Archäologie Sensationswerkzeug aus der Albhöhle
Tübinger Archäologen bergen aus der Höhle Hohle Fels einen 39 000 Jahre alten Elfenbeinmeißel. Der Fund ist ein weiterer Beleg für das Können früher Menschen.
Tübinger Archäologen bergen aus der Höhle Hohle Fels einen 39 000 Jahre alten Elfenbeinmeißel. Der Fund ist ein weiterer Beleg für das Können früher Menschen.
Die Forschenden der Universität Tübingen hatten eine Weile gebraucht, bis ihnen klar wurde, was das war, was eine irische Jungwissenschaftlerin im Juli vergangenen Jahres aus tiefen Erdschichten der Höhle Hohle Fels bei Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) freigelegt hatte. Die Elfenbeinspezialistin Sibylle Wolf vom Tübinger Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (SHEP) wurde zugezogen. Sie fand heraus: Es handelt sich um einen 39 000 Jahre alten, knapp 25 Zentimeter langen Elfenbeinmeißel, ähnlich Artefakten, wie sie schon 2019 im Hohle Fels gefunden wurden. „Aber das ist das größte Stück, das ich kenne“, so Wolf am Donnerstag bei einer Präsentation im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren. „So was ist für uns Archäologen sensationell“.
Der Meißel dürfte benutzt worden sein, um gezielt Späne aus Mammutstoßzähnen zu extrahieren und sie zu Waffen, Schmuck oder Instrumenten weiterzuverarbeiten. „Elfenbein ist am besten, um Elfenbein zu spalten“, weiß die Wissenschaftlerin aus modernen Experimenten. Wegen seiner Elastizität könne damit genauer gearbeitet werden als mit Steinsplittern oder ähnlichem.
Unter dem Mikroskop sichtbare verformte Knochenfasern am Meißelende belegten starke Schläge, die auf das Werkzeug ausgeübt wurden. Den Künstlern und Handwerkern, heißt es, dürfte die Kurzlebigkeit solcher Werkzeuge bekannt gewesen. Auch dieser Riesenmeißel sei durch Gebrauch stark beschädigt und wohl deswegen in der Höhle weggeworfen worden.
Was die Tübinger Spezialisten zur Frage führt, weshalb dieses Werkzeug, das einst sauber geglättete Oberflächen besaß, mühsam für einen so kurzlebigen Zweck hergestellt wurde. „Das Stück könnte vorher auch ein Lanzenkopf gewesen sein“, mutmaßt Wolf. Das sei aber Spekulation. Das Recycling von Handwerksstücken sei aber schon vor 40 000 Jahren üblich gewesen, wie man von vielen anderen Funden wisse. In Russland seien ganze Lanzen aus Mammutstoßzähnen gefunden worden, über lange Zeit gerade gebogen mithilfe eines Wässerungsprozesses und dem Einsatz hölzerner Vorläufer heutiger Schraubzwingen. Im Frost der damaligen Außentemperaturen hätten sich die Verformungen lange gehalten.
Für den langjährigen Tübinger Ausgrabungsleiter Nicholas Conard ist der Meißel ein erneuter Beweis für das Können, die Kreativität und den hohen Intellekt früher Menschen am oberen Donaulauf. „Ich bin überzeugt, dass diese Menschen überlebt haben, dass sie nicht einfach ausgestorben sind“, sagte er am Donnerstag. Er hoffe, eines Tages noch einen DNA-Beweis, etwa einen menschlichen Knochen aus dem Aurignacien, zu entdecken. Wo und wie die Menschen vor 40 000 Jahren ihre Toten bestatteten, ist immer noch unbekannt – in ihren Wohn- und Jagdhöhlen offenbar nicht. Das neueste Elfenbeinwerkzeug wird nun bis Ende des Jahres im Museum Blaubeuren zu sehen sein.