Das Jobprofil eines Pfarrers ist gewiss bunt und vielseitig, doch es sieht normalerweise nicht vor, dass die Geistlichen Achsialrillenkugelwerke anfertigen oder Sägesicherungsringe in Schneckenwellen einfügen. Der Weilemer Pfarrer Steffen Hoinkis hat genau das getan: Einen ganzen Tag lang packte er bei der Firma Neff Gewindegetriebe mit an. Statt Konfirmanden zu unterrichten oder die Predigt für den nächsten Gottesdienst vorzubereiten, erschien er pünktlich um 7 Uhr bei der Weilemer Zuliefererfirma und half erst bei der Fertigung mit, dann in der Montage und schließlich im Versand.
Und warum? Um den Menschen in Weil im Schönbuch näherzukommen. „Kirche lebt von Begegnungen und vom gemeinsamen Leben, nicht nur vom Predigen am Sonntag“, sagt Hoinkis, der seit 2021 Pfarrer in Weil im Schönbuch ist. Christsein dürfe nicht nur im Kirchenraum stattfinden, sondern gehöre mitten in die Gesellschaft. „Kirche soll dort präsent sein, wo Menschen ihren Alltag verbringen, Verantwortung tragen und Herausforderungen meistern.“ Dafür wollte er aber nicht nur vorbeikommen und Hände schütteln, sondern mitarbeiten, Teil der Kollegschaft werden – und nebenbei zuhören. Denn: „Im gemeinsamen Tun entstehen oft die ehrlichsten Gespräche.“
Für nichts zu schade: Regale einräumen bei Edeka
In den sozialen Medien hatte Hoinkis Firmen im Ort aufgerufen, ihm einen Tag die Türen zu öffnen. Außer zu Neff wurde der evangelische Pfarrer zum örtlichen Edeka eingeladen und räumte dort Regale ein, im Sommer wird er die Feuerwehr besuchen. Möglicherweise kommen weitere Praktikantentage auf ihn zu, denn Hoinkis bietet seine Firmenbesuche weiterhin an.
Neff-Mitarbeiter Sandro Garofano hat den Pfarrer ins Unternehmen geholt. Foto: Stefanie Schlecht
Der Neff-Mitarbeiter Sandro Garofano, der den Pfarrer durch die Begleitung bei einer Taufe und einer Beerdigung kannte, hörte von der Aktion und gewann den Geschäftsführer Hartmut Wandel für die Teilnahme. „Wir machen da sehr gerne mit“, sagt Wandel, der das Unternehmen seit 2011 führt. Die Firma Neff, betont er, sehe sich als Unternehmen im Ort und schätze Kooperationen – sei es mit einem Sportverein (als Trikotsponsor der HSG Schönbuch), einer Schule (als Bildungspartner der Gemeinschaftsschule) oder der Kirche (Neff spendete für die Renovierung des Kirchturms in Neuweiler und für das Gemeindehaus in Weil im Schönbuch).
„Kirche soll dort präsent sein, wo Menschen ihren Alltag verbringen.“
Steffen Hoinkis, Weilemer Pfarrer
Hoinkis Idee, miteinander in Kontakt zu treten, passe zur Neff’schen Unternehmenskultur, sagt Wandel. Die rund 70 Mitarbeiter hätten nicht nur einen Arbeitsraum bei Neff, sondern einen Lebensraum. „Wir verbringen viel Zeit hier, und es soll eine gute Zeit sein“, sagt der Geschäftsführer. „Und schaffen müss’ mer, ohne geht’s nicht.“ Die Auftragsbücher des Herstellers für Antriebstechnik sind – der Wirtschaftskrise zum Trotz – voll. Zwar schwächele der deutschsprachige Raum, dafür brumme das Geschäft mit Ländern wie Malaysia oder Südkorea. Während rundherum Firmen Personal entlassen, suche Neff Fachkräfte.
Handwerkliches Geschick und Teamgeist
Auch wenn Steffen Hoinkis keine Fachkraft ersetzen konnte, so packte er doch tatkräftig mit an. Er ließ sich erklären, wie Trapezgewinde im Vergleich zu Kugelgewinden funktionieren, er verheiratete eine Mutter mit einer Spindel oder klopfte eine Passfeder fest. Und stellte sich dabei gar nicht blöd an, wie ihm ein Industriemechaniker attestierte. In der Mittagspause gab’s für die gesamte Belegschaft Würstle und Zeit für ein paar Runden Tischkicker.
Hoinkis Fazit: „Ich habe viel mitgenommen, viel gehört, viele gute Gespräche gehabt. Die Menschen haben sich geöffnet.“ Mitarbeiter hätten Sorgen mit ihm geteilt, er hörte von zerbrochenen Beziehungen oder neuen Partnern, von der Angst vor Altersarmut oder vor den Kriegen in der Welt. Nicht nur Christen sprachen mit ihm, sondern auch ein Mitarbeiter, der aus der Kirche ausgetreten ist; ein Muslim sprach mit ihm übers Fastenbrechen. Mit allen hätte er eine Gesprächsgrundlage gehabt.
Ob Christ, Muslim oder ohne Glaube: Der Pfarrer spricht mit allen
„Die Leute haben gesehen: Ich muss kein Frömmigkeitsprofil erfüllen, um mit dem Pfarrer zu sprechen“, sagt Hoinkis. Genau das sei sein Berufsverständnis: Für alle Menschen in Weil im Schönbuch da zu sein. „Mein Christsein findet nicht in meinem heiligen Turm statt, sondern ich bin präsent in der Welt, ich bin da.“ Wenn nebenbei über die christliche Botschaft gesprochen werde, sei das schön, aber kein Muss. Hoinkis will weiter nach Möglichkeiten suchen, mit den Menschen im Ort auf nicht ganz gewöhnliche Weise ins Gespräch zu kommen. „Mir fällt immer wieder was sein“, sagt er und lacht.
Die Firma Neff kümmert sich um alles, was sich bewegt
Firmengeschichte Neff ist ein familiengeführtes, mittelständisches Unternehmen. Gegründet worden war es 1905 von Wilhelm Neff in Waldenbuch. Seit 2006 ist Neff in Weil im Schönbuch ansässig, 2024 wurde ein Neubau an der Karl-Benz-Straße bezogen.
Produktion Neff ist ein Hersteller für Antriebstechnik und spezialisiert auf die Entwicklung, Konstruktion, Fertigung und Montage von Kugelgewindespindeln. Die Kunden kommen unter anderem aus dem Sondermaschinenbau oder der Medizintechnik. Aktuell gibt es einen Auftrag für Antriebssysteme, die auf dem Meeresboden die Verankerung von Bohrinseln überwachen.