Arbeiten für Stuttgart 21 Leben in der Röhre

Der 28-jährige Christoph Ronacher aus Kärnten arbeitet im Fildertunnel. Seine Familie sieht er nur in großen Abständen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Wer auf Stuttgarts großen Tunnelbaustellen arbeitet, sieht Tageslicht und Familie eher selten. So wie der Österreicher Christoph Ronacher.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Stuttgart - Christoph Ronachers Weg zum Arbeitsplatz wird immer länger. Und die Anbindung ist selbst für Stuttgarter Verhältnisse bemerkenswert schlecht. Eine geschlagene halbe Stunde hat der Zug, den Ronacher täglich nutzt, für die gerade mal knapp neun Kilometer lange Strecke gebraucht. An alldem ist der 28-Jährige nicht ganz unschuldig. Ronacher arbeitet als Elektriker auf der riesige Tunnelvortriebsmaschine (TVM), die sich für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 von den Fildern bergab Richtung Innenstadt vorarbeitet. Die Anlage wird vom Tunnelportal beim Gewerbegebiet Fasanenhof aus per Kleinbahn mit Material und Personal versorgt. Diese Fahrt dauert derzeit eine knappe halbe Stunde. Tendenz steigend.

 

Wendemanöver unter der Erde

Ende Juli kam der 2000-Tonnen-Koloss aus Stahl unter dem Kernerviertel an, dem Gebiet oberhalb des Wagenburgtunnels. Dort wurde ein großer Hohlraum geschaffen, die sogenannte Wendekaverne, in der die Maschine – in ihre Einzelteile zerlegt – gewendet und in die vorbereitete Nachbarröhre geschoben wird. Vom Spätherbst an wird sie sich auf ihre letzte Fahrt durch den Stuttgarter Untergrund machen – dann geht es wieder bergauf Richtung Filder. Derzeit befindet sich die Maschine mit der prosaischen Bezeichnung S-738 auf den letzten Metern vor dieser Wendekaverne.

Wir haben einen Mineur im Stuttgarter Untergrund begleitet – sehen Sie unsere „Mensch, Stuttgart!“-Folge im Video an

Dass sie so weit gekommen ist, ist auch Ronacher zu verdanken. In der acht- bis zehnköpfigen Besatzung, die in Zwölf-Stunden-Schichten den Tunnelbohrer durchs Erdreich dirigiert, ist er der einzige Elektriker. Er ist verantwortlich für die Nabelschnur der Maschine, eine unterarmdicke Leitung. Der Tunnelbohrer zieht sie hinter sich her und wird von ihr kontinuierlich mit Strom versorgt. „Wir haben 500 Meter auf einer Kabeltrommel als Vorrat auf der Maschine“, sagt Ronacher, der wie viele andere Tunnelbauer aus Österreich stammt. Ist dieser Vorrat aufgebraucht, muss eine neue Leitung angestückelt werden – und dann ist Ronachers Sachverstand gefragt. Schließlich fließen durch das Kabel 20 000 Volt, die an Bord der TVM heruntergeregelt werden. Die Antriebsmotoren des Schneidrads mit mehr als zehn Metern im Durchmesser, das an der Spitze der Maschine die Meißel durch das Erdreich rotieren lässt, nehmen nur 700 Volt auf. Wenn er nicht gerade auf den zwei Ebenen der 120 Meter langen Maschine die technischen Einrichtungen kontrolliert, ist Ronachers Reich ein schöner Baucontainer, der ihm als Werkstatt dient und mitsamt der Maschine durch den Tunnel gleitet. „Da ist alles drin, was ich brauche“, sagt der Elektriker, der die Ordnung in seinem Container allerdings nicht für fotogen hält.

Acht Tage Arbeit, sechs Tage bei der Familie

Wenn die Maschine demnächst für das aufwendige unterirdische Wendemanöver in ihre Einzelteile zerlegt wird, muss auch Ronacher mitanpacken. „Alle Kabel müssen raus“, sagt er. Auf die Frage, wie viele laufende Kabelmeter das sind, antwortet er kompakt: „Etliche.“ Das Manöver ist für den Kärntner nicht neu. Denn der komplexe Bauablauf des Fildertunnels hat bereits einmal die Demontage der TVM unter Tage erfordert. Im Jahr 2014 hat sich der riesenhafte Bohrer von den Fildern Richtung Innenstadt gefräst – und seitdem ist auch Ronacher an Bord. Immer acht Tage am Stück ist er fernab der heimischen Berge im Einsatz, dann wieder sechs Tage zu Hause. Dann beginnt die Routine von Neuem. Die einzige Abwechslung: Auf acht Tage Tagschicht von 6 bis 18 Uhr folgen nach den Tagen zu Hause acht Tage Nachtschicht von 18 bis 6 Uhr. Unter Tage ist es aber aus naheliegenden Gründen immer gleich hell – oder dunkel, je nach Gemütslage. Eine rote Digitalanzeige erinnert die Männer stets an die Unwägbarkeiten ihres Arbeitsplatzes: Sie gibt Aufschluss darüber, wie viele Arbeiter auf der Maschine ihr Mobiltelefon aktiviert haben, das sie im Havariefall ortbar machen soll. Passiert ist bisher noch nichts.

