Statistik der Arbeitsagentur Autokrise trifft in der Region Stuttgart vor allem junge Menschen

Dass die Autoindustrie schwächelt, macht sich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Foto: picture alliance / dpa

In Baden-Württemberg und speziell in der Landeshauptstadt steigt die Zahl der Arbeitslosen und Arbeitssuchenden. Die Arbeitsagentur verrät, was die beste Vorsorge dagegen ist.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Die schwache wirtschaftliche Entwicklung im Land macht sich zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Das zeigen die Daten der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit (BA Baden-Württemberg). Sowohl die Zahl der Arbeitslosen als auch die Zahl der Arbeitssuchenden hat sich in den vergangenen zwei Jahren demnach deutlich erhöht.

 

Jobverluste hat es nach Angaben der BA Baden-Württemberg vor allem in der Industrie gegeben. Zwischen Januar und April 2025 haben sich fast 19.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind etwa 1200 Personen mehr als im gleichen Zeitraum des Jahres 2024 (ein Anstieg von 7 Prozent) und rund 3700 Personen mehr als von Januar bis April 2023 (ein Anstieg von 25 Prozent). Im Durchschnitt aller Wirtschaftszweige stieg die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozent und im Vergleich zu 2023 um 17 Prozent.

Innerhalb der Industrie sind der Maschinenbau und die Kfz-Herstellung am stärksten betroffen

Besonders stark betroffen von dieser Entwicklung sind nach Zahlen der BA Baden-Württemberg der Maschinenbau (mit etwa 3000 neu arbeitslos gemeldeten Personen) und die Kfz-Herstellung (mit rund 2100 neu arbeitslos gemeldeten Personen). Gegenüber 2023 verzeichneten diese Branchen Zuwächse von 35 Prozent bzw. 49 Prozent.

Auch im gesamtdeutschen Vergleich zeigt sich, dass es Beschäftigte in der Autoindustrie derzeit am härtesten trifft. Zu diesem Ergebnis kam jüngst eine Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Allein dort wurden demnach netto rund 45.400 Jobs abgebaut. Die Arbeitsmarktregion Stuttgart und auch der Arbeitsagenturbezirk Stuttgart (Kreise Stuttgart sowie Böblingen) sind von dieser Entwicklung überdurchschnittlich betroffen, teilt die BA Baden-Württemberg auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Immer mehr Menschen melden sich arbeitssuchend

Doch nicht nur die Zahl der arbeitslosen Menschen in Baden-Württemberg ist gestiegen. Es melden sich auch immer häufiger Menschen hierzulande als arbeitssuchend. Im April 2025 lag die Zahl dieser Arbeitsuchenden bei etwa 223.000. Das sind fast 17.000 Personen oder 8 Prozent mehr als im Vorjahr und etwas mehr als 28.000 Personen oder knapp 15 Prozent mehr als im Jahr 2023.

In Stuttgart und der Region melden sich immer häufiger auch Azubis arbeitssuchend. Foto: Imago/Image Source

Besonders betroffen von der aktuellen konjunkturellen Schwächephase sind nach Angaben der BA Baden-Württemberg Berufseinsteiger. Im April 2025 meldeten sich in Baden-Württemberg etwa 14.900 Personen nach dem Abschluss von Schule, Studium oder Ausbildung als arbeitssuchend. Das sind rund 1900 (14 Prozent) mehr als im Vorjahr und etwa 3000 (25 Prozent) mehr als 2023. In Stuttgart und der Region stiegen die Zahlen überdurchschnittlich um rund 30 bis 32 Prozent.

Was ist der Unterschied zwischen arbeitslos und arbeitssuchend?

  • Arbeitslos ist, wer keine Beschäftigung hat und aktiv nach einer neuen Arbeit sucht. Diese Personen sind auch kurzfristig für Arbeit verfügbar. Als langzeitarbeitslos gilt, wer mindestens ein Jahr ununterbrochen arbeitslos ist.
  • Arbeitssuchend ist, wer sich als solches bei der Agentur für Arbeit meldet – unabhängig davon, ob die Person derzeit noch beschäftigt ist oder nicht (beispielsweise wenn der Verlust des Arbeitsplatzes droht). Seit 2020 darf die Bundesagentur für Arbeit auch Menschen beraten, die (noch) nicht arbeitslos sind.

Die Vermittlung von ehemals Beschäftigten aus der Automobilindustrie innerhalb der Branche gestaltet sich nach Aussage der BA Baden-Württemberg als schwierig, da die gesamte Industrie von der Konjunkturschwäche und Strukturkrise betroffen ist. „Seit knapp einem Jahr werden jeden Monat überdurchschnittlich viele Menschen arbeitslos“, erläutert Susanne Koch, Geschäftsführerin der BA Baden-Württemberg, in einer Mitteilung. Gleichzeitig seien die Chancen, raus aus der Arbeitslosigkeit zu kommen, historisch niedrig. Dies bereite ihr Sorge.

Die Autoindustrie steckt in einer Krise

Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Neben der allgemeinen Konjunkturkrise spielt vor allem der Strukturwandel in der Automobilindustrie eine entscheidende Rolle. Die Umstellung auf Elektromobilität, neue Technologien und veränderte Produktionsprozesse führen zu einem veränderten Bedarf an Arbeitskräften. Hinzu kommt die angespannte handelspolitische Lage mit Zöllen und sinkenden Verkaufszahlen.

Mercedes, Porsche, Bosch: Alle haben ein Sparprogramm

Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass bei drei großen Arbeitgebern in der Region Sparprogramme laufen. Der Technologiekonzern Bosch kündigte im vergangenen Jahr an, mehr als 12 000 Stellen weltweit zu streichen, etwa 7000 Stellen davon in Deutschland. Erst kürzlich sagte Bosch-Chef Stefan Hartung, dass Unternehmen könne sich eine Verzögerung beim Job-Abbau „nicht mehr leisten, das schwächt unsere Position im Wettbewerb weiter“. Bei Mercedes-Benz läuft derzeit das umfangreiche Sparprogramm Next Level Performance, das unter anderem ein freiwilliges Abfindungsprogramm und Angebot für Altersteilzeit beinhaltet. Der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche kündigte an, bis 2029 etwas mehr als jede siebte Arbeitsstelle abzubauen. Etwa 2000 befristete Stellen laufen bis Mitte dieses Jahres aus. Weitere 1900 Stellen sollen über eine freiwilliges Altersteilzeit-Programm innerhalb der Frist abgebaut werden. Generell gilt bei dem Sportwagenhersteller eine Beschäftigungssicherung bis 2030.

Der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist eine Ausbildung

Wie lange Arbeitslose und Arbeitssuchende in der Autoindustrie brauchen, um einen neuen Job zu finden, dazu liegen der BA keine spezifischen Zahlen vor. Grundsätzlich gelte: „Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und gut qualifiziert ist, findet schneller wieder in Arbeit.“ Das zeigen auch die Zahlen. Nach Angaben der BA lag die Arbeitslosenquote von Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung 2024 bei 2,5 Prozent. Bei Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung sei die Arbeitslosenquote etwa sechs Mal höher gelegen, nämlich bei 14 Prozent.

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