Vor einem Jahr hat die Unesco die in Seen und Mooren gut erhaltenen Pfahlbauten aus der Steinzeit geadelt. Das beflügelt nicht nur Touristen, sondern auch Forscher.

Stuttgart - Der Besucherschub ist deutlich: Seit die prähistorischen Siedlungsreste in Seen und Moorgebieten der Alpenregion vor einem Jahr zum Weltkulturerbe erklärt wurden, haben deutlich mehr Menschen das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen am Bodensee besucht. „Vor allem auch international ist das Interesse gewachsen“, berichtet Sabine Schöbel, die stellvertretende Geschäftsführerin des Museums, die sich über extra angereiste Besucher beispielsweise aus Dubai, Brasilien oder Norwegen freut.

Knapp zwei Dutzend auf Pfählen stehende Häuser vermitteln den Besuchern einen guten Eindruck über das raue Leben unserer Vorfahren in der Stein- und Frühzeit. Auch auf dem Freigelände des Federseemuseums in Bad Buchau sind ähnliche Hütten aufgebaut, die allerdings nicht im Wasser, sondern im Moorboden gründen – genau wie die prähistorischen Feuchtbodensiedlungen in dem großen Moorgebiet rund um den See.

Doch die beiden Museen gehören mit ihren nachgebauten Häusern nicht zum Welterbe. Dieser prestigeträchtige Titel ist den 111 Fundstellen vorbehalten, die von den Archäologen als besonders wichtig eingestuft worden sind. Sie stellen nur einen kleinen Teil der rund tausend bekannten Überreste von Seeufer- und Moorsiedlungen in den sechs am Welterbe beteiligten Ländern dar: Deutschland, Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien und Slowenien.

Den Museen kommt eine besondere Aufgabe zu

Kulturhistorisch „erlauben diese Fundstellen eine lebendige Einsicht in die Entstehung und Entwicklung früher Agrargesellschaften um die Alpen“, betont die schweizerische Koordinationsgruppe des Weltkulturerbes „Unesco Palafittes“. Unter der Bezeichnung Palafittes, dem französischen Wort für Pfahlbauten, ist das Projekt international bekannt.

Allerdings erhalten zunächst nur Archäologen diese „lebendige Einsicht“. Sie müssen die Fundorte erschließen, wozu mühevolle Arbeit im Moorboden oder in Tauchausrüstung am Grund von Seen erforderlich ist. Daran schließen sich die noch weit zeitraubenderen Tätigkeiten im Labor an, bei der die Proben gesichtet, gereinigt und aufgearbeitet werden müssen.

Somit kommt den Museen im Land eine wichtige Aufgabe zu bei der anschaulichen Vermittlung des in aller Regel unsichtbaren Weltkulturerbes: Sie ermöglichen Kindern wie Erwachsenen unmittelbare Eindrücke, um den Wert des kulturhistorischen Schatzes zu erahnen. Dieser ist seit Jahrtausenden hervorragend im Boden von Seen und Mooren konserviert: Von der Steinzeit um 5000 vor Christus bis in die Eisenzeit um 500 vor Christus gibt es Pfahlbauten, die jedoch in unterschiedlichen Siedlungsformen errichtet wurden.

Das Weltkulturerbe verpflichtet

Fachlich wacht in Baden-Württemberg traditionsgemäß das inzwischen am Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelte Landesamt für Denkmalpflege über die Siedlungsreste. 15 davon zählen zum Weltkulturerbe: Neun am Bodensee – mit einem Schwerpunkt am westlichen Teil –, fünf in Oberschwaben und hier vor allem im Federseegebiet sowie das Steinzeitdorf Ehrenstein bei Blaustein nordwestlich von Ulm.

