„Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Streiktag.“: Kundgebung von Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes vor dem Rathaus in Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin
Kitas blieben zu, Busse fuhren nicht, Ämter waren geschlossen: Der öffentliche Dienst streikte auch in Esslingen. Acht Prozent mehr Lohn lautet die Forderung der Gewerkschaft Verdi. Doch viele Passanten haben kein Verständnis dafür.
Simone Weiß
10.02.2025 - 13:25 Uhr
Ein energisches Rütteln an der Tür. Hilft nichts. Die Pforte bleibt zu. Erst dann sieht die Passantin den Aushang: „Aufgrund des Warnstreiks bleibt das Behördenzentrum Beblinger Straße geschlossen.“ Beschäftigte der Stadtverwaltung Esslingen machten bei den Arbeitsniederlegungen im öffentlichen Dienst am Montag mit. Brigitte Weber, eine Passantin, hat kein Verständnis dafür: „Wenn ich Zug fahren will, wird gestreikt. Wenn ich Bus fahren will, wird gestreikt. Wenn ich auf das Bürgeramt möchte, wird gestreikt. Jeder will mehr verdienen, aber keiner will etwas bezahlen.“ Demokratie sei nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen, fügt die 69-Jährige hinzu.
Am Busbahnhof vor dem Bahnhof in Esslingen sieht sich Ulrich Breitenbach hilflos suchend um. Wegen des Streiks fährt kein Bus. Er muss aber zum Klinikum Esslingen. Sein Auto und seinen Führerschein habe er schon vor Jahren wegen Problemen mit den Augen abgegeben, sagt er: „Diese Streiks werden auf dem Rücken der Allgemeinheit ausgetragen.“ Am Bäckereikiosk schräg gegenüber hat auch Verkäuferin Melanie Schiller die Auswirkungen zu spüren bekommen. An einer Haltestelle in Oberesslingen habe es am Morgen lange Schlangen gegeben, weil alle anderen Busse nicht verkehrten, sagt sie.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat zum Streik im öffentlichen Dienst auch in Esslingen aufgerufen. Foto: Roberto B/ulgrin
„Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Streiktag“, skandieren sie währenddessen bei der Kundgebung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vor dem Esslinger Rathaus. „Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten, wie ich bezahlt werde“, steht auf einem Plakat. Auf einem anderen Schild ist zu lesen: „Kinder brauchen Knete. Ich auch.“ Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in Esslingen aus Bereichen wie Klinikum, Kitas, Bauhof, Städtischer Verkehrsbetrieb, Landratsamt oder Kreissparkasse haben laut Benjamin Stein, dem Verdi-Bezirksgeschäftsführer Fils-Neckar-Alb, am Montag die Arbeit niedergelegt. Die Forderungen der Arbeitnehmervertretung lauteten auf acht Prozent mehr Lohn, mindestens aber 350 Euro mehr und mehr freie Tagen.
Geld für den Marktplatz in Esslingen
Sie sei Pflegekraft in der Abteilung Psychosomatik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Esslingen, berichtet Regina Siller-Alsleben, eine der Streikenden. Stellenkürzungen und Personalmangel machten diese so wichtige Arbeit immer schwieriger. Stadtrat Martin Auerbach (Die Linke) zitiert Oberbürgermeister Matthias Klopfers Verweis auf die leeren Stadtkassen. Doch, so kritisiert Auerbach, für die Sanierung des Marktplatzes würden zehn Millionen Euro über mehrere Jahre verteilt ausgegeben, die Stadt habe zudem einen Amtsleiter für Digitalisierung eingestellt.
Auch Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross zitiert Matthias Klopfer: „Der OB hat gesagt, unsere Forderungen wären nicht von dieser Welt. Ich weiß nicht, in welcher Welt Herr Klopfer lebt.“ In seiner Welt aber, so Gross, gebe es immer weniger Stellen im öffentlichen Dienst. Die Arbeitsbelastung sei enorm. Und wieder rufen sie: „Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Streiktag.“
Das wurde an Stellen des öffentlichen Lebens bemerkt. Bei den Stadtwerken Esslingen (SWE) legte etwas weniger als ein Zehntel der Belegschaft die Arbeit nieder, sagt Pressesprecher Holger Koller: „Eine persönliche Beratung im SWE-Kundencenter war nicht möglich. Weitere Dienstleistungen waren nicht eingeschränkt.“
Laut Marcel Meier vom Pressereferat der Stadt Esslingen haben rund 475 Mitarbeitende aus Bereichen wie Bürger- und Standesamt, Kitas, städtischem Vollzugsdienst, Friedhofsbetrieb oder dem Kultursektor mitgemacht: „Von insgesamt 32 Kitas hatten neun geöffnet. Fünf Einrichtungen hatten im eingeschränkten Betrieb geöffnet, 18 Kitas waren ganz geschlossen.“ In den Schulen mit Grundschulbetreuung, Mensa und Sekretariaten habe keine Schülerbetreuungsgruppe geschlossen werden müssen: „Zudem haben Mitarbeitende des städtischen Bauhofs gestreikt. Demzufolge konnte es bei der Reinigung der Grünflächen, der Straßenreinigung und bei der Leerung der öffentlichen Mülleimer zu Verzögerungen kommen“.