App Midiaid aus Stuttgart Wie Tinder – so finden werdende Eltern eine Hebamme

Jörg Ulmer (39) und Heike Ulmer (39) haben ihre Stärken vereint. Er ist Informatiker und sie ist Hebamme in Stuttgart. Foto: /Gökalp

Werdende Eltern suchen mitunter verzweifelt nach einer Hebamme. Das Ehepaar Heike und Jörg Ulmer hat mit der Plattform Midiaid in Stuttgart eine App entwickelt, die genau dieses Problem lösen will – und wie Tinder funktioniert.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Auf die Idee, in Stuttgart eine App für überarbeitete Hebammen zu entwickeln, kam der Informatiker Jörg Ulmer im Jahr 2018 – durch seine Frau Heike. In jener Zeit sei der Arbeitsalltag der 39-jährigen Hebamme ein großes Chaos gewesen.

 

Sie arbeitete schon damals unter anderem in der Frauenklinik im Klinikum Stuttgart. Durch den Fachkräftemangel bei Hebammen sei ihr Alltag schwerer geworden. „Tagsüber musste ich bis zu zehn Anrufe von werdenden Müttern annehmen, und auch nach der Arbeit habe ich noch zwei Stunden nur Menschen angerufen, denen ich absagen musste“, sagt die Hebamme heute. Auch wenn man die Betreuung für manche Paare nicht übernehmen könnte, müsse man sich die Zeit nehmen, ihnen weiterzuhelfen – wenn das möglich sei.

Drei Matches pro Tag

Heute ist Heike Ulmer zusammen mit ihrem 39-jährigen Ehemann und ihrem gemeinsamen Geschäftspartner, dem 38-jährigen Informatiker Ivan Senic, Gründerin und Betreiberin der kostenlosen Online-Plattform Midiaid. Die Idee dahinter sei eine Art Partnervermittlung für werdende Eltern und Hebammen. Nur sei die Anzahl möglicher Treffer, sogenannter Matches, auf drei Stück pro Tag festgelegt. Dafür werden nur Hebammen aufgelistet, die verfügbar sind. Dadurch sparten alle Beteiligten Zeit ein.

Keine Flut von Anrufen mehr

Heike Ulmer sagt, dass sie die App nutze, um ihren Arbeitsalltag und die Betreuung mit ihren Kundinnen zu organisieren, wenn sie ambulant unterwegs sei. „Ich finde leichter zu den Müttern, die ich betreuen will, weil ich sie nach einem bestimmten Radius in der Stadt aussuchen kann“, sagt sie. Und für die Mütter sei es einfacher, die Hebammen zu finden. Man müsse nicht 50 Anrufe tätigen, bis man jemanden gefunden habe, sondern kriegt das leichter über die App vermittelt. Und wenn Eltern tatsächlich niemanden finden würden, landeten sie auf einer Warteliste, auf der sie dann von den Hebammen selbst ausgesucht werden könnten, wenn diese spontan doch noch frei würden. „Wir Informatiker sind grundlegend faul, aber pragmatisch“, sagt Heike Ulmers Ehemann Jörg Ulmer. Er habe damals bei seiner Frau erkannt, dass die Organisation der Hebammen-Vermittlung nicht gut durchdacht sei, was zu ihrer Überlastung geführt habe.

„Damals gab es von den Kreisverbänden Listen mit den Namen der Hebammen oder Online-Plattformen, auf denen man sich als Eltern Hebammen suchen konnte“, sagt er. Das Problem sei gewesen, dass nicht zu erkennen gewesen sei, wer noch verfügbar war und wer nicht. „Daher passierte es, dass meine Frau sogar im Urlaub noch mit Anrufen bombardiert wurde“, sagt er. Da habe er nach einer Lösung suchen wollen.

Die Plattform wächst

Zusammen mit seinem Freund und Partner Ivan Senic hat der Informatiker 2018 seinen Job gekündigt und über Jahre an ihrem Start-up gearbeitet. „Wir hätten viel Geld mit unseren Gehältern als Informatiker verdienen können“, sagt Senic. Darauf hätten sie jedoch verzichtet, und inzwischen hätte sich das ausgezahlt. Über Premium-Mitgliedschaften für 19,99 Euro würden sie mit der Plattform auch etwas verdienen, und Midiaid wachse auch in Städten wie Hamburg oder Berlin. „Alleine letzten Monat hatten wir 500 Matches“, sagt Senic. Jeden Tag würden zudem um die hundert Aktivitäten unter den Nutzern stattfinden. Aus ihrem privaten Vermögen hätten sie zudem bisher 20 000 Euro in die App investiert.

500 Matches in einem Monat

Ein wichtiges Thema ist auch die Frage des Datenschutzes. „Seit Gründung des Start-ups haben uns mehrere Unternehmen kontaktiert, die wollten, dass wir ihnen die Daten unserer Nutzerinnen verkaufen“, sagt Jörg Ulmer. Insbesondere Hersteller von Babyprodukten hätten Interesse gezeigt, den werdenden Müttern gezielte Werbung zuspielen zu können. Doch die Unternehmer betonen gerne die Werte ihres Start-ups. „Wir geben keine Daten raus“, sagt Ulmer. Daher haben sie bisher auch keine zusätzlichen Investoren ins Boot geholt und nur aus eigener Tasche gewirtschaftet.

„Uns ging es darum, ganz unnötige Arbeitsschritte zu umgehen und die Hebammen und Eltern zu entlasten“, sagt er. Und er wollte, dass seine Frau mehr Zeit für die Familie hat. Dieses Ziel kann er zumindest von seiner Liste streichen, denn durch die App habe die Flut an Anrufen auch für Heike Ulmer nachgelassen.

Lauterbach plant mehr Personalkosten für Hebammen

Reform
 Der Bundestag hat am Freitag ein Gesetzespaket der Ampelkoalition beschlossen, das die Krankenhäuser in Deutschland stärker von wirtschaftlichem Druck lösen soll. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte: „Nicht mehr ökonomischer Zwang, sondern medizinische Notwendigkeit soll künftig in den Kliniken über die Behandlung entscheiden.“ Die Krankenhäuser verlangten eine umfassender gesicherte Finanzierung, Vertreter der Pflegeberufe dringende Lösungen gegen Fachkräftenot.

Personalkosten
Um das Netz der Kliniken mit Geburtshilfeabteilungen zu erhalten, sollen die Länder in Zukunft zusätzliches Geld bekommen – und zwar jeweils die Summe von 120 Millionen Euro für 2023 und 2024. Die Personalkosten für Hebammen sollen ab 2025 umfassender abgesichert werden. „Jede Hebamme, die im Krankenhaus arbeitet, wird voll finanziert“, sagte Lauterbach. 

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