mix aus verfremdeten evangelischen Chorälen, US-Schlagertralala und „We shall overcome“ – aber o je, o weh, je tiefer wir uns hineinziehen lassen in diesen Strudel der Gefühle, desto stärker ringt unser Resthirn um Kontrolle: Zu Hilfe! Was ist das hier? Theater? Oder Gottesdienst?

Er will irritieren

Es ist natürlich Theater! Nein, Ulrich Rasche ist nicht zu den religiös Erweckten übergelaufen. Ganz im Gegenteil, er will irritieren. Indem er immer wieder in die Texte der Bibel Ausschnitte von Politikerreden schneidet, zeigt er, wie stark das apokalyptische Denken Einzug in unser Reden über die Politik nimmt, wie es von Guten (Al Gore) ganz genauso wie von weniger Guten (George W. Bush) benutzt wird, um die Posaunen zu letzten Kämpfen zu blasen, sei es nun gegen die islamischen Terroristen oder gegen die Klimakatastrophe.

Und wie Rasche dann im letzten Akt dieses Abends, ohne dessen ruhigen Fluss zu zerstören, die ganzen schönen Theaterkulissen langsam versinken lässt, wie nach und nach der Blick freigegeben wird auf das Innenleben der Inszenierung, auf das Getriebe, auf die nackte Maschine, wie wir da erkennen können, dass all das Geraune und Gebimmel eben nichts weiter ist als ein einfaches, wenn auch kunstvolles Spiel – da bleibt uns nichts als Baustelle. Der Gottesdienst ist vorbei. Ulrich Rasche, als Regisseur einer der Konstantesten der zu Ende gehenden Stuttgarter Intendanz Hasko Webers, entpuppt sich in seiner hier bisher stärksten Inszenierung als ein Meister des Bühnen-Gesamtkunstwerks – und als Sachwalter einer skeptischen Aufklärung. Hätte man diese Erkenntnis womöglich auch leichter haben können? Rasche sagt: Nein. Und an diesem Abend ist er nun mal der Herr. Empfehlung an die Leser. Aber mit Warnung: Heftig!

Vorstellungen fast täglich bis zum 2. Februar