Arbeitswelt Rosige Aussichten für Rentner - Trotzdem großer Reformbedarf

Im vergangenen Jahr waren 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Fast 600.000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220.000 waren sogar mindestens 75 Jahre alt - und 72.000 Beschäftigte mindestens 80 Jahre. Foto: Patrick Pleul/zb/dpa Foto: dpa
Im vergangenen Jahr waren 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Fast 600.000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220.000 waren sogar mindestens 75 Jahre alt - und 72.000 Beschäftigte mindestens 80 Jahre. Foto: Patrick Pleul/zb/dpa

Beginnen mit der Nullrunde 2021 magere Rentenjahre? Ein Blick voraus zeigt: Die Bezüge werden vorerst wieder millionenfach steigen. Doch weitreichende Entscheidungen könnten das Rentensystem verändern.

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Berlin - Für die mehr als 20 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland ist im Wahlkampfsommer 2021 eines ziemlich sicher: Nach der Nullrunde in diesem Jahr werden ihre Bezüge im kommenden Jahr voraussichtlich wieder spürbar steigen. Doch die rosigen Aussichten sind nicht für alle Grund zur Beruhigung.

"So wie es jetzt ist, wird das Rentensystem nicht dauerhaft bestehen können", sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. In den Wahlprogrammen der großen Parteien spiegelt sich der Reformbedarf teils in weitreichenden Vorschlägen wider.

Aktueller Ausblick für die Rentner

In diesem Jahr hat Corona die Rentnerinnen und Rentnern um eine Erhöhung gebracht. Im Westen gab es gar kein Plus, in Ostdeutschland 0,72 Prozent. Grund war der konjunkturbedingte Einbruch der Beitragseinnahmen bei der Rentenkasse. Doch eine Trendumkehr steht bevor – mit deutlich steigenden Renten im Juli 2022. 4,8 Prozent mehr könnte es in den alten Ländern dann laut Rentenversicherungsbericht geben, 2023 3,15 Prozent - in Ostdeutschland sogar 5,56 und dann 3,88 Prozent.

Grundrente kommt bei immer mehr Menschen an

Es dürfte für Hunderttausende Rentnerinnen und Rentner sogar noch etwas mehr werden im kommenden Jahr – nämlich wenn sie erstmals Grundrente ausbezahlt bekommen, und zwar rückwirkend ab Anfang 2021. Denn damals startete der Aufschlag für langjährige Geringverdiener offiziell.

Doch der Aufbau der Datensysteme dauerte so lange, dass erst im Juli die ersten Anspruchsberechtigten Grundrentenbescheide erhielten. Bis Ende 2022 soll es dauern, bis aus den 26 Millionen Rentenkonten die geschätzten 1,3 Millionen Menschen herausgesiebt sind, die Anspruch auf den Zuschlag haben.

Probleme der kommenden Jahre

Die alles in allem guten Rentenjahre dürften aber vorbeigehen. "Wenn die Jahrgänge, die in den 60er Jahre geboren wurden, in Rente gehen, wird das Verhältnis zwischen Leistungsempfängern und Einzahlern immer ungünstiger", mahnt Dulger. Steuermittel decken schon heute bereits rund 30 Prozent der Renten-Ausgaben - mehr als ein Viertel seines Haushalts gibt der Bund dafür aus.

Soll der Bund immer mehr zur umlagefinanzierten Rente zuschießen? Oder sollen gar Beiträge steigen oder Leistungen sinken? Eine Antwort sollte eine von der Regierung eingesetzte Rentenkommission vergangenes Jahr liefern. Bei ihr prallten die Meinungen aber teils so unversöhnlich aufeinander, dass einige Kommentatoren von einem Scheitern sprachen.

Debatte über späteres Rentenalter

Für Dulger ist die Sache klar: "Wir kommen nicht um eine Diskussion über ein steigendes Renteneintrittsalter herum", sagt der Arbeitgeberpräsident. Doch wann soll die Arbeit enden? Nach geltender Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium schlug im Juni vor, dass bei steigender Lebenserwartung zusätzliche Jahre aufgeteilt werden in Arbeitsjahre und Rentenbezug.

Bei Koppelung an die Lebenserwartung würde das Rentenalter im Jahr 2042 mit 68 Jahren erreicht, so der Beirat. Doch stoßen solche Vorstöße auf vehemente Ablehnung etwa von Gewerkschaften. Über das Renteneintrittsalter - so sagen sie - müsse auch künftig politisch entschieden werden, längeres Arbeiten wäre eine Rentenkürzung durch die Hintertür, und viele könnten gesundheitlich gar nicht so lange arbeiten.

Längeres Arbeiten

Die Forderung nach späterer Rente ist so unpopulär, dass etwa die Union in ihrem Wahlprogramm nur ankündigt: "Wir wollen den Menschen helfen, das tatsächliche Regelrenteneintrittsalter zu erreichen." Tatsächlich ist schon heute bei vielen nicht mit 67 Schluss. So waren im vergangenen Jahr 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Fast 600.000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220.000 waren sogar mindestens 75 Jahre alt - und 72.000 Beschäftigte mindestens 80 Jahre.

Unter den Menschen mit einer Beschäftigung ab 67 sind 800.000 Minijobberinnen und –jobber. Sie müssen sich nicht sozialversichern und die zusätzlichen Einnahmen nicht versteuern. Einerseits fühlen sich Menschen im Rentenalter nicht unbedingt reif für den Ruhestand. Vor allem Frauen sind laut Experten aber auch oft auf einen Zuverdienst zur Rente angewiesen. Die Statistik zeigt: Besonders viele Betroffene arbeiten in einem Büro, als Putzkraft oder als Fahrerin oder Fahrer.

Reformansätze der Parteien

Die Parteien warten mit großen Vorschlägen auf, wie die Altersvorsorge dauerhaft abgesichert werden kann. Eine wichtiger Punkt: zusätzliche Vorsorge neben der gesetzlichen Rente. CDU/CSU schlagen ein Standard-Vorsorgeprodukt für die private Altersvorsorge vor, das alle Beschäftigten automatisch abschließen, außer sie entscheiden sich aktiv dagegen.

Auch die SPD will ein freiwilliges Standardangebot - statt der Riester-Rentenverträge. Vor allem wollen die Sozialdemokraten - wie im Grundsatz auch Grüne und Linke - die gesetzliche Rentenversicherung aber zur Altersvorsorge für alle machen. Auch Selbstständige, Beamtinnen und Beamte und Mandatsträger sollen in die Rentenversicherung. Grünen und Linke verfolgten zudem Ideen von Rentengarantien auch für Geringverdiener. Die FDP setzt auf Rente nach dem Baukastenbetrieb: Gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge sollen flexibler kombinierbar sein. Ein Teil der Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern wollen die Liberalen in ein Aktiensparmodell fließen lassen.

© dpa-infocom, dpa:210802-99-657678/5

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