Baden-Württemberg – archäologischer „Fund des Jahres“ So malten die Steinzeit-Künstler

So funktioniert die steinzeitliche Malkunst: Die Pigmentfarbe Rötel wird mit dem Finger aufgetragen. So wird aus einem einfachen Stein ein Kunstwerk. Foto: Urgeschichtliches Museum Blaubeuren (Urmu)/Universität Tübingen

Ein kleiner unscheinbarer Stein aus der Höhle Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb beschäftigt die Forscher. Was verrät er über unsere Urahnen?

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Blaubeuren/Schelklingen - Der faustgroße Stein, der auf dem Tisch im ersten Stock des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren liegt, ist auf den ersten Blick völlig unscheinbar. Ein oolithischer Dolomit – also ein mineralisches, kalkhaltiges Sedimentgestein.

 

Und doch gibt dieser gräuliche Brocken mit den eingesprengselten Gelb- und Rottönen, der im Hohle Fels, der weltberühmten Karsthöhle bei Schelklingen im Alb-Donau-Kreis ausgegraben wurde, faszinierende Einblicke in die Werkstatt steinzeitlicher Künstler.

„Fund des Jahres“ 2018

Bei diesem Reibe- und Schlagstein aus dem Graviettien handelt es sich um den archäologischen „Fund des Jahres“ 2018. Das Graviettien ist die wichtigste archäologischen Kultur des mittleren Jungpaläolithikums und umfasst den jüngeren Abschnitt der Altsteinzeit in Europa von 33 000 bis 25 000 v. Chr..

„Der Stein aus dem Hohle Fels zählt zu den wenigen Artefakten, die uns über die Bearbeitung und Herstellung von Ockerpulver vor rund 40 000 Jahren Auskunft geben“, erklärt Nicholas Conard. Der 58-Jährige ist prähistorischer Archäologie und Direktor der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen.

Das Fundstück, das Conard und die Tübinger Archäotechnikerin Maria Malina als „Fund des Jahres“ im Blaubeurener Museum präsentieren, ermöglicht den beiden Forschern zufolge neue Erkenntnisse bei der Erforschung der Welterbe-Höhlen auf der Schwäbischen Alb. Der Stein kann Aufschluss darüber geben, welche Werkzeuge und Methoden die steinzeitlichen Künstler anwandten.

Lesen Sie hier: Zu Gast im Weltkulturerbe – Sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb

Farben sind nach Jahrtausenden noch fest und haltbar

Die Jäger und Sammler des Jungpaläolithikums bemalten ihre Körper und Gegenstände gerne mit kräftigen gelben Ocker- und dunkelroten Röteltönen. Schon vor mehr als 30 000 Jahren verstanden es die Bewohner der Alb-Region, geeignete Gesteinsbrocken zu Pulver zu verreiben und daraus mit Wasser Farbpaste herzustellen. „Die Farben sind auch nach vielen Jahrtausenden erstaunlich fest und haltbar“, betont Conard.

Er vermutet, dass solche Farbpasten auch zum Gerben von Leder und als Schutz vor Insekten verwendet wurden. Im Hohle Fels sind zwar im Laufe der Jahre mehr als 850 Ockerfarb-Artefakte gefunden worden. Dennoch sind vergleichbare Stücke wie dieser Reibestein, die Erkenntnisse etwa über die Aufbereitung von mineralischen Farbbrocken liefern, auf der Schwäbischen Alb und in ganz Deutschland eher selten.

Seit 2017 gehört die Karsthöhle Hohle Fels zusammen mit fünf anderen Höhlen im Achtal (Sirgensteinhöhle, Geißenklösterle, Bocksteinhöhle, Hohlenstein-Stadel und Vogelherdhöhle) zu den Weltkulturerbestätten der Unesco.

Lesen Sie hier: Der moderne Mensch verließ Afrika viel früher als gedacht

Steinzeitliche Farbkünstler auf der Schwäbischen Alb

Der Stein ist gerade mal 7,8 Zentimeter lang, 7,1 Zentimeter breit, 4,1 Zentimeter dick und wiegt gut 300 Gramm. Die Farb- und Abriebspuren sowie Schlagnarben deuten darauf hin, dass er als Schlagstein für die Werkzeugherstellung und als Reibstein zur Farbaufbereitung diente.

Offenbar rieben die frühen Menschen Gesteinsbrocken damit zu feinem Pulver. Anschließend wurde dieses mit Wasser zu einer Paste gebunden und aufgetragen. Darauf weisen Steinfunde aus Höhlen von der Schwäbischen Alb hin, auf die vermutlich mit kleinen Stöcken Punktreihen getupft wurden.

Die mineralischen Erdfarben – gelber Ocker und Rötel, auch roter Ocker genannt – gewannen die Eiszeit-Künstler aus weichen Tonsteinen und Eisenoxidmineral, die sie rund um ihre steinernen Behausungen im Achtal fanden.

