Arbeiten im Residenzschloss Ludwigsburg Restaurierung bis ins kleinste Stoffmuster

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Die Restaurierung des barocken Baus dauert drei Jahre länger als geplant. Das hat überraschende Gründe. Doch das Warten soll sich lohnen, versprechen die Verantwortlichen.

Stofffragmente im Depot konnten  historisch  zugeordnet werden. Foto: factum/ 12 Bilder
Stofffragmente im Depot konnten historisch zugeordnet werden. Foto: factum/

Ludwigsburg - Der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg scheut die großen Vergleiche nicht. In einer Reihe mit Versailles, Neapel und St. Petersburg steche die Barockstadt heraus, sagt Michael Hörrmann. Denn Ludwigsburg setze Standards. „Es ist das einzige Residenzschloss in Europa mit einer originalen Rekonstruktion.“

Die Wiederherstellung der Gemächer reiche inzwischen bis ins kleinste Detail. Die Ludwigsburger Konservatorin Patricia Peschel wisse nämlich, wo welche Kommode stand, wo welches Bild hing, wo welche Vase stand – und seit Kurzem auch, wie Vorhänge aussahen und mit welchem Stoff die Sitzmöbel bezogen waren. „Es ist ein Sechser im Lotto, es stimmt einfach jedes Kreuz“, sagt Hörrmann.

Doch die detailreiche Rekonstruktion hat ihren Preis: Statt, wie vorgesehen, im kommenden Jahr werden die königlichen Räume im Neuen Hauptbau erst 2023 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. „Am Ende war – durch das Gewicht der neuen Erkenntnisse – diese Entscheidung eindeutig“, sagt Hörrmann.

Die Räume von König und Königin

In vier Jahren sollen die Besucher dann einen historisch korrekten Eindruck bekommen in detailgetreu ausgestatteten Wohn- und Repräsentationsräumen des ersten württembergischen Königspaares, Königin Charlotte Mathilde und König Friedrich I. Dafür werden Möbelbezüge und Fensterdekorationen in Stoff, Farbe und Webart rekonstruiert. Trotz drei Jahre längerer Arbeit: An den ursprünglich veranschlagten Kosten von 4,6 Millionen Euro ändere sich nichts, ist Hörrmann überzeugt. Mehrausgaben würden durch Umschichtungen innerhalb des Budgets ermöglicht.

Wie sich die komplexe Restaurierung in den nächsten Jahren entwickelt, lässt sich per Video im Internet und im neuen Besucherzentrum des Schlosses verfolgen. Außerdem will die Schlossverwaltung regelmäßig die Arbeiten im betroffenen Gebäudetrakt, dem Corps de Logis, bei „Tagen der Restaurierung“ vorstellen. Überdies werden bei den Schlossführungen während der Bauzeit andere Wege beschritten, sie sollen auch für Kenner Neues enthalten. Der Schlossverwalter Stefan Hurst sieht in der verzögerten Wiedereröffnung deshalb, anders als Geschäftsführer Hörrmann, keinen Wermutstropfen. Er begreift sie als Chance. Zumal das Jagd- und Lustschloss Favorite von Frühjahr an wieder zugänglich sein soll.

Jahrelange Recherche für die Details

Bereits seit 2010 hat die Konservatorin Patricia Peschel für die Restaurierung recherchiert. Unter anderem durch die Auswertung von schriftlichem Archivmaterial und Depotbeständen kam sie, zum Teil unter Verwendung digitaler Hilfsmittel, der ursprünglichen Gestaltung der Textilien vor rund 200 Jahren immer näher – bis hin zur genauen Webstruktur der Stoffe. „Die Textilien der Möbelbezüge und Fensterdekorationen ließen sich exakt datieren, und vieles stammt tatsächlich aus der Zeit vor 200 Jahren“, sagt Peschel über die Depotbestände. Ihre Informationen bezieht sie auch aus den in den Depots der Staatlichen Schlösser und Gärten des Landes erhaltenen Borten, Besätze und Stofffragmente.

Sind die Schlossräume wieder zugänglich, werden sie zum Teil zurückhaltender, aber originalgetreuer möbliert sein. Derzeit sei vieles aus den Depots zu sehen. Doch inzwischen wisse man, dass einige Räume viel spärlicher eingerichtet waren, sagt Peschel: Je weiter entfernt man sich von den Wohn- und Repräsentationsräumen des Königspaares befand, desto weniger machten die Räume her. Je näher man den beiden kam, desto prunkvoller war die Ausstattung der Gemächer.