Nach vielen Monaten mit begrenzten Erfolgen kommt die Eingliederung der aus der Ukraine geflüchteten Menschen in Arbeit offenbar in Gang – der sogenannte „Jobturbo“ scheint demnach zu wirken. „Die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt gelingt“, sagte Martina Musati, Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg, unserer Zeitung. Der bisherige Eingliederungsprozess war von viel Kritik begleitet worden, weil Nachbarländer bessere Werte vorweisen.
„Erst Spracherwerb, dann Beschäftigung – dieser Ansatz hat sich bewährt.“
Die Beschäftigungsaufnahmen von arbeitslosen Ukrainerinnen und Ukrainern hätten sich – trotz der eingetrübten Konjunktur – seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt, so Musati. Dies zeige: „Der Ansatz ,Erst Spracherwerb, dann Beschäftigung’ hat sich bewährt.“ Zugleich mahnte die Arbeitsmarktexpertin: „Wir dürfen jetzt nicht nachlassen, sondern müssen unsere Vermittlungsbemühungen weiter forcieren.“ Die neu erworbenen Deutsch-Kenntnisse ließen sich am besten in Beschäftigung vertiefen. „Arbeitgeber sollten deshalb auch Geflüchteten eine Chance geben, die noch keine perfekten deutschen Sprachkenntnisse haben.“
Seit Jahresbeginn haben allein in Baden-Württemberg 2865 Ukrainerinnen und Ukrainer eine Beschäftigung aufgenommen – im Vorjahreszeitraum waren es 1306. Dies ist eine Steigerung um rund 120 Prozent. Zum Vergleich: Seit Anfang Januar sind auch 4659 Geflüchtete aus den acht sogenannten Hauptherkunftsländern (wie Syrien oder Afghanistan) neu in Arbeit gekommen – ein Plus von 14,5 Prozent, was die Bundesagentur ebenso als Erfolg wertet. Beide Personengruppen werden seit Jahresbeginn mit dem Jobturbo stärker in den Fokus genommen.
„Ermutigende Fortschritte“ sieht auch Daniel Terzenbach, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Zudem relativiert er die vermeintlich besseren Zahlen etwa in den Niederlanden oder Dänemark: Anders als in den beiden Ländern kämen in Deutschland weiterhin Menschen aus der Ukraine neu an. „Und wir bemühen uns stärker darum, Geflüchteten durch Sprach- und Integrationskurse eine Perspektive zu geben, die über eine eilige Vermittlung auf Helferjobs hinausreicht“, sagte das BA-Vorstandsmitglied der „FAZ“. „Das dauert dann etwas länger, aber es zahlt sich nachhaltig aus.“
Aktuell leben 113 379 Ukrainer (72 224 Frauen, 41 155 Männer) im erwerbsfähigen Alter in Baden-Württemberg, davon sind 74 220 bei den Jobcentern und Arbeitsagenturen gemeldet (plus 5756 gegenüber dem Vorjahr). 27 016 (36,4 Prozent) waren im April als arbeitslos registriert. 18 089 nehmen an Integrationskursen teil, 9430 befinden sich in Schule oder Ausbildung, und 3119 absolvieren berufsbezogene Sprachförderung.
Jobcenter sehen gute Arbeitsmarktchancen
Auch die Jobcenter attestieren ukrainischen Geflüchteten mehrheitlich arbeitsmarktrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten. Acht von zehn Jobcentern bewerten deren Beschäftigungsperspektiven mittelfristig positiv, wie aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht.
Demnach werden die Menschen zum Teil aber andere Tätigkeiten als in der Ukraine ausüben müssen, so die Einschätzung der befragten Fach- und Führungskräfte. 28 Prozent sehen gute Chancen, dass Geflüchtete eine Stelle in dem Tätigkeitsfeld finden, in dem sie bereits in der Ukraine gearbeitet haben.
Skepsis wegen hoher Erwartungen an Deutschkenntnisse
Die Hälfte der befragten Jobcenter stimmt dieser Aussage nur zum Teil zu. „Berufsausbildung ist in der Ukraine weitaus (hoch-)schulischer geprägt als in Deutschland – Abschlüsse in Berufen, die hierzulande in betrieblicher Ausbildung oder durch Weiterbildung erworben werden, werden in der Ukraine teils an Hochschulen angeboten“, erklärt IAB-Forscherin Franziska Schreyer. „Ferner können Berufe in der Ukraine oft auf verschiedenen Stufen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus erlernt werden.“ Dies gelte etwa für das Friseurhandwerk. Zudem setzten die Betriebe den Jobcentern zufolge oft gutes Deutsch voraus, auch bei einfachen Tätigkeiten.