Arbeitsplatz extrem Je kaputter die Jeans, desto besser

An guten Tagen schafft es Guido Wetzels, fünf Bluejeans professionell zu zerstören. Der Textilingenieur entwickelt im „Jeanslabor“ von Mustang in Künzelsau den richtigen Used-Look für die Hose.

Wirtschaft: Thomas Thieme (tht)

Stuttgart - An guten Tagen schafft es Guido Wetzels, fünf Bluejeans professionell zu zerstören. „Das ist das absolute Limit, mehr geht nicht“, sagt er und schiebt seine exotische Stellenbeschreibung gleich hinterher: „Ich mache alles, damit die Hose alt, ranzig und komplett runtergenudelt aussieht. Das ist im Prinzip mein Job.“ Wetzels steht in seinem Arbeitsbereich, der sich in zwei große, hohe Räume aufteilt: Waschküche und Werkstatt. Es ist das kreative Zentrum von Mustang in Künzelsau, der ältesten Jeansmarke Europas.

Wetzels spannt eine dunkelblaue Jeans über eine selbst entwickelte Puppen-Apparatur aus recycelten Gummireifen. Dann strömt so lange Druckluft hinein, bis die Hose unter Spannung steht. Auf diese Art lässt sich das Material am leichtesten bearbeiten. Wie das geschieht, demonstriert der „Jeanszerstörer“ mit verschiedenen Werkzeugen – ebenfalls Marke Eigenbau. Auf einem Pinsel aus dem Baumarkt ist ein schmaler Streifen Schleifpapier aufgeklebt. Routiniert schnitzt Wetzels damit knapp unterhalb der Taschen Linien in den Stoff und lässt so die typischen Sitzfalten entstehen. Dann kommt eine rotierende Bürste zum Einsatz, die das kräftige, dunkle Indigoblau an verschiedenen Stellen herunter reibt.

Mit jedem neuen Arbeitsschritt wird auch der Denim-Stoff an den malträtierten Stellen dünner. So simuliert Wetzels die natürliche Abnutzung und Alterung der Jeans und hinterlässt in sekundenschnelle Eintragespuren oder sogar Löcher, die sonst durch langes Tragen entstehen würden. „Wir machen die Hosen an einem Tag drei Jahre älter.“ Das Ergebnis – der richtige Used-Look – muss authentisch aussehen, erklärt der 49-Jährige: „Du kannst eine normale Hose auch so langweilig waschen, dass sie unverkäuflich ist.“

Längst nicht jede Idee ist serienreif

Wetzels ist als selbstständiger Unternehmer ein weltweit gefragter Experte in Sachen Jeans-Veredelung. Seit 2011 entwickelt er Waschungen exklusiv für Mustang, zwischen 1992 und 2004 war schon einmal in Künzelsau angestellt. In den 90er Jahren beschäftigte das Unternehmen noch bis zu 2000 Mitarbeiter in eigenen Fabriken in Deutschland, Ungarn, Portugal, Polen und Russland. Die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer kann der 49-jährige Diplom-Textilingenieur verstehen: „Wir könnten heute in Deutschland weder in großem Stil nähen, noch waschen.“

Die Waschung entsteht in Maschinen, die Wetzels über den Kopf reichen. Er wirft einen Stapel Jeans in die Trommel und schaufelt Bimssteine hinterher. „Pro Kilo Hose ein Kilo Steine“, lautet seine Faustformel für das Stone-washed-Verfahren. Je feiner die Steine, desto gleichmäßiger der Effekt. Ein Waschgang dauert maximal eine Stunde. Dabei wird die Hose auch „ins Maß gebracht“, das heißt sie verliert zwischen drei und fünf Prozent an Länge und Weite. Der jeweilige Blauton resultiert Letztenendes aus der Bearbeitung, ist aber auch von der Materialstärke und vom Ausgangsstoff abhängig. Es gibt Hunderte neuer Stoffsorten pro Jahr, 20 bis 30 verwendet Mustang für eine Kollektion. Doch längst nicht jede Idee von Guido Wetzels schafft die Serienreife. Davon zeugt eine mit Hosen vollgepackte Kleiderstange an der Wand: das kreative Werk der vergangenen Wochen. Letzenendes werden es vielleicht eine Handvoll der Prototypen in die Herbstkollektion für 2015 schaffen, die übrigen Versuche landen im Archiv.

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