Arbeiten auf dem Kreuzfahrtschiff Der Traum vom Job an Bord

Alrhazdy Paber (24) aus Zamboanga City auf der philippinischen Südinsel Mindano machte gerade eine Ausbildung als Kabinenstewart. Foto: Susanne Hamann

Crewmitglieder von Kreuzfahrtschiffen sehen zwar die weite Welt, müssen dafür aber hart arbeiten und haben kaum Privatsphäre. Dennoch drängt es vor allem Menschen von den Philippinen auf See. Welche Träume, Hoffnungen und Probleme haben sie? Ein Blick hinter die Kulissen.

Leben: Susanne Hamann (sur)

Manila - Die Gäste des Restaurants Illumine in Manila müssen sich ständig an neue Angestellte gewöhnen. Kaum eingearbeitet, ist der Kellner oder die Bedienung wieder weg. Das liegt nicht daran, dass das Personal entlassen worden wäre. Im Gegenteil. Die, die man nicht mehr sieht, haben ihr Ziel erreicht: Sie arbeiten nun auf einem Kreuzfahrtschiff.

 

Das Lokal Illumine liegt im dritten Stock eines Hochhauses im Zentrum von Manila und gehört zum Trainingszentrum der Firma Magsaysay. Magsaysay ist eine Personalagentur, die größte ihrer Art in den Philippinen. Sie vermittelt Krankenschwestern nach Japan, Hausmädchen in die Emirate, Bauarbeiter nach Saudi-Arabien. Und vor allem Personal an Reedereien – vom einfachen Spüler bis zum gehobenen nautischen Dienst. „Derzeit haben wir rund 32 300 Leute an Bord. Sie sind auf 234 Schiffe verteilt“, sagt Doris Magsaysay-Ho, die Chefin der Personalagentur.

Für die Arbeit wegzugehen ist auf den Philippinen ganz normal

Die Philippinen haben 108 Millionen Einwohner, der Altersdurchschnitt liegt bei 24 Jahren. Gut bezahlte Jobs in der Heimat sind Mangelware, also gehen viele junge Leute ins Ausland. Overseas Filipino Workers nennt man die Gastarbeiter. Schätzungen zufolge gibt es zehn Millionen, der Ninoy-Aquino-Flughafen in Manila hat sogar eigene Flugschalter für sie eingerichtet. Der Verdienst der Gastarbeiter fließt zum Großteil zurück an die Familien in der Heimat – steuerfrei. So werden zehn Prozent des Bruttosozialprodukts der Philippinen erwirtschaftet. 2018 waren es 28,9 Milliarden US-Dollar (25,85 Milliarden Euro), davon kamen 6,1 Milliarden US-Dollar (5,46 Milliarden Euro) von Kreuzfahrtangestellten.

Die Agentur Magsaysay wählt für Kunden wie Aida Cruises oder Costa Kreuzfahrten die Bewerber aus und organisiert die Ausbildung. Zum Beispiel im Restaurant Illumine. Hier wird Kochen und Servieren geübt. Ständig tritt ein Kellner an den Tisch und stellt Fragen: „Haben Sie irgendwelche Allergien?“, „Wünschen Sie einen Shake aus Mango oder Wassermelone?“, „Noch etwas Brot, Madam?“ – so ähnlich sprechen die Servicemitarbeiter auch später mit den Passagieren. Neben dem Lokal befinden sich eine Küche und viele Klassenzimmer. In einem läuft gerade ein Vortrag über Sicherheitsvorkehrungen. Signaltöne erkennen und die Rettungsweste anziehen steht auf dem Stundenplan. Im nächsten Raum üben angehende Housekeeping-Mitarbeiter, wie man aus Handtüchern Tiere faltet. Alrhazdy Paber (24) aus Zamboanga City auf der philippinischen Südinsel Mindanao schlingt eifrig Frottee zu Schwänen oder Schildkröten. „Ich habe viele Freunde, die an Bord arbeiten. Das will ich auch schaffen“, sagt er schüchtern.

Zehn Monate an Bord, zwei Monate frei

Regan Labalan (39) aus Legaspi City, einer Stadt auf der Hauptinsel Luzon, hat es schon geschafft. 2002 heuerte er zum ersten Mal auf der „Aida Cara“ an. In 17 Jahren hat er sich von der Küchenhilfskraft zum Restaurantmanager hochgearbeitet. Er hat gerade frei und nutzt die Zeit, um im Trainingszentrum in Manila seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Das zahlt sich aus – als Bonus vom Arbeitgeber und bei den Trinkgeldern. Wer Deutsch auf einem gewissen Niveau spricht, bekommt bei Aida Cruises 200 Dollar mehr Lohn im Monat. Demnächst geht es für Regan Labalan wieder an Bord. Wie die meisten Mitarbeiter von den Philippinen entscheidet er sich bei seinen Verträgen für zehn Monate an Bord und zwei Monate Urlaub. Die Laufzeit kann jeder frei wählen. „Es war schwer am Anfang, von der Familie getrennt zu sein, aber ich bin daran gewachsen“, erzählt der 39-Jährige.

