Archäologie auf der Schwäbischen Alb Blaustein hebt seinen historischen Schatz

Von  

Ein Steinzeitdorf soll Archäologie-Fans die Frühgeschichte der Schwäbischen Alb näherbringen. Die Gemeinde Blaustein im Alb-Donau-Kreis will dafür in den nächsten Jahren 1,7 Millionen Euro investieren.

Auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1952 sieht man, wie viel  von dem Steinzeitdorf Ehrenstein erhalten ist. Später wurde alles zugeschüttet. Foto: Landesamt für Denkmalpflege
Auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1952 sieht man, wie viel von dem Steinzeitdorf Ehrenstein erhalten ist. Später wurde alles zugeschüttet. Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Blaustein - Gerade ein paar Monate ist es her, dass Blaustein im Alb-Donau-Kreis seine Stadtwerdung gefeiert hat, nun hat der Gemeinderat einen Beschluss gefasst, der zu dieser gewachsenen Bedeutung passt. Das im Ortsteil Ehrenstein ge­legene Steinzeitdorf, seit Juni 2011 zu­sammen mit 110 weiteren frühmenschlichen Fundstellen in Alpenanrainerstaaten Unesco-Weltkulturerbe, soll touristisch nutzbar gemacht werden. Nach dem Beschluss wird an historischer Stelle ein Steinzeitpark gebaut. „Im Moment sieht man das Weltkulturerbe nicht“, sagt der Bürgermeister Thomas Kayser. „Wir wollen dieses Gelände sichtbar und erlebbar machen.“ Die wertvollen Artefakte aus dem frühen vierten Jahrtausend vor Christus liegen etwa einen Meter tief unter der Erdoberfläche im Grundwasser.

Es handelt sich um die Reste von 30 oder 40 Holzhäusern, die meisten davon zweiräumig, im Grundriss fünf mal acht Meter groß, mit Herdstellen und Backöfen. Wohl rund 300 Menschen haben dieses Dorf im Blautal einmal bewohnt. Nach Bränden, stellten Archäologen fest, ist es von seinen Bewohnern wiederholt neu aufgebaut worden. Zwischen den Resten aus Erlenstämmen fanden Forscher die Scherben von Tongefäßen, Werkzeuge aus Tierknochen oder verzierte Steinscheiben aus Kalk. Diese „Kalkscheiben von Ehrenstein“, wie die Funde genannt wurden, sind auch bei Grabungen im Bodenseeraum aufgetaucht; ein Beweis für Handelsbeziehungen schon in der frühen Steinzeit.

Bei zwei amtlichen Grabungen ist das Ehrensteiner Steinzeitdorf entdeckt worden. 1952 startete eine erste Kampagne von  Landesarchäologen. 1960 wurden die Arbeiten in größerem Maßstab erneut aufgenommen. Als den Experten klar war, was hier unter der Erde lag und alle Funde datiert waren, wurde alles wieder zugeschüttet. So sollte vermieden werden, dass Licht und Sauerstoff den historischen Schatz zerfallen lassen.

Das Pfahlbaudorf ist 1960 wieder zugeschüttet worden

So liegt alles bis heute. Nicht einmal viele Blausteiner selbst ahnen, dass sich in ihren Stadtgrenzen das nördlichste bekannte Pfahlbaudorf der Steinzeit befindet. Das soll sich bald ändern. Rund 1,7 Millionen will sich die Stadt in den kommenden fünf Jahren einen Historienpark kosten lassen, in dessen Mittelpunkt der originalgetreue Nachbau eines Steinzeithauses steht. Dazu soll ein Eingangsgebäude mit Ausstellungstraum und WC-Anlage kommen. Für den Bürgermeister Kayser ist das die ideale Ergänzung zu all dem, was sich rund um die Höhlen im nahen Achtal und im Lonetal tut. Im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren oder im Archäopark Niederstotzingen seien die frühesten Kunstwerke der Menschheit zu sehen, sagt Kayser. In Blaustein aber werde künftig über die später einsetzende Besiedlungsgeschichte im Südwesten aufgeklärt.

Busreisende und Tagestouristen, die zu den Höhlen aufbrechen, könnten künftig zu einem Stopp im Blaustein animiert werden. „Durchs Blautal führt auch der Donauradwanderweg“, erinnert der Bürgermeister. Heiner Scheffold, der stellvertretende Landrat des Alb-Donau-Kreises, sprach bereits von einem „touristischen Juwel“, das auch im Tourismusverband Schwäbische Alb beworben werden müsse.

Vorher muss Blaustein allerdings noch ein paar Hausaufgaben erledigen. Lediglich zwei Drittel der geplanten Steinzeitpark-Fläche sind in städtischem Besitz. Der übrige Grund besteht aus privaten Gärten. „Wir sind im Gespräch, ob wir das erwerben können“, sagt der Bürgermeister. Auch die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Ohne Spenden, die ein ehrenamtlicher Förderverein sammeln müsste, werde es nicht gehen, heißt es aus dem Rathaus.

Die Steinzeitfunde sollen touristisch vermarktet werden

Das Steinzeitdorf Ehrenstein gehört zur sogenannten Schussenrieder Kultur, benannt nach einem Fundort im Hochmoor Riedschachen bei Bad Schussenried im Federseegebiet. Nach dieser im Südwesten verbreiteten Wohnkultur handelt es sich um Häuser an See- und Flussufern; die Böden aus Holzbalken mit Lehmstrich, die Außenwände aus Spalthölzern oder Flechtwänden. Die Bewohner lebten von Ackerbau, Viehzucht und Fischfang. Nach dem Willen Baden-Württembergs sollen auch sechs Höhlen der Schwäbischen Alb Unesco-Weltkulturerbe werden; ein Antrag ist, zunächst auf nationaler Ebene, vor Monaten gestellt worden. Um die touristische Vermarktung der bisherigen grandiosen Funde auf der Alb voranzubringen, haben die Landräte des Alb-Donau-Kreises und des Kreises Heidenheim sowie der Ulmer OB die gemeinsame Dachmarke „Weltkultursprung“ ins Leben gerufen. Ein Lenkungskreis beschloss im November, eine Wanderausstellung zum Thema aufzubauen; sie soll dieses Jahr erstmals in der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel vorgestellt werden