Während Ronachers Ausbildung zum Elektriker war es nicht unbedingt absehbar, dass sein Arbeitsplatz einmal derartige Sicherungsmaßnahmen würde nötig machen. „Irgendwann bin ich eben zum Tunnelbau gekommen“, sagt er lakonisch. Familiäre Vorbelastungen wie bei vielen anderen Tunnelspezialisten aus der Alpenrepublik liegen bei ihm nicht vor. Die Familie muss aber mitziehen. In seiner Zeit in Stuttgart ist sein zweites Kind auf die Welt gekommen. „Zur Geburt war ich daheim, das habe ich mir nicht nehmen lassen.“ Geburtstage oder andere Familienfeste fallen aber dem Arbeitsplatz fern zum Opfer. Was ihn angesichts dieser Umstände und heimatnäherer Alternativen beim Tunnelbau hält, beantwortet der 28-Jährige erfrischend aufrichtig: „Das ist der Verdienst.“

Staubiger Arbeitsplatz

Der Fildertunnel, in dem Ronacher derzeit sein Geld verdient, besteht aus zwei Röhren, in denen später je ein Gleis liegen wird. Sie sind im Abstand von 500 Metern durch kurze Stollen verbunden, die im Unglücksfall Zugpassagieren den Durchgang in die andere, sichere Röhre ermöglichen sollen. Die mehr als 9400 Meter lange unterirdische Verbindung wird einmal Deutschlands drittlängster Tunnel sein. Wegen der schwierigen Geologie wurden die Übergangsbereiche in den Anhydrit, einem Gestein, das bei Berührung mit Feuchtigkeit zu quellen beginnt, mithilfe von Baggern und Sprengstoff vorangetrieben. Diese Abschnitte liegen unter Degerloch, und die durch die Sprengungen ausgelösten Erschütterungen nagten an den Nerven der betroffenen Anwohner. Erst als die Röhren im Anhydrit angekommen waren, kam wieder die Maschine zum Einsatz. Die neue geologische Umgebung hatte auch Auswirkungen auf die TVM-Besatzung. „Man konnte sich nicht mehr ohne Staubschutzmaske auf der Maschine bewegen“, sagt Ronacher.

Auch die Randbereiche des Stadtbezirks Ost gehörten zu diesem Abschnitt. Als die Maschine sich im April den Wohnstraßen näherte, ließ die Bahn vorsorglich Handzettel in die Briefkästen derer werfen, die über dem Tunnel wohnen. „Trotz der großen Überdeckung (Abstand zwischen Oberfläche und Tunnelröhre) von mehr als 100 Metern ist davon auszugehen, dass die Vortriebsarbeiten der Tunnelbohrmaschine in einem Umkreis von bis zu 200 Meter um den Vortriebsort in Form eines dumpfen ‚Summens‘ wahrnehmbar sein werden.“ Nach Angaben der Bahn hat es nur wenige Anfragen von Anwohnern gegeben. Nicht einmal Frank Schweizer vom Netzwerk Kernerviertel, in dem projektkritische Anwohner zusammengeschlossen sind, sind viele Beschwerden bekannt.

Der komplizierteste Abschnitt steht noch an

Die Wendehalle der Tunnelbohrmaschine ist von der eigentlichen Bahnhofsbaustelle noch nicht unter Tage zu erreichen. Dorthin gelangt man nur über einen Zugangsstollen, der später einmal den Rettungskräften als Zufahrt dienen soll. Von dort Richtung künftigen Hauptbahnhof sind es noch rund 240 Meter. Die stellen die Tunnelbauer aber vor Herausforderungen, bei denen die Tunnelbohrmaschine nicht hilft. Denn für den Abschnitt müssen darüber liegende Häuser aufwendig angehoben werden. Dieses Prozedere hat im Juni begonnen, der komplexe Tunnelbau soll Mitte 2021 abgeschlossen sein.

Christoph Ronacher wird dann mit seiner Maschine längst wieder auf den Fildern angekommen sein, nachdem er den letzten Abschnitt des Fildertunnels gebohrt hat – und womöglich schon zur nächsten Baustelle weitergezogen ist, bei der der Weg zur Arbeit wieder täglich etwas länger wird.

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