Die Idee der Viertagewoche zieht viele Beschäftigte in ihren Bann. Zum Tag der Arbeit Anfang der Woche hat sie es an die Spitze der gewerkschaftspolitischen Agenda geschafft. Manchen erscheint sie bereits als eine zentrale Lösung im Kampf gegen den Fachkräftemangel.
Wie sich die Zeiten ändern: Drei Jahre ist es her, dass IG-Metall-Chef Jörg Hofmann die Viertagewoche als „Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie“ bezeichnet hat. „Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben.“ Die Philosophie lautete, die weniger werdende Arbeit so zu verteilen, dass der Beschäftigungsabbau aufgehalten wird. Flexibilitätsinstrumente können helfen, den geringeren Bedarf mit einem schrumpfenden Teil von Belegschaften zu überbrücken. Einen „gewissen Lohnausgleich“ solle es dafür geben, so Hofmann damals. Als beispielgebend nannte er kürzere Arbeitszeiten bei Daimler, ZF und Bosch.
„Vorteil im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter“
Doch die Arbeitswelt wandelt sich – heute steht nicht mehr die Krisenbewältigung, sondern der immense Mangel an Fach- und Arbeitskräften im Vordergrund. Nun sieht der Gewerkschaftsvorsitzende die Viertagewoche vor allem als Instrument, um die Arbeitszufriedenheit zu vergrößern und mehr Teilzeit-arbeitende Frauen in Vollzeit zu locken – dieses Arbeitsmodell sei ein „echter Vorteil im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter“, sagt er nun.
Wie Hofmann den Plan realisieren will, ist offen. Es hat dazu in der IG Metall keine vertiefte Debatte mehr gegeben; allenfalls in der Stahlindustrie ist ein konkreter Vorstoß zur nächsten Tarifrunde angedacht. Baden-Württembergs Bezirksleiter Roman Zitzelsberger zeigt sich überzeugt: „Unabhängig davon, ob das Thema in den nächsten Tarifrunden thematisiert wird oder nicht: Andere Formen von Arbeit und die Frage einer anderen Verteilung von Arbeit innerhalb der Woche werden künftig eine Rolle spielen“, sagte er unserer Zeitung. Aus seiner Sicht geht es „um die Fortsetzung dessen, was wir 2018 mit dem Wahlrecht von individueller Arbeitszeitgestaltung und in unserem Tarifvertrag zur mobilen Arbeit begonnen haben: mehr Wahlfreiheit für die Beschäftigten.“
„Das Arbeitgeberlager klatscht nie laut Beifall“
Die Viertagewoche könne bestimmte Branchen wieder attraktiver machen – lebensphasenorientierte Arbeitszeiten mit vielen Optionen hätten für die Menschen Priorität. Immerhin sicherten sich selbst Handwerksbetriebe damit schon neue Leute, argumentiert der Bezirksleiter. „Ob das grundsätzlich für einzelne Branchen passt, muss konkret diskutiert werden.“ Für die Stahlindustrie passe es „mit Sicherheit“.
Die Ablehnung der Arbeitgeber irritiert den Bezirksleiter nicht. „Es wäre das allererste Mal, dass die IG Metall einen Stein dieser Dimension ins Wasser wirft, und das Arbeitgeberlager klatscht laut Beifall.“ Das Thema habe eine gesellschaftliche Dimension. „Da gibt es auch Menschen, die unsere Ideen kritisch sehen – das gehört zum normalen Tarifgeschehen.“
Die nächste Gelegenheit zur internen Debatte bietet eine tarifpolitische Klausurtagung der IG Metall Baden-Württemberg am 23. Mai. Da soll die Frage der Arbeitszeitverteilung und einer mehr arbeitnehmerorientierten Flexibilität etwa neben der Altersversorgung per Tarifvertrag oder einer Neufassung des Entgeltrahmentarifvertrags eine Rolle spielen.
Zitzelsberger glaubt offenbar selbst nicht daran, dass die Viertagewoche eine flächendeckende Lösung sein kann. „Wir werden nicht den einen Anzug finden, der allen passt“, betont er. Dies habe in der Vergangenheit immer weniger funktioniert. „Wir werden eine Tariflandschaft auch in der Metall- und Elektro-Industrie kriegen, die in der Frage der unterschiedlichen Anforderungen innerhalb ihrer Teilbranchen und unterschiedlicher betrieblicher Anforderungen noch viel mehr ,Menü à la Carte’ und Wahlmöglichkeiten im Tarifvertrag bieten muss, um auch konkrete spezifische Themen der Beschäftigten abzudecken.“ Aus seiner Sicht ist es für die Zwanzigerjahre die „große Frage“, wie sich die Unterschiedlichkeit viel mehr auch im Flächentarifvertrag abbilden lässt. „Ich glaube, dass wir uns als IG Metall noch viel stärker, als wir es vielleicht in der Vergangenheit getan haben, an den Interessenlagen der Menschen ausrichten müssen.“
Arbeitsminister Heil gegen „starres System“
Gemessen an jüngsten Äußerungen etwa von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil oder der Gewerkschaftsbund-Vorsitzenden Yasmin Fahimi dürfte sich diese differenzierte Sicht im Arbeitnehmerlager durchsetzen. Zwar könne so ein Modell im Einzelfall sinnvoll sein, damit ein Unternehmen für Beschäftigte attraktiv sei, befand der SPD-Minister. Er sei aber „gegen ein starres System.“ Die DGB-Chefin meinte: Der Grundgedanke sei richtig – dies müsse aber in jeder Branche geklärt und abgesichert werden.