Arbeitsmarkt Zahl der 400-Euro-Jobs steigt deutlich

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Der starke Zuwachs niedrig bezahlter Tätigkeiten schlägt sich auch im Südwesten nieder. Der Boom der niedrig bezahlten Jobs führt zu verstärkter Armut.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Stuttgart - Vor dem Tag der Arbeit am Sonntag hat der Gewerkschaftsbund angekündigt, sich verstärkt mit der "besorgniserregenden" Prekarisierung der Berufswelt auseinanderzusetzen. "Das ist das Mindeste! Faire Löhne - Gute Arbeit - Soziale Sicherheit", lautet das Motto etlicher Dutzend Maikundgebungen bundesweit. "Wie haben inzwischen den größten Niedriglohnbereich Europas", betont DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Wie zur Bestätigung der DGB-Kampagne stellt die Bundesagentur für Arbeit (BA) fest, dass jeder vierte Erwerbstätige in Deutschland einer geringfügig entlohnten Arbeit nachgeht. Demnach ist die Zahl der Minijobber seit Herbst 2003 von 5,75 Millionen um 27 Prozent auf 7,31 Millionen gestiegen. Gut jeder vierte Minijobber hat noch einen Hauptjob. Insgesamt wurden 2,45 Millionen geringfügig bezahlte Beschäftigungen nebenberuflich bestritten.

Abgabenfreiheit als Ursache

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) begründet die starke Zunahme der sogenannten 400-Euro-Jobs insbesondere mit einer Gesetzesänderung von 2003. Seither müssen die Einnahmen aus nebenberuflich ausgeübten Minijobs nicht mehr mit dem Haupteinkommen versteuert werden. Diese Abgabenfreiheit hat ihre Zahl allein im Jahr 2004 um mehr als eine Million steigen lassen.

Auch im Südwesten wandelt sich die Arbeitswelt zusehends - die klassische Vollzeitbeschäftigung geht immer rascher in neue Erwerbsformen über. Nach einer Auswertung der BA-Beschäftigungsstatistik durch das Statistische Landesamt hat sich der Anteil der Arbeitnehmer, die einen Teilzeit- oder Minijob ausüben, in Baden-Württemberg binnen zehn Jahren von 26 auf 31 Prozent, erhöht. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigten wuchs um etwa 35 Prozent und die Zahl der Arbeitnehmer, die ausschließlich einen Minijob ausübten, um 15 Prozent. Dagegen ging die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um drei Prozent auf 3,2 Millionen zurück.

Großteil wird von Frauen ausgeübt

Zwar nehmen gerade Frauen eine Teilzeitbeschäftigung oder einen 400-Euro-Job auf, um Beruf und Familie miteinander zu verbinden. 68 Prozent der Minijobs und 85 Prozent aller Teilzeitarbeitsplätze wurden Mitte vorigen Jahres von Frauen ausgeübt. Der Zuwachs bei den Minijobs ging allerdings in etwa zu gleichen Teilen auf das Konto von Männern und Frauen.

In der regionalen Auswertung aller 44 Stadt- und Landkreise des Landes konnte der Kreis Karlsruhe den größten Anstieg an Minijobs verbuchen: 34 Prozent. Derweil hatte die Landeshauptstadt Stuttgart das höchste absolute Plus an Teilzeitarbeitsplätzen: 40 Prozent. 34 Kreise büßten Vollzeitarbeitsplätze ein - allen voran Stuttgart mit minus acht Prozent.

Viele Menschen profitieren von der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Auf der Negativseite schlägt zu Buche, dass der Boom der niedrig bezahlten Jobs zu verstärkter Armut führt. Dies zeigt eine Studie der Sozialforscher Henning Lohmann (Universität Bielefeld) und Hans-Jürgen Andreß (Köln). Bis jetzt zählen etwa sieben Prozent der Erwerbstätigen zu den sogenannten Working Poor - etwa so viele wie im europäischen Durchschnitt. Weil weibliche Geringverdiener oft mit bessergestellten Partnern zusammenleben, führen niedrige Einkommen nicht zwangsläufig zu Armut. Wenn aber Geringverdiener - wie nun zu beobachten ist - immer öfter Haupt- statt Nebenverdiener sind, dürfte die Armut in Deutschland deutlich zunehmen.

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