Was auf dem Eckgrundstück hinter dem Kaufland an der Calwer Straße gefunden wurde, das sind Zeugnisse einer frühen Sindelfinger Besiedlungsgeschichte von vor über 1000 Jahren. Beweise für ein kleines Dorf außerhalb dessen, was mit dem ausgehenden 13. Jahrhundert durch seine Stadtmauern als Beginn der Sindelfinger Stadtgeschichte definiert ist.
Mit wissenschaftlicher Akribie und viel Detailliebe
Also: Baustopp. Ende November rückten Archäologen der Firma „ArchaeoBW“ an, um den Flurstücken zu Leibe zu rücken – in Handarbeit mit kleinen Handrechen; später auch mit einem kleinen Bagger. Meistens so rund eine Handvoll Fachleute durchkämmten seither 300 der insgesamt 600 Quadratmeter großen Grundstücksfläche. „Keramik, Knochen, Hüttenlehm, Eisen“ benennt ein 50-seitiger archäologischer „Sondage“-Bericht. Ein Werk des Landesdenkmalamts, das man ob seiner wissenschaftlichen Akribie und Detailliebe nur bewundern kann.
Je länger die Archäologen das Schwemmland der Schwippe umpflügten, desto mehr Überreste aus dem 9. bis zum 12. Jahrhundert kamen zutage. Nämlich Brunnen, Grubenhäuser, Erdkeller, Pfostengruben und auch Wandgräben. Sehr zur Freude derer, die die Baustelle besetzten; wie beispielsweise Grabungstechniker Heiko Gluck, 28, der Archäologie studiert hat, oder wie die in Griechenland geborene Nikolea Agres, 32, die kürzlich mal wieder zugange waren. Mit Meterstab, Kelle und Kamera. Denn so gut wie alles, was der schluffige Boden an der Alexanderstraße hergibt, wird mit Fotos festgehalten.
Die Fotos ergeben später ein 3D-Modell
Mehr als das. „Wir machen da auch SFM-Aufnahmen“, sagt Johannes Gaida, der Grabungsleiter. SFM steht für „Structure from motion“ und bedeutet, dass eine Reihe von Aufnahmen so gemacht wird, dass Computer-Software daraus ein 3D-Modell errechnen kann. „Schon toll, oder?“, lacht Johannes Gaida. Der ist 53, gebürtiger Saarländer, hat in Tübingen Vor- und Frühgeschichte studiert und ist deshalb und der Liebe wegen im Schwabenland hängen geblieben. 20 Jahre lange habe er für den Ernst-Klett-Verlag digitale Schulmedien in Mathe und Naturwissenschaften gemacht – nun aber sitzt Gaida nicht mehr an Rechnern, sondern hält eine Kelle in der Hand. „Die ist eines der wichtigsten Werkzeuge fürs Feinarbeiten von Archäologen“, erzählt er und zeigt auf Erdverlaufsschichten, die man bestens erkennt, weil sie penibel glatt gestrichen worden sind.
Einige Meter weiter weg dieselt ein Kleinbagger hinter Schutthäufen. „Man nennt die Archäologie die Wissenschaft des Spatens“, grinst Johannes Gaida: „Aber es ist mitunter auch eine Wissenschaft des Kleinbaggers geworden.“ Nun gut, hätte man so ein Hilfsmittel nicht, würde so eine Rettungsgrabung noch viel länger als die gut drei Monate dauern, die die jetzige beansprucht hat.
Pech für die Süddeutsche Gemeinschaft: Sie muss 250 000 Euro berappen
Nicht zwingend zur Freude von Wilhelm Hölzle. Der Chef des gleichnamigen Pianohauses ist Leiter der Süddeutschen Gemeinschaft, deren Neubauprojekt nun um Monate verzögert worden ist. Scherben bringen Glück ist also nicht unbedingt das, was man Hölzle entlocken könnte. Zum Zeitverzug kommt ein Kostenpaket. Die Rechtsprechung sagt, dass derjenige, der ein Grundstück erwirbt, auch die Verantwortung für dessen mögliche Altlasten trägt. Seien es Verunreinigungen durch Heizöl. Oder seien es Überbleibsel Altvorderer aus frühgeschichtlicher Zeit. Des einen Glück – der Altertumsforscher – ist also der anderen „Pech“ und Baugrund-Risiko.