Die von Magsaysay ausgewählten und geschulten Mitarbeiter werden von Aida noch weiter ausgebildet, bevor es wirklich an Bord geht. Dafür zuständig ist Walter Kuhnert. „Wir versuchen, so viel wie möglich im Vorfeld zu vermitteln“, sagt der 46-Jährige, der seit 2008 in Manila lebt. Dazu gehören nicht nur Fähigkeiten wie das faltenfreie Bettenbeziehen oder der Umgang mit bestimmten Reinigungsmitteln. „Wir bereiten die Bewerber auch auf das Leben auf See vor. Einen Kulturschock und Heimweh hat am Anfang jeder“, sagt Walter Kuhnert.

97 Prozent der Aida-Crew bleibt dabei und schließt einen weiteren Vertrag

Die zukünftigen Mitarbeiter sollen wissen, worauf sie sich einlassen: Meist teilen sich zwei Kollegen eine Kabine, was die Privatsphäre einschränkt. Nur höherrangige Mitarbeiter haben Anspruch auf ein Einzelzimmer. Gearbeitet wird bis zu elf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Arbeitsbedingungen regelt das Seearbeitsübereinkommen, die Maritime Labour Convention. „Bei Aida schließen 97 Prozent der Mitarbeiter einen weiteren Vertrag ab“, sagt Präsident Felix Eichhorn. MSC Kreuzfahrten spricht von 85 bis 90 Prozent Verbleibequote.

Die Arbeit an Bord ist belastend – das bekommt Olaf Schröder täglich mit. Der 47-Jährige arbeitet als Diakon bei der deutschen Seemannsmission in Hamburg. Die kirchlich unterstützte Einrichtung unterhält sogenannte Seafarer Lounges – Räume, in denen sich die Crew von Kreuzfahrtschiffen zurückziehen kann, solange ihr Schiff in Hamburg vor Anker liegt. In den Seemannsclubs gibt es Getränke, freies WLAN und einen kleinen Laden, der zu fairen Preisen Hygieneartikel oder Mitbringsel für die Lieben zu Hause verkauft. Im Angebot sind auch Lebensmittel, die die Seeleute vermissen: Krabbenchips, spezielle Tütensuppen, besonders scharfes Chili. „So kommt Heimat auf die Zunge“, sagt Olaf Schröder. Natürlich gibt es Vollverpflegung an Bord, aber manchmal muss es eben etwas Spezielles sein.

Kritiker fordern einen freien Tag pro Woche für die Crew

Die meisten Besucher der Lounge wollen dringend ins Internet und mit der Familie skypen, manche schütten dem Diakon auch ihr Herz aus. „Lange Arbeitszeiten für geringen Lohn sind moralisch schwierig. Auch wenn es rechtlich zulässig sein mag“, sagt Olaf Schröder. Er würde der Crew einen freien Tag pro Woche wünschen, um aus der „Überlastungsspirale herauszukommen“.

700 US-Dollar (ca. 626 Euro) monatlich plus freie Kost und Logis beträgt das Einstiegsgehalt bei Aida für einfache Tätigkeiten an Bord. Auch die Flüge zur An- und Abreise werden bezahlt. Beim Mitbewerber MSC gibt es dieselbe Summe. Andere Kreuzfahrtveranstalter halten sich bei den Tarifen lieber bedeckt. Denn für deutsche Verhältnisse hören sich die Gehälter nach wenig an, für philippinische Verhältnisse ist es eine verlockende Summe. „Mit 700 US-Dollar Verdienst gehört man hier zur Mittelschicht“, sagt Martin Henkelmann, Geschäftsführer der Deutsch-Philippinischen Handelskammer in Manila. Eine Sechstagewoche sei auf dem Archipel ohnehin völlig normal. Der eine Tag mehr stört die meisten nicht, weil sie sich dafür das nervige Pendeln sparen.

Wenn Landsleute Karriere machen ist das für die anderen ein Ansporn

Manila gehört zu den schlimmsten Stau-Städten der Welt. In der 13-Millionen-Einwohner-Metropole gibt es viel zu wenige Stadtbahnen, also sind die Straßen ständig verstopft. „Rushhour ist immer, außer an Neujahr und an Karfreitag“, sagt Fremdenführer Christopher Nuyles. Für drei Kilometer Fahrt brauche man 40 Minuten, drei Stunden einfache Fahrzeit zum Arbeitsplatz seien ganz normal, erzählt der 39-Jährige. Außerhalb der Stadt wiederum gebe es fast keine Arbeit – außer vielleicht auf den Reisterrassen.