Mit der Anerkennung als Weltkulturerbe hat die Unesco Auflagen verknüpft, zu denen der Schutz und die Pflege der Siedlungen gehören. „Wir sind gerade dabei, den im Antrag an die Unesco skizzierten Pfahlbauentwicklungsplan umzusetzen“, sagt Sabine Hagmann, die in der archäologischen Arbeitsstelle des Landesdenkmalamts in Hemmenhofen am Bodensee den baden-württembergischen Teil des Kulturerbes betreut. Zudem erkennen immer mehr der 13 „Pfahlbau-Gemeinden“, dass sich der Titel touristisch gut vermarkten lässt.

Die Aufgaben der Archäologen

In den vergangenen Monaten hat auch die Forschung Auftrieb erhalten. Insbesondere gilt es, neue Fundstellen zu erschließen – und zwar dort, „wo noch „hoffnungsvolle Substanz im Boden ist“, wie es Helmut Schlichtherle formuliert. Der Wissenschaftler, der in Hemmenhofen das Referat Unterwasser- und Feuchtbodenarchäologie des Landesdenkmalamtes leitet, war entscheidend an der Ausarbeitung des Kulturerbe-Antrags an die Unesco beteiligt.

Ziel der Archäologen ist es laut Schlichtherle, solche Fundstellen „möglichst zerstörungsfrei“ zu erforschen. Ein wichtiges Hilfsmittel dabei sind Luftbilder, mit deren Hilfe einzelne Pfähle wie auch gesamte Siedlungen präzise erfasst und kartiert werden können. So sind gezielte, sozusagen minimalinvasive Bohrungen möglich, mit denen bioarchäologisches Material gewonnen werden kann: zum Beispiel für die Datierung wichtige Holzproben oder Tierknochen oder pflanzliche Pollen.

Das Moor am Federsee wird wieder bewässert

Nach wie vor gehört es leider auch zu den Aufgaben der Archäologen, gefährdete Fundstellen zu sichern. Derzeit untersuchen die Forscher ein umfangreiches Feld mit prähistorischen Pfählen im Ausflussbereich des Untersees. Viele dieser Relikte dort sind durch Erosion akut bedroht – also „abgängig“, wie es Schlichtherle formuliert. Und weil die Fundstelle auf deutschem und schweizerischem Staatsgebiet liegt, arbeiten die Archäologen grenzüberschreitend zusammen – was schon beim Unesco-Antrag gut funktioniert hat.

Um solche Bedrohungen zu reduzieren, suchen die Archäologen seit einigen Jahren verstärkt nach Wegen, die Fundstellen wirkungsvoller zu schützen. So wurden beispielsweise die wertvollen Siedlungsreste im Flachwasser vor dem Bodenseeort Sipplingen mit Matten, sogenannten Geotextilien, bedeckt, und auf diese dann eine schützende Schicht aus Kies aufgebracht. Und im nördlichen Federseegebiet laufen jetzt Maßnahmen an, damit das durch frühere Entwässerung abgetrocknete Moor wieder nasser wird. Diese sogenannte Wiedervernässung stärkt nicht nur das Ökosystem, sondern dient auch dazu, die im Boden enthaltenen Fundstellen besser zu konservieren. Denn nur weil über Jahrtausende kein Sauerstoff an die uralten Holzpfähle und andere, von Menschen geschaffene Artefakte kam, konnten sich diese Feuchtbodensiedlungen so gut erhalten.

Informationsquellen über Pfahlbauten

Weltkulturerbe:
Am 27. Juni 2011 hat die Unesco 111 Fundstellen mit Überresten prähistorischer Pfahlbausiedlungen zum Weltkulturerbe erklärt. 15 liegen in Baden-Württemberg.

Siedlungen:
Einen Eindruck vom Leben unserer Vorfahren vermitteln die nachgebauten Hütten im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen sowie im Federseemuseum in Bad Buchau.

Internet:
Das Landesdenkmalamt hat ein Portal eingerichtet: www.unesco-weltkulturerbe-pfahlbauten.de. Empfehlenswert ist zudem die Internetseite, die von der schweizerischen Koordinierungsstelle anlässlich des Projektantrags erstellt wurde: www.palafittes.org.

App:
Der Reiseführer zu 75 Pfahlbaufundorten kann kostenlos via App Store oder Android Market bezogen werden.