Archäologie Stadtspaziergang auf den Spuren der Jungsteinzeit

Von Götz Schultheiss 

Archäologen bieten bei einem Spaziergang im Baugebiet Schelmenäcker in Leinfelden Einblicke ins Leben vor rund 7000 Jahren.

So hat ein jungsteinzeitliches Langhaus ausgesehen. Rechts ist im Innern ein Zwischenboden zum Lagern des Getreides zu sehen. Foto: Götz Schultheiss
So hat ein jungsteinzeitliches Langhaus ausgesehen. Rechts ist im Innern ein Zwischenboden zum Lagern des Getreides zu sehen. Foto: Götz Schultheiss

Leinfelden - Die etwa 600 Menschen, die ins Neubaugebiet Schelmenäcker an der Max-Lang-Straße einziehen werden, sind nicht die ersten, die das Areal für attraktiv halten. Vor rund 7000 Jahren, in der Jungsteinzeit, zogen die fruchtbaren Böden Bauern und Viehzüchter an. Deshalb haben auf dem Areal jetzt die Archäologen das Sagen. Dass man dort Funde bergen würde, war sehr wahrscheinlich, weil man beim S-Bahn-Bau 1991 in der Nähe auf Relikte der Jungsteinzeit stieß. Seither waren die Schelmenäcker archäologisches Verdachtsgelände. Das heißt; Bevor gebaut wird, sondieren Archäologen das Terrain, kartieren alles und archivieren die Funde. Rettungsgrabung nennt sich das. Sie solle Ende März 2021 abgeschlossen sein. Gefunden wurden Reste einer Siedlung der Bandkeramiker und an anderer Stelle Spuren des Mittelalters. Bei einem Stadtspaziergang überzeugten sich am Montag rund 25 Bürger und die Erste Bürgermeisterin Eva Noller vom Stand der Dinge.

Älteste Siedlung von Ackerbauern und Viehzüchtern

„Das ist mit die älteste Siedlung von Ackerbauern und Viehzüchtern, auf die wir im Land gestoßen sind“, sagt Christian Hoyer vom Archaeo BW. Der archäologische Dienstleister birgt im Auftrag des Landesamts für Denkmalschutz die spärlichen Reste der Siedlung, meist Tonscherben und Werkzeuge aus Feuerstein, die man auf dem Areal findet. Anhand der Verfärbung des Bodens sind für geübte Archäologenaugen auch Spuren der Häuser zu sehen.

„Die Menschen haben damals einfaches Getreide, Emmer und Einkorn, angebaut und anfangs Vieh und Schafe gehalten, später kam dann das Rind dazu“, sagte Christian Hoyer. Das Siedlungsgebiet sei attraktiv gewesen: „Der fruchtbare Lössboden der Filder war einfach zu bearbeiten. Das Getreide, Emmer und Einkorn, war den Urformen der Gräser noch sehr nahe. Die Häuser waren ausschließlich aus dem Holz der waldreichen Gegend gefertigt, die Wände bestanden aus Geflecht, das mit Lehn beworfen wurde. 20 bis 40 Meter, im Extremfall sogar 50 Meter waren die Langhäuser, die ganze Familienverbände beherbergten, lang. „Vermutlich lebte auch das Vieh im Haus, denn Tiere sind eine Gratisheizung“, sagt der Archäologe. Wie viele Generationen in seinem solchen Haus lebten, sei unklar: „Sie wurden ja nicht älter als 40 Jahre.“

Häuser waren aus Holz, die Siedlung hatte kein Zentrum

Die Siedlung hatten kein Dorfzentrum. Einen Friedhof außerhalb der Siedlungen gab es aber schon. „Knochen haben wir noch keine gefunden, der Boden hier ist zu aggressiv. Das kann aber 50 Meter weiter weg schon anders sein“, sagt Przemyslaw Sikora, der Geschäftsleiter von Archaeo BW. Die Menschen, die sich vor den jungsteinzeitlichen Siedlern auf den Fildern herumtrieben, waren Jagdbeuter. Den Ursprung des großen Umbruchs zur Ackerbaugesellschaft erklärt der Landeskonservator Jörg Bofinger, Leiter des Referats Archäologische Denkmalpflege und operative Archäologie im Landesdenkmalamt: „Die gesamte neue Wirtschaftsweise ist vor rund 10 000 Jahren in der Region des Nahen Ostens, die man als Fruchtbaren Halbmond bezeichnet, entstanden. Dort wurden Schafe und Ziegen zu Haustieren, dort züchtete man aus Gräsern Getreide.“ Genanalysen hätten gezeigt, dass die Menschen gewandert seien. Auch die Siedler in den Schelmenäckern seien eingewandert. Der Form der Verzierungen ihrer Tongefäße wegen, bezeichne man sie als Bandkeramiker. Die Bandkeramik habe sich vom Balkan über die Ungarische Tiefebene bis ins Pariser Becken ausgebreitet. „Ich habe in ungarischen Museen Scherben gesehen. Wenn ich einen davon in unsere Ausgrabungsstätte legen würde, könnte ich ihn von unseren Funden nicht unterscheiden.“

Drohnenkamera liefert wertvolle Daten der Fundstellen

Die Bagger der Archäologen ziehen behutsam Bodenschicht um Bodenschicht ab. Sorge, dass das Verfahren zu grob ist, hat Hoyer nicht: „Man wird kein großes Gefäß, keinen großen Scherben und kein wichtiges Werkzeug übersehen.“ Die Kontaktfläche der Erde zur Scherbe oder zum Knochen sei eine Sollbruchstelle: „Die Funde platzen beim Abziehen quasi aus dem Boden heraus.“ Am Rand einer Grube färbt sich der Lössboden dunkel, darunter wird er wieder hell. „Hier haben die Siedler wahrscheinlich Abfall weggeworfen. Wir graben nicht tiefer als eine Handbreit unter den Befund“, sagt Hoyer.

Um die Strukturen des Geländes besser zu erkennen, und um Drei-D-Modelle zu fertigen, setzen die Archäologen Drohnen mit hochauflösender Kamera ein. „Die Flughöhe ist zehn bis 15 Meter. Höher als 40 Meter dürfen wir wegen des Flughafens nicht fliegen, ansonsten könnten wir auf 150 Meter gehen“, sagt Jörg Bofinger.

Rund 400 000 Euro werden die Ausgrabungen und die Dokumentation kosten. „Das zahlt die Stadt, weil wir es sind, welche die Spuren unter der Erde zerstören“, sagt Eva Noller.




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