Chauvet, Altamira, Lascaux – Wunderwerke der Höhlenmalerei

Die Höhlenkunst ist das älteste Zeugnis für die Verwendung von Pigmenten und Bindemitteln durch den Homo sapiens. Die weltberühmten Wandmalereien in der Chauvet-Höhle im französischen Département Ardèche, in der Höhle von Lascaux im französischen Département Dordogne sowie in der Höhle von Altamira in der nordspanischen Region Kantabrien entstanden mit dem Ausgang der Eiszeit vor mehr als 30 000 Jahren. Damals waren weite Teile Europas mit Gletschern überzogen.

Lesen Sie hier: Zeitleiste – Steinzeit auf der Schwäbischen Alb

Syrischer Doktorand entdeckt „Fund des Jahres“

Nach Aussage Conards entsteht derzeit anhand der Funde aus dem Hohle Fels die erste tiefergehende Studie zur Ockernutzung über das gesamte Jungpaläolithikum hinweg, von einer Zeitspanne von 44 000 bis 14 500 Jahren.

Interessante Überlegungen ermöglicht auch der Vergleich mit jüngeren Steinfunden aus dem Hohle Fels. Vor 40 000 Jahren seien anscheinend hellere Ockertöne bevorzugt worden, eine paar Tausend Jahre später dann aber dunkelrote, berichtet der Archäologe. „Ob dies mit der Nutzung neuer Ockerquellen oder mit einer Art neuen Zeitgeschmacks zu tun hat, wissen wir nicht mit Sicherheit.“

Gefunden wurde der Reibestein übrigens kurz nach Beginn der letzten sechswöchigen Grabungssaison am 28. Juni 2018 von dem syrischen Archäologen und Doktoranden Firas Jabbour. An den Grabungen beteiligt war ein Team von 17 Studierenden aus Deutschland, Großbritannien, Indien, dem Iran, Italien, den Niederlanden, Pakistan, Spanien, Syrien und den USA.

Filigrane Darstellungen von Menschen und Tieren

Die Fundstätte im Achtal ist so reich an steinzeitlichen Artefakten wie nur wenige archäologische Orte auf der Welt. Mit 500 Quadratmetern Grundfläche ist der Hohle Fels eine der größten natürlichen Kathedralen Süddeutschlands. Vor dem Eingang zur Halle befindet sich ein rund 30 Quadratmeter großer Korridor – der eigentliche Ausgrabungsbereich.

Was die Archäologen hier aus der Erde geborgen haben, sprengt jede Vorstellungskraft. Die filigranen Darstellungen von Menschen und Tieren aus Elfenbein, nur wenige Zentimeter groß und doch ungeheuer ausdrucksstark und detailgetreu, zählen zu den ältesten figürlichen Kunstwerken der Menschheit: ein Pferdekopf, ein Wasservogel, eine menschliche Gestalt mit Löwenhaupt sowie das berühmteste Artefakt – Bruchstücke einer Frauenfigur die berühmte sechs Zentimeter große Venus vom Hohle Fels.

Lesen Sie hier: Die schönsten Höhlen Baden-Württembergs – In der Unterwelt der Schwäbischen Alb

Info: Schwäbische Alb und Steinzeit-Kunst

Klicken Sie in die interaktive Karte, um mehr über die Steinzeit auf der Alb zu erfahren.

Vor rund 40 000 Jahren betrat der moderne Mensch, der Homo sapiens, erstmals die Schwäbische Alb. Die Clans der steinzeitlichen Jäger und Sammler suchten Zuflucht im Hohle Fels und anderen Höhlen, saßen sie um eine Feuerstelle und wärmten sich an glimmenden Tierknochen, da Holz in der Tundra knapp war. Die Clans dürften kaum größer als 20, 25 Personen gewesen sein. Als Nomaden zogen sie von Tal zu Tal, von Höhle zu Höhle stellten Mammuts, Rentieren, Hirschen, Wisenten und kleinerem Wild nach.

Es ist eine der spannendsten und faszinierendsten Fragen der Archäologie: Warum wurde der moderne Mensch vor über 40 000 Jahren zum Künstler? Warum entwickelte er gerade in den kargen Tälern und an schroffen Hängen der Schwäbischen Alb Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihn zum kreativen, geistig schaffenden Wesen machten? Warum geschah dieser kulturelle Aufbruch – in evolutionsgeschichtlichen Dimensionen gemessen – quasi über Nacht? Die Funde im Hohle Fels geben Zeugnis davon.

Im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren werden einige der bedeutendsten Fundstücke aus der Region rund um den Hohle Fels gezeigt: Darstellungen von Menschen und Tieren aus Elfenbein, Knochenflöten, mit doppelreihigen Punktmustern bemalte Kiesel und filigrane Schmuckperlen. Sie stammen aus der Hand begabter Handwerker, die Werkzeuge herstellten und zu Schöpfern von bis dahin unbekannten, grazilen Dingen wurden. Einzigartige Zeugnisse des Homo sapiens – des wissenden Menschen.

Bis Anfang 2020 ist der „Fund des Jahres“ noch im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren neben anderen berühmten eiszeitlichen Artefakten zu sehen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Archäologie Steinzeit