Apotheker im Kreis klagen „Apotheken werden weiter kaputtgespart“

Sie fordern eine Erhöhung der festgelegten Honorare bei verschreibungspflichtigen Medikamenten: Matthias Kühnle (links) und der Kirchheimer Apotheker Tobias Raichle. Foto: Carsten Riedl

Die geplante Apothekenreform widerspreche dem Koalitionsvertrag, kritisieren lokale Apotheker – sie fordern eine „überfällige Honorarerhöhung“.

Es ist ein Problem, das eine ganze Branche betrifft: Seit 20 Jahren wurde für Apotheken die Vergütung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht mehr nennenswert angepasst, die laut den Apothekern Matthias Kühnle und Tobias Raichle rund 80 Prozent des Umsatzes ausmachen.

 

Im Jahr 2004 lag das Fix-Honorar pro Packung bei 8,10 Euro, seit dem Jahr 2005 stagniert dieses bei 8,35 Euro. „Die Apothekerschaft kritisiert deutlich, dass die im Koalitionsvertrag zugesagte Anpassung ausbleibt, obwohl unsere Betriebskosten seit 2013 um rund 65 Prozent gestiegen sind“, erklärt der Apotheker Philipp Wälde. Er hat sechs Apotheken im Kreis Göppingen und ist außerdem Vorstandsmitglied der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

„Das ist ein klarer Vertragsbruch seitens der Politik und damit völlig inakzeptabel.“

Matthias Kühnle, Apotheker

Im aktuellen Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung war eigentlich eine Erhöhung des Fix-Honorars auf 9,50 Euro verankert, in der im Dezember vom Bundeskabinett beschlossenen Apothekenreform von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ist davon allerdings nichts mehr zu lesen. „Das ist ein klarer Vertragsbruch seitens der Politik und damit völlig inakzeptabel. Man kann uns im Wahlkampf nicht erst die längst überfällige und dringend notwendige Erhöhung versprechen und das dann im Nachgang wieder komplett unter den Tisch fallen lassen“, ärgern sich die Apotheker Matthias Kühnle und Tobias Raichle. „Dass die Erhöhung des Fixhonorars auf 9,50 Euro erneut nicht umgesetzt wurde, trifft uns hart“, bestätigt auch Philipp Wälde.

Ohne diese Anpassung bleibe die wirtschaftliche Lage vieler Apotheken extrem angespannt. „Wir stehen vor denselben Herausforderungen wie andere mittelständische Betriebe – steigenden Personal , Energie und Bürokratiekosten – nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir unsere Preise nicht selbst anpassen können“, erläutert Wälde.

Apotheker: der Politik fehlt jegliche Wertschätzung

Wer einen so konkreten Betrag wie 9,50 Euro vertraglich festhalte, der müsse vorab auch durchgerechnet haben, ob das finanzierbar sei. Ganz davon abgesehen, dass mehr als zwölf Euro als Fix-Honorar pro abgegebener Packung eines verschreibungspflichtigen Medikaments eigentlich nötig wären, um allein die Inflation der letzten 20 Jahre annähernd auszugleichen. „Die Apotheken werden weiterhin kaputtgespart“, sagen Matthias Kühnle und Tobias Raichl.

Der Politik fehle jegliche Wertschätzung für die tägliche Arbeit der Apotheker und deren Bedeutung für die flächendeckende Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Es gehe nach 20 Jahren um eine Erhöhung von gerade mal 1,15 Euro. „Das würde uns zumindest eine erste Entlastung bringen“, betonen die beiden Apotheker.

„Die Honoraranhebung wäre dringend notwendig, um reale Kostensteigerungen und Personalaufwand auszugleichen. Ihr Ausbleiben befeuert das Apothekensterben weiter“, bestätigt auch Philipp Wälde. 2025 habe es bundesweit über 500 Schließungen bei nur wenigen Neueröffnungen gegeben – der niedrigste Stand seit Jahrzehnten. „Jede weitere Schließung schwächt auch in unserem Kreis die wohnortnahe Versorgung und nimmt uns die ohnehin begrenzte Planungssicherheit“, ergänzt der Göppinger Apotheker.

Apotheke als Anlaufstelle in Gesundheitsfragen

Matthias Kühnle ist Inhaber dreier Apotheken, davon eine in Schlierbach. Tobias Raichle war seither Filialleiter der Kirchheimer Ärztezentrum-Apotheke und hat zum Jahresbeginn diese plus weitere Filialen übernommen. Beide sehen die Apotheke als erste, niederschwellige Anlaufstelle in Gesundheitsfragen. Dennoch stellen sie fest, dass die wirtschaftliche Lage immer schwieriger wird. „Das alte Bild des reichen Apothekers stimmt heute nicht mehr. Es ist noch in vielen Köpfen verankert, entspricht aber in den meisten Fällen nicht mehr den Tatsachen“, sagt Matthias Kühnle.

„Faktisch betrachtet kann man die seit 20 Jahren ausbleibende Honoraranpassung mit einem Arbeitnehmer vergleichen, der 60 bis 80 Prozent weniger Gehalt bei gleichzeitig stetig zunehmender Arbeit erhält. Darüber hinaus ist wichtig, Umsatz nicht mit Ertrag gleichzusetzen. Der Ertrag ist es, von dem wir leben, und dieser sinkt unter den genannten Bedingungen immer weiter.“

Positiv an der Apothekenreform bewertet Apotheker Philipp Wälde einzelne Punkte wie erleichterte Austauschmöglichkeiten bei Lieferengpässen, höhere Notdienstzuschläge und zusätzliche Präventionsangebote in den Apotheken.

Versandapotheken aus dem Ausland

Wettbewerb
Belastend bleibe, dass ausländische Versandapotheken weiterhin unter völlig anderen Regeln agieren, Boni gewähren dürfen und nicht zu Notdiensten, regionalen Arbeitsplätzen oder Sozialabgaben beitragen würden, erläutert der Apotheker Philipp Wälde. „Das verzerrt den Wettbewerb massiv und höhlt unser wohnortnahes Versorgungssystem aus“, betont der Göppinger Apotheker. Er fordert ein Versandhandelsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Mit nationalen Versandapotheken hingegen habe die Apothekerschaft kein Problem – „das ist fairer Wettbewerb innerhalb desselben Regelwerks“.

Weitere Themen