Wilhelm Hölzle hätte die Überraschung im Untergrund nicht zwingend gebraucht. Weil das Verursacherprinzip gelte, bleibt die Süddeutsche Gemeinde auf den Kosten sitzen. „Alles inklusive ist das eine Viertelmillion Euro“, sagt der 57-Jährige. Alleine die Archäologen schlügen mit rund 190 000 Euro zu Buche. Hatte die Gemeinde für ihren Neubau 2,5 Millionen Euro veranschlagt, die sie aus eigenen Mitteln erbringen muss, nimmt sie nun inklusive Baukostensteigerung drei Millionen als Endsumme an. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass die Gemeinschaft innerhalb der evangelischen Kirche „mit freikirchlichem Charakter“ keinerlei Baukostenzuschüsse bekommt.
Die Funde gehen nach Nordbaden ins Museum
Zuständige Gebietsreferentin beim Landesamt für Denkmalschutz ist Dorothee Brenner. Die promovierte 47-jährige Archäologin war mehrfach vor Ort und erfreut, was hier gefunden, in Ludwigsburg gewaschen, beschriftet, verpackt und katalogisiert worden ist. „Die Sachen gehen nach Rastatt, das archäologische Landesmuseum.“ Weggeworfen wird also nichts? „Nein“, so Brenner. In Rastatt könne man sich die Funde anschauen; ausleihbar sind sie auch.
Dass sich schon vor der Sindelfinger Stadtgründung eine Dorfsiedlung aus dem 9. bis 12. Jahrhundert befunden habe, „haben wir vermutet“, so Dorothee Brenner. In Dokumenten sei sie erwähnt. Das zu bestimmen, was man gefunden habe, dafür reichten der geschulte Blick der Fachleute und Erfahrungswerte: „Über die Zeit haben sich der Ton und die Brennweisen geändert, die Formen und Zugaben“, so die Fachfrau für Mittelalter und Neuzeit: „Wie sich so ein Stück anfasst, wie hart es ist, das sagt schon viel aus.“ Irgendwo in der Dokumentation ist von Drehkeramik die Rede, was ja soviel heißt, dass schon die Sindelfinger vor 1000 Jahren den „Dreh“ einer Scheibe heraus hatten.
Terra incognita und ein Puzzlespiel
Und doch ist noch vieles, was die Untergrund-Detektive in Böden suchen, Terra incognita, unerforschtes Gebiet, das Zusammensetzen ein Puzzle. Mit dem, was man in Sindelfingen freigelegt habe, wisse man jetzt aber mehr über Pfostenhäuser, Ställe und Scheunen, über Wirtschaftsräume und halb eingegrabene Hütten für die Handwerker.
Die Süddeutsche Gemeinschaft in Sindelfingen
112 Jahre alt
Die Süddeutsche Gemeinschaft Sindelfingen ist 2010 hundert Jahre alt geworden. Gegründet wurde sie einst im „Adler“ am heutigen Wettbachplatz, jetzt der Italiener „Come Sempre“.
100 Mitglieder
Seit 1955 ist das Domizil der rund 100 Mitglieder der Gemeinde in der Wolboldstraße 7. Das Haus ist mittlerweile „zu klein und zu kaputt“, wie Wilhelm Hölzle sagt. Vor zwei Jahren kaufte die Gemeinschaft ein Gelände an der Ecke Adelborten-/Alexanderstraße samt Garten. Dort stand vormals ein altes Wohngebäude – und das Domizil der Hahn’schen Gemeinschaft.
Spenden gesucht
Die Tiefgründungen für den Neubau beginnen dieser Tage. Anfang April soll es mit dem Rohbau losgehen. Wegen der Kostensteigerung will man in die Spenden-Akquise gehen. Weitere Infos auf der Homepage auch über das Spendenkonto unter www.sv-sindelfingen.de