Arbeitsverträge bei Briefträgern Post speist viele mit Befristung ab

So mancher Briefträger der Deutschen Post muss halb- oder gar vierteljährlich bangen. Foto: dpa
So mancher Briefträger der Deutschen Post muss halb- oder gar vierteljährlich bangen. Foto: dpa

Die Gewerkschaft Verdi prangert die Deutsche Post für den hohen Anteil befristeter Verträge an. Etwa jeder zehnte Briefträger und Paketzusteller ist offenbar davon betroffen.

Baden-Württemberg: Heinz Siebold (sie)
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Freiburg - Jedes Mal diese Angst, ob der Vertrag verlängert wird oder nicht, daran wird sich Anna Ziegler (Name von der Redaktion geändert) nie gewöhnen. Die 40-jährige gebürtige Leipzigerin liefert Briefe und Pakete in einem Zustellbezirk der Deutschen Post in und um Bad Säckingen aus. Mehr als zwanzig Verträge hat sie gehabt, seitdem sie 2008 bei der Post angefangen hat. „Ganz genau weiß ich es gar nicht mehr.“ Verträge, die mal ein halbes, mal ein Viertejahr Laufzeit hatten. „Das zermürbt“, klagt Anna Ziegler, sie erzieht zwei Töchter alleine. „Sechzehn und siebzehn Jahre alt – ein super Alter“, schmunzelt sie ironisch.

Jetzt hat sie einen Vertrag über ein Jahr, das O. K. kam einen Tag vor dem Urlaub. Eigentlich macht ihr die Arbeit Spaß: „Ich habe mit Menschen Kontakt, bin an der frischen Luft, habe Bewegung.“ Um 7.35 Uhr fängt sie mit dem Vorsortieren der Briefe an. Gegen 10 Uhr geht es mit dem Auto auf die 25 Kilometer lange Strecke. Zwischen 17 und 18 Uhr ist Feierabend. Die tarifliche Arbeitszeit beträgt 38,5 Stunden. Von dem Bruttolohn bleiben Anna Ziegler 1500 Euro übrig.

Die Gewerkschaft macht Front

Familiengründung? „Wie denn?“, fragt Kurt Fels (Name ebenfalls geändert) leicht ärgerlich zurück. „Was soll ich einer Frau denn sagen? Dass ich schon wieder nur einen Vertrag über ein Vierteljahr habe?“ Der 42-Jährige hat den Beruf des Maurers gelernt und ist vor zwölf Jahren zur Post als Paketausfahrer gewechselt. Er hatte ein paar Mal Pech, streifte mit dem gelben Wagen einen Randstein und einen Poller. Dann fiel er auf die Schulter, und es dauerte ein Jahr, bis die Verletzung ausgeheilt war. Seit dem 1. Oktober hat Fels wieder einen befristeten Vertrag als Briefträger in Emmendingen. Für 2050 Euro brutto, davon bleiben 1400 Euro netto übrig.

„Befristete Verträge bedeuten große Unsicherheit in der Lebens- und Familienplanung, und das bedeutet oft Stillstand im Leben der Betroffenen“, sagt Heike Hoffmann, die südbadische Sekretärin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. In dem ehemaligen Staatsbetrieb, der jetzt an der Börse notiert ist, ist weit über die Hälfte der Belegschaft organisiert. Die Gewerkschaft macht bundesweit Front gegen befristete Arbeitsverträge. Rund 13 600 Beschäftigte arbeiten nach Angaben der Gewerkschaft unter anderem in der Brief- und Paketzustellung mit befristeten Verträgen, ein Anteil von elf Prozent. In dem südbadischen Bezirk an Hoch- und Oberrhein arbeiten 3200 Beschäftigte, rund 700 nach Angaben von Verdi zeitlich befristet. Tendenz steigend.

Nächstes Jahr läuft die Beschäftigungssicherung aus

„Die haben gesagt, das kommt von oben, von Bonn“, berichtet Zusteller Fels, der nachgefragt hat, warum er eigentlich keine Festanstellung bekommt. „Das ist so“, bestätigt der Freiburger Post-Betriebsrat Werner Siebler. „Der Vorstandsvorsitzende Frank Appel hat angekündigt, dass das Unternehmen mehr Gewinn machen soll und dass es dabei keine Tabus geben dürfe.“

Und es steht im nächsten Jahr mehr auf dem Spiel als ein paar Prozente mehr Lohn. Ende 2015 läuft der Vertrag aus, der momentan noch betriebsbedingte Kündigungen im Konzern ausschließt – und auch weitere Vereinbarungen, die von Verdi als „Schutzpaket“ bezeichnet werden. Dazu gehört auch, dass die Post bisher offiziell in relativ geringem Umfang Fahrdienste ausgegliedert hat. Auch das will Post-Boss Appel ändern. Die Post betont in einer Stellungnahme, dass immer noch fast 90 Prozent der Briefzusteller unbefristet tätig seien. „Wenn sich dauerhaft ein höherer Bedarf abzeichnet, finden darüber hinaus regelmäßig Entfristungen bei bisher befristeten Arbeitsverträgen statt“, sagt ein Sprecher.

Das Gesetz begrenzt Kettenverträge eigentlich

Rechtlich gesehen dürfen befristete Verträge innerhalb von zwei Jahren nur insgesamt dreimal verlängert werden. Es sei denn, es liegt ein „Sachgrund“ vor, dazu gehören Schwangerschafts- und Urlaubsvertretungen. In diesem Fall kann die Befristung in Form von Kettenverträgen praktisch endlos fortgesetzt werden. „Der bisherige Rekord, der mir untergekommen ist, waren 52 Folgeverträge“, berichtet die südbadische Gewerkschafterin Heike Hoffmann. „Das hat mit respektvollem Umgang mit Menschen nichts mehr zu tun“, klagt Betriebsrat Siebler. „Dabei wäre die Umwandlung in Festanstellungen ohne Weiteres möglich, es gibt in Südbaden großen Personalbedarf.“

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