Die große Nachfrage der Unternehmen nach Softwareentwicklern scheint vorüber zu sein. Foto: KI/Midjourney//Montage: Ruckaberle
Von einer einstmals lukrativen Soloselbstständigkeit in die Arbeitslosigkeit: Ein 51-jähriger Softwareentwickler kämpft gegen den Abstieg, weil er nach 25 Jahren keine Beschäftigung mehr findet. Eine Frage plagt ihn besonders – die nach dem angeblichen Fachkräftemangel.
Der Absturz hatte sich nicht angekündigt. Vor Corona hätte der da noch soloselbstständige Softwareentwickler Martin M. (Name geändert) in mehrere Projekte gleichzeitig einsteigen können, so viele Angebote gingen ein. Seither ist der Boom abgeflacht, seine berufliche Existenz ist fast zum Erliegen gekommen. Dass aus vielerlei Richtungen weiterhin von einem großen IT-Fachkräftemangel die Rede ist, verfolgt der 51-Jährige mit wachsendem Unverständnis.
Seit September 2023 gelangt der Informatik-Experte an kein geeignetes Projekt mehr. Der Freelancer-Markt für Softwareentwicklung sei „quasi tot“ und der Arbeitsmarkt für Festanstellungen „mit Bewerbern überlaufen“, befindet er – ganz im Gegensatz zu Lobbyverbänden wie Bitkom, die weiter einen großen Bedarf an Software-Spezialisten und IT-Fachkräften mit Kenntnissen neuer Technologien sehen. Letztlich suchten die Arbeitgeber vor allem junge Kräfte mit zehn Jahren Berufserfahrung zu möglichst geringen Gehaltskonditionen gesucht, spöttelt M. – dies könne so aber nicht funktionieren.
Angst vor möglicher Scheinselbstständigkeit
Seit 25 Jahren ist Martin M. professionell in IT-Projekten tätig, davon 17 Jahre als Selbstständiger. Nun muss er erfahren, dass IT-Portale, Arbeitsagenturen oder Personalvermittler immer weniger konkrete Angebote haben. Die Unternehmen speziell der Automobilindustrie hätten Einstellungsstopps verhängt. Aus Furcht vor Rechtsverstößen wegen möglicher Scheinselbstständigkeit – mithin vor Kontrollen der Deutschen Rentenversicherung – würden deutlich weniger inländische Kräfte engagiert, stattdessen würden Projekte in Zeitarbeit oder ins Ausland verlagert.
Martin M. stößt sich auch daran, dass Kräfte aus dem Ausland die Gehälter der IT-Branche drücken: Wo früher 80 000 Euro im Jahr zu verdienen waren, würde jetzt teils das Mindestgehalt von 41 041 Euro gezahlt – gemeint ist eine Entgeltgrenze der Blauen Karte EU, die für hoch qualifizierte Kräfte aus Drittstaaten eingeführt wurde. Das Instrument gilt für Gruppen wie Informatiker, Naturwissenschaftler, Ärzte und Ingenieure. Martin M. will aber nicht in eine ausländerfeindliche Ecke gesteckt werden. „Ich habe in den sozialen Medien die Erfahrung gemacht, dass man schnell von einer extrem linken und rechten Klientel angegriffen wird.“ Auch deswegen will er nicht mit seinem richtigen Namen im Text erscheinen.
Die Blaue Karte EU wurde für hochqualifizierte Kräfte aus Drittstaaten eingeführt. Foto: dpa/Daniel Karmann
Vielfach würden Scheinprojekte ausgeschrieben; wenn man sich darauf bewerbe, erfolge keine Antwort. Seit etwa 20 Monaten hatte er kaum eine Handvoll Bewerbungsinterviews – vorher „hätte ich jede Woche ein Interview haben können“, sagt der Informatiker.
Im sozialen Netzwerk Reddit berichtet ein Personaler aus einem Dax-Konzern: „Es wird hauptsächlich nach Alter gefiltert.“ Mit 50 Jahren könne man sich auf Positionen im Projektmanagement bewerben, doch dazu brauche es Führungserfahrung. „Bei der aktuellen Situation auf dem IT-Markt bist du leider unter den ersten Mappen, die rausfliegen.“ Er könnte nur raten, auf dem Land bei einem kleinen Arbeitgeber „deutlich unterhalb der Gehaltsvorstellung zu arbeiten“.
