Arbeitskampf bei Google, Amazon und Co. „Da herrscht eine Start-up-Romantik“

Samuel Greef ist Politologe und Informatiker. Er arbeitet an der Universität Kassel zu den Forschungsschwerpunkten Digital- und Netzpolitik, Digitalisierung, Industrie 4.0 und vertritt die Professur „Politisches System der BRD“. Foto: privat

Die Gewerkschaften hätten den Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft zu spät erkannt, sagt Samuel Greef im Interview. Jetzt stünden zunehmend Probleme bei Digitalkonzernen an.

Digital Desk: Felix Frey (fog)

Stuttgart -

 

Die Gewerkschaften hätten den Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft zu spät erkannt, sagt Samuel Greef im Interview mit unserer Zeitung. Die bräuchten aber auch Digitalkonzerne, dort habe zunächst eine Start-up-Romantik geherrscht, die aber nur so lange funktioniere, wie es keine Konflikte gibt und es dem Unternehmen gut geht.

Herr Greef, vertreten Gewerkschaften den Büroangestellten so gut, wie den Industriearbeiter?

Die deutschen Gewerkschaften haben es nach dem zweiten Weltkrieg relativ früh geschafft, zu einem wichtigen politischen Akteur zu werden und sozialpolitische Ideen umzusetzen. Sie hatten auch genug streikbereite Mitglieder, um Flächentarifverträge durchzusetzen. Den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und Büroangestellten haben sie verschlafen, weil sie sich lange auf die Kernbereiche der deutschen Industrie verlassen haben, in denen sie weiterhin stark waren. Daneben gab es aber auch eine starke Feminisierung des Arbeitsmarktes, ohne dass es den Gewerkschaften gelungen wäre, im gleichen Maße berufstätige Frauen zu organisieren. Zwar wurden immer wieder Strategien, wie etwa das US-amerikanische Konzept des Organizing, getestet, um neue Gruppen von Arbeitnehmerinnen anzusprechen, das war aber lange Zeit nicht erfolgreich.

Wie würden Sie die Alphabet Workers Union im Vergleich zu deutschen Gewerkschaften einordnen?

Das amerikanische unterscheidet sich vom deutschen System in einer Form maßgeblich: In Deutschland braucht die Gewerkschaft streikbereite Mitglieder, um einen Tarifvertrag in einem Unternehmen zu erkämpfen. In einigen Branchen können zudem einzelne Verhandlungserfolge als Flächentarifvertrag auf das ganze Land ausgeweitet werden. In den USA muss die Gewerkschaft in jedem einzelnen Betrieb um Anerkennung ringen. Nur wenn sich mindestens 50 Prozent der Betriebsmitglieder für eine Gewerkschaft aussprechen, muss der Arbeitgeber mit der Gewerkschaft für diesen Betrieb verhandeln. Das macht es für Gewerkschaften wesentlich schwerer.

Warum fordert die AWU nicht mehr Geld?

Sie ist eben keine Mehrheitsgewerkschaft, die Google an den Verhandlungstisch zwingen und Geld in Tarifverträgen zum Thema machen könnte. Außerdem ist ihre Entstehung in andere Konflikte der letzten Jahre eingebettet. Im Rahmen der Metoo-Debatte ging es um das sexuelle Fehlverhalten eines hohen Managers. Das hat nichts mit Arbeitsbedingungen und Entlohnung zu tun. Auf der Seite der AWU finden sich die Werte hinter „Don’t be evil“ wieder: Technologie nicht um der Technologie willen, sondern um dem Menschen zu dienen. Das sind eher qualitative Themen, als quantitative Themen, wie die Bezahlung.

Wie geht es in Deutschland mit Gewerkschaften im Digitalbereich weiter?

SAP hat sich lange gegen einen Betriebsrat gewehrt, man wollte lieber selbst auf Augenhöhe mit den Beschäftigten reden. Das ist eine Start-up-Romantik, die so natürlich eine Utopie ist. Das funktioniert nur, solange es keine Konflikte gibt und es dem Unternehmen gut geht. Im Vorteil sind qualifizierte Beschäftigte in Schlüsselpositionen. Das unterscheidet den Fall Google von Amazon. Die Verhandlungsposition von Entwicklern bei Google ist vermutlich deutlich besser, als die der Lageristen bei Amazon.

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