Apotheken in der Corona-Krise Zahlreiche Medikamente bleiben knapp

Von Philipp Braitinger 

Die Corona-Krise wirbelt aktuell das Gesundheitssystem durcheinander. Apotheker aus Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen fordern im Gespräch mit dem Gesundheitspolitiker Michael Hennrich (CDU) ein Umdenken bei der Arzneimittelversorgung.

Zahlreiche Medikamente wie beispielsweise Blutdrucksenker, Psychopharmaka oder Schilddrüsenmedikamente sind zuweilen schwer zu bekommen. Foto: dpa/Hans-Jürgen Wiedl
Zahlreiche Medikamente wie beispielsweise Blutdrucksenker, Psychopharmaka oder Schilddrüsenmedikamente sind zuweilen schwer zu bekommen. Foto: dpa/Hans-Jürgen Wiedl

Filder/Esslingen - Anfang März ist der Großhandel in die Knie gegangen“, erinnert sich der Filderstädter Apotheker Carsten Wagner. Wie in vielen anderen Branchen hat das Coronavirus auch bei den Apotheken viel Wirbel ausgelöst. Die Pandemie hat Schwachstellen des deutschen Gesundheitssystems offenbart. Die Filderstädter Apotheker Carsten und Blanka Wagner sowie Eberhard Wächter, der eine Apotheke in Echterdingen betreibt, haben Anfang dieser Woche mit dem CDU-Gesundheitspolitiker und Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich über ein Umdenken bei der Medikamentenversorgung gesprochen.

Nächtelang Desinfektionsmittel hergestellt

Vor allem die plötzliche Nachfrage nach Desinfektionsmittel sei anfangs kaum noch zu decken gewesen. „Wir haben nächtelang Desinfektionsmittel hergestellt“, berichtet der Filderstädter Apotheker Wagner. Der Bestand sei stets „blitzschnell“ weg gewesen. Die Rohstoffe zur Herstellung seien bald nur noch schwer zu bekommen gewesen. Zu dieser Zeit seien zwei bis drei Mitarbeiter nur noch damit beschäftigt gewesen, telefonisch nach Lieferanten für Rohstoffe zu fahnden. Inzwischen habe sich die Situation beim Desinfektionsmittel wieder beruhigt. „Die Nachfrage ist gesunken, und langsam springt auch der Großhandel wieder an“, ergänzt der Echterdinger Apotheker Eberhard Wächter.

Zahlreiche Medikamente seien dagegen bis heute nur schwer zu bekommen, beispielsweise Blutdrucksenker, Psychopharmaka oder Schilddrüsenmedikamente. Ein Umstieg auf andere als die gewohnten Pillen zieht oftmals gesundheitliche Folgen für die Patienten nach sich, weil nicht jeder alle Präparate gleich gut verträgt. Deshalb haben die Apotheker ihre Warenbestände, wo es ging, hochgefahren. Sie haben Vorräte für bis zu drei Monate auf Lager. Vor Corona hatten sie Vorräte für rund einen Monat im Bestand. Trotzdem mussten auch vor der Pandemie schon Patienten ohne Medikamente wieder nach Hause geschickt werden, weil sie nicht verfügbar gewesen seien.

Lange Lieferketten als großes Problem

Die momentane Medikamentenknappheit hat aus Sicht der Apotheker von der Filderebene mehrere Gründe. Zum einen seien Hamsterkäufe für die plötzliche hohe Nachfrage ursächlich gewesen. „Im März haben viele Menschen verstanden, dass Corona ein Thema wird“, sagt Carsten Wagner. Ein weiteres Problem seien die geringen Lagerbestände des Großhandels sowie die Lieferketten um den halben Planeten, erklärt der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich. Derzeit lagere der Großhandel Medikamente für zwei Wochen im Voraus ein. Besser wäre es seiner Meinung nach, wenn es sechs Wochen wären. Hinzu komme, dass die Herstellung vieler Medikamente an Lieferketten aus Asien gebunden sei. „Das Rad müssen wir zurückdrehen“, meint Hennrich. Die lange Lieferkette sei bereits vor der Corona-Krise ein Problem gewesen, berichtet der Bundestagsabgeordnete. Besser sei es, die Medikamentenversorgung in Europa zu sichern. „Dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen.“

Ob aktuell geltende Ausnahmeregelungen auch über die Corona-Krise hinaus Bestand haben sollten, darüber wird in den kommenden Monaten gerungen. Positiv ist aus Sicht der Apotheker die stärkere Bezuschussung der Lieferdienste durch die Krankenkassen. „Vor allem ältere Patienten haben Angst, in die Apotheke zu kommen“, vermutet Wagner. Auf das Doppelte bis Dreifache schätzen die Apotheker die Botentouren seit Beginn der Coronakrise.

Auch die momentane Aussetzung der sogenannten Rabattverträge könnte aus Sicht der Apotheker beibehalten werden. In den Rabattverträgen schreiben die Krankenkassen vor, Patienten nur das Medikament eines bestimmten Herstellers und kein Präparat mit demselben Wirkstoff eines anderen Herstellers zu geben. Der Vorteil ist ein niedriger Preis, der Nachteil eine geringere Flexibilität und eine schlechtere Lieferfähigkeit.




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