Apple-Gründer Steve Jobs im Kino Ein Houdini der Denkbefreiung

  Foto: Gau Productions
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Ein Fernsehinterview mit Steve Jobs von 1995 kommt jetzt in die Kinos. Was kann daran so spannend sein? Der Apple-Gründer war seiner Zeit weit voraus.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Das Problem von Microsoft, sagt Apple-Mitbegründer Steve Jobs, sei der völlige Mangel an Stil. Solche Attacken auf den Rivalen am Computermarkt hat er immer mal wieder geritten. Aber in diesem Interview argumentiert er nicht aus einer Position der Stärke heraus. Wir schreiben das Jahr 1995. Zur Lage von Apple fällt Jobs nur Herbes ein: die Firma sieche ihrem Ende entgegen.

„Steve Jobs – The Lost Interview“ ist fürs Fernsehen entstanden. Der Journalist Bob Cringely arbeitete an einer Serie über die Entwicklung des Computers und fragte auch Steve Jobs nach seinen Erinnerungen an die ersten Kontakte mit der Informatik und an die Gründungsjahre von Apple.

An Jobs war noch heranzukommen. Mit Apple hatte er damals nichts mehr zu tun, er war schon 1985 bei einem internen Machtkampf aus der Firma hinaus­gedrängt worden. Jobs leitete die Firma Next, anfangs ein Computerhersteller, der 1995 nur noch Software entwickelte.

Jobs’ Charisma und seine Spürnase retten Apple

Dass Jobs im Jahr darauf in die Chefetage des am Rande des Bankrotts stehenden Computerpioniers Apple zurückkehren und eine beispiellose Gesundung einleiten würde, konnte niemand ahnen. Wie untrennbar dieser Erfolg mit der Spürnase und dem Charisma von Jobs verknüpft war, belegt wohl besser als jede Zahlenreihe dieser Film. Welcher andere Wirtschaftsboss würde wohl als so attraktiv eingestuft, dass man es wagen würde, ein Interview mit ihm ins Kino zu bringen? Eine einzige Einstellung auch noch, kein Gegenschuss, derselbe sprechende Kopf siebzig Minuten lang? Jobs ist oft spöttisch als Guru bezeichnet worden, aber der harte Kern der Apple-Kunden findet dass nicht einmal despektierlich, sondern zutreffend.

Jobs war kein Ausnahmeprogrammierer. Aber er war ein Naturtalent nicht nur des Marketing, sondern der Trenderspürung, der Bedürfnisabschätzung und Bedürfnislenkung, ein Houdini der Selbstbefreiung aus Denkgrenzen. In diesem Interview von 1995 spricht er über das Internet so, wie das viele Verantwortliche der Wirtschaft noch zehn Jahre später nicht konnten. Das Web sei der große Fortschritt vom Computer als Rechenmaschine zum Computer als Kommunikationsinstrument. Der ganze Bereich des Versandhandels werde ins Netz wandern, sagt er. „Im Web kann die kleinste Firma der Welt genau so auftreten wie die größte.“

Man muss den im Oktober 2011 gestorbenen Jobs nicht mögen, um dieses Interview interessant zu finden. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, davon, wie er und ein paar Kumpel herumbastelten, um mittels einer Pieptonapparatur kostenlose Ferngespräche führen zu können, obwohl sie niemanden anderswo kannten und nichts zu übermitteln hatten, dann wird klar, was für ein Nerd er war. Anders gesagt: man wird dann daran erinnert, dass Jobs einer von denen war, denen man am allerwenigsten zugetraut hätte, mal eine wichtige Rolle zu spielen.




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