Die Personalabteilungen setzen nach M’s Kenntnissen schon verstärkt Künstliche Intelligenz ein, um Bewerbungen nicht mehr so junger Kräfte sogleich auszusortieren. Derweil nutzen auch Bewerber ihrerseits immer mehr KI, um ihre Chancen zu verbessern. So kommen qualifizierte Kräfte immer weniger zum Zuge – sie werden dann einfach übersehen.
Martin M. sieht sein Alter als wachsendes Handicap, obwohl dies in der Selbstständigkeit früher keine Rolle gespielt hätte – gezählt hätten allein Fähigkeiten und Ergebnisse. Heute würden auch viele Hochschulabsolventen der Informatik keinen Job finden. Schon ab Mitte 40 würden die Aussichten gering. Aus Sicht des bald 52-Jährigen ist der Fachkräftemangel ein von Politikern und Lobbyverbänden gezeichnetes Trugbild. Es werde zum Beispiel missachtet, dass es sich bei den „ITlern“ um ganz unterschiedliche Berufe handelt. „Ein Bäcker wird auch nicht von jetzt auf gleich zum Konditor“, sagt er. Der Wechsel zwischen den IT-Themenfeldern sei in der Praxis „gar nicht so einfach“.
Fortbildung ist nicht mehr der Schlüssel zum Erfolg
Viele Seiten lang ist seine Liste der Fortbildungen und Projektstationen. Er eigne sich immer wieder neue Technologien an, sagt er. „Das war auch ein Schlüssel zu meinem bisherigen Erfolg, funktioniert aber nicht mehr so einfach.“ Denn die Arbeitgeber wollten langjährige Erfahrungen selbst in relativ neuen Themen sehen und legten insbesondere im öffentlichen Dienst Wert auf einen akademischen Abschluss, den er aber nicht bieten könne. Dass er damals schlicht sein Hobby zum Beruf gemacht hat, fällt ihm heute mit aller Wucht auf die Füße.
Während der Pandemie musste Martin M. seine finanziellen Reserven ausschöpfen. Seit mehr als einem Jahr bezieht er Bürgergeld. Immer höher türmte sich der Schuldenberg, sodass er sich in eine Privatinsolvenz begeben musste. Deren Auswirkungen erscheinen ihm noch unüberschaubar. Ein Problem kann eine Kaskade weiterer auslösen. Angesichts möglicher Gehaltspfändungen etwa könnte ein neuer Arbeitgeber noch in der Probezeit kündigen.
Neue Hoffnung dank der Weiterbildung
Der 51-Jährige ist alleinstehend. Zwischenzeitliche Befürchtungen, dass er seine Wohnung nicht dauerhaft halten kann, haben sich immerhin gelegt. Auch sieht er sich mittlerweile von seinen engagierten Arbeitsvermittlern gut unterstützt. Seit Anfang März befindet er sich in einer Weiterqualifizierung „Projektmanagement und IT-Servicemanagement“, die seine Führungsfähigkeit stärken soll. Bis Dezember dauert diese Maßnahme, die von der staatlich finanzierten Arbeitsagentur statt vom kommunal getragenen Jobcenter bezahlt wird – ein wichtiger Unterschied.
Am Prinzip vom „Fördern und Fordern“ hat M. schon stark gezweifelt, nun gewinnt es für ihn wieder an Bedeutung. Es keimt Hoffnung, die phasenweise abhandengekommen war: dass die Weiterbildung als Ergänzung zu seiner bisherigen Erfahrung die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht.
Die ersten fünf Wochen geben dem gelernten Fachinformatiker ein gutes Gefühl. Im Herbst beginnt seine Bewerbungsphase, dann wird man sehen, was die Weiterbildung bringt. Vielleicht kann er künftig als Projektmanager oder ähnliches arbeiten, selbst wenn der Markt da auch nicht so rosig aussieht. In der Softwareentwicklung sieht er für sich trotz seiner Fachkenntnisse nur noch geringe Chancen. Frustrierende Ratschläge einer externen, aber vom Jobcenter gezahlten Beratung, er solle notfalls einen Minijob machen und auf dem Frühlingsfest aushelfen, gehören jedenfalls – so hofft er – der Vergangenheit an.
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