Relikte vergangener Epochen sind in der Erde verborgen. Bei Bauprojekten kommen manche ans Licht. Was dann mit ihnen geschieht, wurde beim Tag der Restaurierung geklärt.
Der Dornröschenschlaf ist irgendwann vorbei. Uralt-Relikte werden dann unsanft aus ihrer oft Jahrtausende dauernden Ruhe aufgeschreckt - durch Baggerstöße, durch Schaufelhiebe oder durch suchende Archäologenhände. Bei Bau- oder anderen Projekten werden Objekte aus dunklen Vorzeiten ans Licht gebracht. Wie ihre Zukunft aussieht, entscheiden auch Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege in der Berliner Straße in Esslingen. Sie stellten sich und ihre Forschungsmethoden am Sonntag beim Tag der Restaurierung der Öffentlichkeit vor.
Gemobbt wird keiner. Jedenfalls nicht am Anfang. Jedes Relikt, versichert Diplom-Restauratorin Nicole Ebinger, bekommt zunächst eine Erste-Hilfe-Wellness-Kur verpasst: „Meistens sind es Funde aus Siedlungen und aus Bestattungsplätzen, mit denen wir es zu tun haben“. Keramiken belegen bei den Materialien Platz eins der Häufigkeitsskala, direkt gefolgt von Eisen, Kupferlegierungen und Sondermaterialien wie Glas oder Bernstein.
Mammutelfenbein ist ein besonderes Material
Mammutelfenbein kommt hinzu. Die Dickhäuter stampften bis zum Ende der letzten Eiszeit vor 11 500 bis 10 000 Jahren über unsere Gefilde, so Ebinger: „Das Material konnte durch die eiszeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen durch die Jagd der Mammute oder das Einsammeln gewonnen werden. Hauptsächlich werden kunstvolle Objekte aus Mammutelfenbein entdeckt wie Schmuck oder Schnitzereien“.
Jahrhunderte im Boden schaden. Die ältesten zu bearbeitenden Funde sind laut Nicole Ebinger an die 40 000 Jahre alt. Etwa der Löwenmensch aus einer Höhle im Lonetal auf der Schwäbischen Alb. „Die jüngsten Funde stammen aus dem Zweiten Weltkrieg. Geborgen aus dem Kriegsschutt oder aus Konzentrations- und Zwangslagern“. Entsprechend ihrem Material werden die Objekte laut Ebinger in spezial klimatisierten Räumen entweder kühl, eingefroren, trocken oder feucht kontrolliert aufbewahrt und durch Verpackungssysteme geschützt. Wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, wird entschieden, welches Objekt restauriert wird.
Nicht jedes Fundstück kann restauriert werden
Die Auserwählten zeichnen sich auch durch eine hohe Qualität, besondere Fundstelle, Einzigartigkeit oder ihre Verbindungen zu Forschungsschwerpunkten und Publikationen aus: „Restauriert wird auch sehr filigranes und stark abgebautes Fundmaterial, das sofort konserviert werden muss, um es zu erhalten.“ Prioritäten müssen gesetzt werden. Alles kann nicht restauriert werden. Denn das Fundaufkommen ist sehr hoch: „Ausgelöst durch den hohen Flächenverbrauch durch Baumaßnahmen wie beispielsweise ICE-Trassenbau, Industrie- und Wohngebiete oder auch SEL-Gasleitungen“.
Computer nehmen vieles ab. Doch manches muss von Menschenhand erledigt werden. Scherben von Keramiken etwa müssen einzeln zusammengesetzt werden: „Hier sind Geduld und handwerkliches Geschick gefragt.“ Moderne Technik hilft aber auch. Durch zweidimensionales Röntgen, nennt Ebinger ein Beispiel, werden besonders Funde aus Metall durchleuchtet. Sie sind oft stark verrostet. Durch das Röntgen können Objektform, Herstellungstechnik oder Verzierungen ohne eine Bearbeitung vorab erkannt werden. Manchmal werden auch mehrere Funde mit umliegendem Erdmaterial in einem Stück geborgen. Diese „Blockbergungen“ werden mittels dreidimensionaler Röntgen-Computertomografie aufgedröselt. Ohne die Blöcke zu öffnen, können so die Einzelteile sichtbar gemacht werden: „Zu sehen sind alle Funde auch aus organischem Material wie Leder oder Textilien.“
Manchmal geht es schnell. Manchmal eben nicht. Eine Münze kann in zwei, drei Stunden freigelegt werden, sagt Nicole Ebinger. Für eine Keramik würden in der Regel ein oder zwei Tage benötigt. Nichts für Ungeduldige und Hektiker sind dagegen andere Fundstücke: „Zum Teil mehrere Jahre kann es auch dauern – etwa bei der Konservierung und Restaurierung einer gesamten Grabkammer aus Eichenholz.“ Bei Eisenobjekten kann sich die Bearbeitung gut drei bis vier Monate in die Länge ziehen: „Alles ist jedoch immer abhängig von der Erhaltung des Fundmaterials und dessen Größe“.
Sie sind wieder fast wie neu. Doch wo kommen sie dann hin, die aufpeppten Fundstücke aus dem Boden? Einmal wandern sie laut Nicole Ebinger in unterschiedliche Museen des Landes Baden-Württemberg. Etwa in das Archäologische Landesmuseum in Konstanz oder in das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart. „Oder sie kommen in das Zentrale Fundarchiv in Rastatt, wo sie jederzeit für Ausstellungen deutschlandweit oder in anderen Ländern zur Verfügung stehen“, sagt Nicole Ebinger. Teilweise würden die Objekte aber auch für wissenschaftliche Bearbeitungen oder für Qualifikationsarbeiten gebraucht.
Manches Fundstück bleibt auch im Boden zurück
Manches Gefundene bleibt aber auch einfach dort, wo es bisher gewesen ist – im Boden. Schade drum? „Die Fundstücke haben Jahrhunderte und Jahrtausende im Boden überdauert“, sagt Nicole Ebinger. Sie seien dort auch künftig sicher aufgehoben. Äußere Eingriffe könnten ihnen nichts anhaben: „Sie bleiben somit für die Nachwelt erhalten.“ Für eine Nachwelt, die vielleicht noch ausgefeiltere Methoden der Bearbeitung und Untersuchung von Fundstücken entwickeln wird. Durch diesen Fortschritt könnten in späteren Zeiten noch wichtigere Erkenntnisse zu den Objekten gewonnen werden, ergänzt Nicole Ebinger. Denn sie sind wichtige Zeugnisse der Vergangenheit.