Arbeit Kreis Esslingen „Mein eigenes Ding“ – Motiviert die Wirtschaftskrise zur Gründung?

Elena Pohl (rechts im linken Bild) ist mehrere Monate nach Eröffnung eines Baby-Second-Hand-Ladens in Deizisau mit ihrer Geschäftspartnerin Carina Roller zufrieden. Foto: Sebastian Xanke/Imago

Wieder mehr Menschen gründen ihr eigenes Unternehmen – auch im Kreis Esslingen. Motor ist die Krise in der Industrie. Wie erfolgsversprechend ist ein solcher Wechsel?

Reporterin: Greta Gramberg (gg)

Das Thema ist trocken: Es geht um Steuern, Buchführung, Formulare fürs Finanzamt, E-Rechnungen. Dennoch sind die Plätze gut belegt beim „Founder’s Hub“ der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Esslingen. „Den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung auszufüllen, war krass“, erinnert sich Elena Pohl an die herausfordernden Seiten ihrer Gründung vor wenigen Monaten – die betreffen vor allem die viel beklagten bürokratischen Hürden in Deutschland. Diesen zum Trotz ist zuletzt das Interesse an Unternehmensgründungen wieder gestiegen, mehr Menschen wollen das Risiko der Selbstständigkeit eingehen. Mit dazu beigetragen hat wohl ausgerechnet die Krise der heimischen Industrie. Wie passt das zusammen?

 

„Die Gründungsdynamik zieht in der Krise nach oben“, erklärt Christoph Nold, Geschäftsführer der Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Das sei ein bekanntes Muster und werde sich wohl auch im derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Umfeld zeigen. Nach Jahren des Anstiegs sinkt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung seit einer Weile wieder, die Arbeitslosigkeit steigt, das Angebot an offenen Stellen wird kleiner. Im Gegenzug ist in den vergangenen Monaten das Interesse an den Gründungsberatungen der IHK gestiegen. Diese berät in Einzelgesprächen und bietet bei Veranstaltungen wie dem „Founder’s Hub“ Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten.

Motivation für eine Gründung sei bei einigen Menschen die Notsituation, keine neue Anstellung zu finden, erklärt Nold. Andere seien einfach überzeugt von ihrer Geschäftsidee. Derzeit gebe es darüber hinaus ein neues Phänomen: Gründungen ab 50. „Das sind oft langjährige, erfahrene Mitarbeiter, die mit einem goldenen Handschlag von ihrem Arbeitgeber verabschiedet werden – aber noch nicht am Ende ihres Berufslebens stehen.“ Einige, die bislang in Führungspositionen in Unternehmen beschäftigt waren, wollen sich nun als Beraterinnen und Berater selbstständig machen, führt der IHK-Geschäftsführer aus.

Elena Pohl, Gründerin, und Christoph Nold, Geschäftsführer der IHK Esslingen-Nürtingen, beim „Founder’s Hub“ in Esslingen. Foto: Greta Gramberg

Krisenzeiten in der Wirtschaft im Kreis Esslingen

In Krisenzeiten sei die Personengruppe, die aus der Not heraus handele, sicher größer als sonst, sagt Nold – ob diese Gründungen dann Zukunft haben, hängt aber von weiteren Faktoren ab. Neben dem Bedarf am Markt brauche es Energie, einen gewissen Unternehmergeist und Feuer für die eigene Idee, um ein Geschäft erfolgreich aufzubauen. Denn am Ende müsse es sich rechnen.

Elena Pohl gehört zur Kategorie der überzeugten Gründerinnen. Sie hat im November 2025 mit einer Freundin einen Kinder-Second-Hand-Laden in Deizisau eröffnet – eine Geschäftsidee, die sie schon länger hatte. „Ich kaufe für meine Kinder Second-Hand-Kleidung und -Spielsachen. Und ich organisiere Kindersachenbazare mit.“ Die Nachfrage sei da – einerseits, weil immer mehr Menschen auf Nachhaltigkeit Wert legten, andererseits auch immer mehr Familien sparen wollten oder müssten. Die derzeitige Krise, sie spielt den beiden Gründerinnen ein Stück weit in die Hände.

Anlass für die Eröffnung ihres Ladens Ribimbi ist sie aber nicht, betont Elena Pohl. Die 40-Jährige hat noch immer eine 40-Prozent-Teilzeitstelle im Marketing einer Firma. Ihre Partnerin Carina Roller ist Erzieherin und derzeit in Elternzeit. Das Geschäft ist nur von Donnerstag bis Samstag geöffnet.

Kinder-Second-Hand-Laden in Deizisau: Gründerinnen im Nebenerwerb

„Viele, die eine Idee im Kopf, eine Vision vor Augen haben, setzen alles auf diese eine Karte. Aber das ist ein großer Sprung“, sagt Christoph Nold. Deswegen gebe es auch viele Unternehmerinnen wie Elena Pohl, die im Nebenerwerb gründen und aus einer gewissen Sicherheit heraus handeln. Irgendwann stelle sich dann aber die Frage, ob man ganz auf die Selbstständigkeit setze.

Für Elena Pohl nicht. Sie und ihre Partnerin wollen weiterhin auch in Anstellung bleiben. „Mein anderer Job macht mir Spaß“, sagt sie, die Kombination aus beiden Welten gefällt ihr. „Es ist einfach was ganz anderes mit dem Laden, mein eigenes Ding.“ Den Start beschreibt die Gründerin als besser als gedacht: Das Geschäft trage sich schon ganz gut, auch wenn die Investitionen noch nicht amortisiert seien.

Gründerspirit im Kreis Esslingen: Bürokratie als Hürde

„Es freut uns, dass wieder mehr Menschen den Gründerspirit haben und nach vorne schauen“, sagt IHK-Geschäftsführer Nold. An die eigene Idee und den Standort Kreis Esslingen zu glauben, das mache Mut und bedeute Investitionen in den Standort. Seine Kammer fordert, Deutschland müsse gründungsfreundlicher werden. Dabei geht es weniger um Fördermöglichkeiten, die laut Nold je nach Bereich sehr unterschiedlich sind. Sondern vielmehr um die bürokratischen Formalien.

„Manches war wirklich schwierig“, stimmt Elena Pohl zu – und schildert, dass ihr unter anderem die unterschiedlichen Behördenzuständigkeiten zu schaffen machen. Die IHK fordert, dass eine Gründung in 24 Stunden möglich wird, indem alle Formalitäten an einer Stelle erledigt werden können – und das digital.

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