In Deutschland herrscht Ärztemangel – gerade auf dem Lande. In Griechenland ist jeder vierte Mediziner arbeitslos. Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel möchte beiderseits Abhilfe schaffen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Gut jeder vierte Arzt in Griechenland ist arbeitslos – während hierzulande vor allem in den ländlichen Gebieten händeringend medizinische Fachkräfte gesucht werden. Was also liegt näher, als Überschuss und Mangel zusammenzubringen – daraus ein „Win-win-Verfahren“ zu machen, wie der Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU) vom Bundessozialministerium so gerne sagt. Im Präsidenten der Ärztekammer in Athen, Georgios Patoulis, hat er einen Verbündeten gefunden.

Eine Delegation um Patoulis und den Ehrenpräsidenten der Kammer, Sotiros Rigakis, hat jetzt einen einwöchigen Intensivkurs in deutscher Gesundheitsversorgung erhalten. Am Ende ist der Präsident ganz angetan von dem „sehr gut strukturierten Versorgungsnetz“. Im Gespräch mit der StZ zeigt er sich zuversichtlich, dass man einen Weg finden werde, mit „hoch qualifizierten und kompetenten“ Medizinern aus dem Krisenland freie Stellen in Deutschland abzudecken. „Ich habe gesehen, dass hier optimale Bedingungen zur Beschäftigung griechischer Ärzte bestehen“, sagt Patoulis. Sie könnten hier arbeiten und sich fortbilden wie die deutschen Kollegen auch. Dafür wolle er in der Heimat werben.

In Freudenstadt gibt es schon griechische Ärzte

Fuchtel, der Griechenland-Beauftragte von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), hat freilich ein besonderes Augenmerk auf seinen Wahlkreis geworfen. Am Krankenhaus in Freudenstadt hätten sich seit 2010 schon vier griechische Ärzte erfolgreich eingelebt, erzählt er. Diese Zahl soll sich in absehbarer Zeit verdoppeln. Er sei sich sicher, dass es noch 2013 Zuwachs geben werde. Überall dort, wo sich schon sogenannte Knowhow-Partnerschaften zwischen den Kommunen und Regionen gebildet haben, soll griechisches Fachpersonal angelockt werden. Beispielsweise sollen Ärzte von der Insel Kreta für den Nordschwarzwald gewonnen werden und Mediziner von Korfu für Mecklenburg-Vorpommern.

Fuchtel hat aber nicht nur die Kliniken im Visier – auch die Landärzte sind vielfach auf Nachfolger angewiesen, wenn die Praxis nicht dicht gemacht werden soll. Auch diese Not sollen die Griechen lindern. Die Delegation hätte erkannt, dass die Landärzte bereit seien, einen Kollegen über eine längere Phase in der Praxis einzulernen, sagt der Staatssekretär, denn dies sei die größte Sorge der Griechen, dass der Neuzugang sogleich alles beherrschen müsse. Nun sei beim wichtigsten Vertreter der griechischen Ärzteschaft das Bewusstsein geschaffen, dass sich auch in deutschen Landarztpraxen Perspektiven eröffnen.

Marodes griechisches Gesundheitssystem

Das griechische Gesundheitssystem bietet derlei Perspektiven nicht mehr. „Im Moment gibt es zwei Millionen unversicherte Bürger, für die man einen Weg zur ärztlichen und pharmazeutischen Versorgung finden muss“, schildert Patoulis ein Kardinalproblem. Die niedergelassenen Ärzte müssten seit drei bis vier Jahren auf Honorare verzichten, weil die Krankenversicherungen im Rückstand seien – zudem seien die Festbeträge für Arztbesuche gedrückt worden. Die Krankenhausärzte wiederum müssten hinnehmen, dass seit Längerem keine Wach- und Bereitschaftsdienste mehr bezahlt werden. Monatlich fehlen ihnen dadurch 200 bis 500 Euro.

Patoulis zufolge erhält ein Assistenzarzt in Athen ein Gehalt von 800 Euro netto im Monat – ein Chefarzt kommt auf 1500 Euro. Noch größer ist die Misere auf den Inseln gerade vor der türkischen Grenze. „Weil die Verdienste auf den Inseln auf 800 Euro gesunken sind, gibt es nach Ausschreibungen keine Bewerbungen mehr“, schildert Georgios Patoulis, selbst ein Orthopäde und Chirurg. Die Kollegen dort bräuchten jedoch mehr als 1000 Euro, um davon einigermaßen leben zu können.

Sprachkurse sind das A und O

Nun weiß auch der Präsident der Athener Ärztekammer, dass es noch ein längerer Weg ist, bis seine Kollegen nach Deutschland strömen. Er will erst mal wissen, was für Fachärzte benötigt werden und welche Regionen die freien Stellen anbieten. Besonders wichtig sind auch Sprachkurse – entsprechende Programme der Bundesregierung gibt es bereits. Zudem soll, so Fuchtel, binnen zwei Monaten eine Internetplattform für konkrete Ausschreibungen aufgebaut werden. Innerhalb des nächsten Vierteljahrs will er sich erneut mit Patoulis treffen, um „feinzusteuern“.

Am meisten beeindruckt hat Patoulis bei seinem Besuch der einfache Weg des Patienten zu seinem Hausarzt, der bei Bedarf an den Facharzt überweist. Erst als letzte Lösung kommt das Krankenhaus infrage. „Dieses effiziente System bräuchten wir auch in Griechenland, damit die Kliniken entlastet werden“, sagt er. Sein Gegenüber, der Staatssekretär, resümiert: „Wir haben die Weichen in ganz neuer Form gestellt – das haben alle Beteiligten so empfunden.“