Arbeit und Ungleichheit Weniger arbeiten muss man sich leisten können

Bergmann im Ruhrrevier. Ein Mann, der echte Maloche noch kannte und lebte. Foto: dpa/Oliver Berg

Weshalb der Trend zum weniger Arbeiten auch Ausdruck der Ungleichheit in Deutschland ist. Private Fragen der Lebensgestaltung gewinnen gesellschaftliche Bedeutung. Hier finden Sie einige verstreute Gedanken zur Bedeutung der Arbeit.

Richtig zu leben ist schwer. Sonst gäbe es keine zahlreiche Ratgeberliteratur, die sich diesem Thema widmet. Wobei das Elend schon mit der Frage beginnt, worin es eigentlich besteht, das richtige Leben. Festzuhalten bleibt, dass es eines gewissen Wohlstands bedarf, um die Suche nach dem Sinn dieses Daseins – um das geht es ja – aufnehmen zu können. In der Sklavenhaltergesellschaft des antiken Roms fand allein die Oberschicht ausreichend Zeit für das, was sie als „Otium“ (Muße) bezeichnete. Der Stoiker und Staatsmann Seneca, ein schwerreicher Mann im Umkreis des Kaisers Nero, konstatierte melancholisch: „Nur einen kleinen Teil des Lebens leben wir. Die ganze übrige Dauer ist es ja nicht Leben, sondern bloß Zeit.“ (Seneca, De brevitate vitae).

 

Die Arbeit ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit

Solche Luxusprobleme kannten die Sklaven der Römer nicht. Ihnen schenkte das Christentum Trost, das in der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts – Seneca stand in der Blüte seines Lebens – in Rom Fuß zu fassen begann. Mühsal und Schweiß kennzeichneten das Leben der Sklaven und kleinen Leute. Man kann es auch Arbeit nennen. Arbeit aber ist – biblisch gesprochen – das Resultat des Ungehorsams gegen Gott – die Folge des Sündenfalls. So gesehen haftet ihr ein Degout an. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du gekommen bist.“ So spricht Jahwe zu Adam, dem von Eva verführten Missetäter. Zugleich aber wird der Arbeit durch die biblische Geschichte vom Sündenfall eine zentrale Rolle für die menschliche Existenz zugewiesen. Menschsein bedeutet zu arbeiten: Ora et labora. Martin Luther sagte: „Wie der Vogel zum Fliegen, so ist der Mensch geboren zum Arbeiten.“ Der Soziologe Max Weber erkannte in der protestantischen Arbeitsethik eine treibende Kraft für das Aufblühen des Kapitalismus.

Als die Industrialisierung die neu entstehende Arbeiterklasse in die Verelendung zwang, sahen sich die Kirchen bei aller Wertschätzung der Arbeit zum Einschreiten bemüßigt. Arbeit soll den Menschen nicht zerstören. Immerhin beschreibt das Alte Testament den Menschen als Ebenbild Gottes. Mit der Enzyklika „Rerum novarum“ („die Neuen Verhältnisse“, 1891) begann die Katholische Kirche, die Arbeit als sinnstiftendes Spezifikum menschlicher Existenz herauszuarbeiten. Ging es zunächst um die Abwehr von Sozialismus und Liberalismus, so verband der polnische Papst Johannes Paul II. 1981 in der Enzyklika „Laborem exercens“ („Die Arbeit ausübend“) den ethischen Wert der Arbeit mit der Selbstbestimmung der Person. „Die Arbeit ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit.“

Die Arbeit verliert ihren zentralen Stellenwert

Dieser Gedanke erfreut sich in unseren Tagen allergrößter Zustimmung. Die Arbeit verliert für einen gut gestellten Teil der Gesellschaft ihren zentralen Stellenwert und wird zu einer Handlungsoption unter anderen. Der Beruf verleiht Status, bereitet im gelingenden Fall durchaus Freude, ist aber nicht mehr zentraler Lebensinhalt und auch nicht zur Sicherung der materiellen Existenz unverzichtbar.  Teilzeitarbeit, Drei-Tage-Woche, das Sabbatjahr schon bald nach Erlangung der ersten festen Stelle muss man sich leisten können. Die ökonomische Grundlage finden diese Formen der individualisierten Lebensgestaltung in elterlichen Geldzuwendungen und in der Erwartung hoher Erbschaften. Fallen diese üppig aus, lässt sich aus Mieteinnahmen und Kapitalerträgen ein Leben in relativer Muße – sei es sinnstiftend oder auch nicht – bestreiten. Das Vermögen vermehrt sich in der deutschen Gesellschaft von selbst; wer es mit Arbeit versucht, muss schon sehr gut verdienen.

Die Abwertung der Arbeit bleibt nicht folgenlos. In einer überalternden Gesellschaft verliert die Wirtschaft ihre Dynamik. Unternehmen fehlen Arbeitskräfte. Die sozialen Sicherungssysteme geraten noch mehr unter Druck – zu Lasten derer, die voll arbeiten müssen und dennoch sehr viel weniger verdienen als beispielsweise gut ausgebildete Teilzeitärztinnen oder Teilzeitlehrer. Es handelt sich stets um höchst private Entscheidungen zur Lebensführung – zum Teil auch im Kontext von Familie und Kindern –, die aber in der Summe die gesamte Gesellschaft berühren.

Während die einen schuften, finden die anderen Spielraum für das, was die Römer Otium – Muße – nannten. Seneca empfahl für diese Stunden der wahren oder auch nur vermeintlichen Selbstfindung das Philosophieren. Dieses verhalf ihm zu der nötigen Seelenruhe (Ataraxia), um sich – an allerhöchster Stelle in Ungnade gefallen – gefassten Sinnes im Wasserbad die Pulsadern aufzuschneiden, als Kaiser Nero ihm dies befahl.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Kolumne Arbeit