Auch Leonarda Cay sah ihre Chance daher auf See. Sie kam vor 13 Jahren als Zimmermädchen auf die „Aida Vita“. Heute muss sie keine Betten mehr machen; sie überprüft, ob die anderen den Job ordentlich gemacht haben. Hausdame nennt sich die Position und Leonarda Cay verdient nun 2500 US-Dollar im Monat. Als sie die Summe nennt, kichert sie wie ein Teenager. Die 43-Jährige aus Bartangas City bezahlt die Ausbildung einer Nichte und unterstützt ihre Eltern, die im Rollstuhl sitzen. Weil es auf den Philippinen keine Krankenversicherung gibt, muss die Pflege komplett privat bezahlt werden. „Ich haben aber noch neun Geschwister. Wir teilen das“, sagt Leonarda Cay.

Neues Ausbildungsprogramm für Seefahrtsoffiziere

Aida Cruise hat großes Interesse daran, dass ihre asiatischen Mitarbeiter an Bord Karriere machen. „Es ist für die Kollegen ein Ansporn, wenn es auf hohen Positionen Landsleute gibt. Daran sieht man, dass man es schaffen kann“, sagt Steffi Heinicke, Vize-Präsidentin für Personal bei dem Rostocker Unternehmen. Daher hat Aida Cruises ein Programm gestartet, um philippinische Seefahrtsoffiziere auszubilden. 9000 Bewerber rissen sich um 16 Plätze. Die Auserwählten werden in drei Jahren ganz oben an Bord arbeiten: auf der Brücke, vielleicht sogar einmal als Kapitän. Die Ausbildung findet in der MOL Magsaysay Maritime Academy in Dasmariñas statt, 30 Kilometer südlich von Manila.

Der schicke Campus erinnert an amerikanische Elite-Universitäten: Schmucke, klimatisierte Gebäude, dazwischen ein Garten mit Mangobäumen und betonierten Wegen. In Seminarräumen wird die Theorie gelehrt. Dazu gibt es spezielle Anlagen für das praktische Training. Im Brückensimulator sieht man auf großen Flachbildschirmen, wie ein Schiff durch schwere See vor dem Hafen von Hongkong pflügt. Wer zu lange auf die Monitore schaut, meint, seekrank zu werden. In einer Halle steht ein echter Schiffsmotor – an dem vier Stockwerke hohen Koloss aus Eisen üben die Mechaniker. Auf der Dachterrasse fühlt man sich wie auf einem Außendeck: mit echtem Rettungsboot, das richtig zu Wasser gelassen werden kann. Darunter befindet sich ein Schwimmbecken.

Wer sich an Bord bewährt habe, dem stünden in der Gastronomie an Land die Türen offen, sagt Doris Magsaysay-Ho, die Chefin der Personalagentur in Manila. Die 67-Jährige gibt jedem Mitarbeiter ihr Motto mit auf den Weg: Earn, learn, return – verdiene, lerne und komm wieder zurück. „Die Ausbildungskomponente ist nicht zu unterschätzen“, sagt auch Martin Henkelmann von der Deutsch-Philippinischen Handelskammer. „Die Rückkehrer nutzen ihre Kenntnisse oft für den Sprung in die Selbstständigkeit und gründen zum Beispiel nach Karriereende an Bord ein Restaurant an Land.“

INFO:

Personal an Bord

Die Kreuzfahrtindustrie boomt, ständig kommen neue Schiff auf den Markt, allein 2019 gibt es 21 neue Liner. Dafür werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Besonders viele Angestellte kommen von den Philippinen: Bei dem Unternehmen Aida Cruises (www.aida.de) sind es zum Beispiel 34 Prozent, bei MSC Kreuzfahrten (www.msc-kreuzfahrten.de) 14 Prozent, bei Hapag-Lloyd Cruises (www.hl-cruises.de) rund 40 Prozent, bei Tui Cruises (www.tuicruises.com) zwischen 20 und 30 Prozent, bei Norwegian Cruise Line (www.ncl.com) kommen 65 Prozent der Crew-Mitglieder aus Südostasien.

Vermittlungsagenturen

Oft wird die Crew von speziellen Agenturen rekrutiert, zum Beispiel von der philippinischen Firma Magsaysay (www.magsaysay.com.ph). Die Agentur arbeitet mit den Unternehmen der Carnival Gruppe (www.carnivalcorp.com) zusammen – dazu gehören u. a. die Marken Costa (www.costakreuzfahrten.de) oder Aida. Magsaysay hat viele Standorte auf den Philippinen, dazu einige in Indonesien und in Kroatien. MSC Kreuzfahrten hat eine eigene Personalvermittlung, Tui Cruises und Hapag-Lloyd Cruises kooperieren mit der Personalagentur Sea Chefs, Norwegian Cruise Line greift auf eine ganze Reihe Partner weltweit zurück.

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