Archäologie Wie die Osterinsel ihren Palmenwald verlor

Von Roland Knauer 

Die Osterinsel im Pazifik war einst dicht bewaldet. Doch als 1772 die ersten Europäer ankamen, war das abgelegene Eiland schon ziemlich kahl. Archäologen untersuchen, was zu diesem Kollaps der Umwelt geführt hat.

Bis zu zehn Meter groß sind die Steinfiguren, für die die Osterinsel bekannt ist. Foto:  
Bis zu zehn Meter groß sind die Steinfiguren, für die die Osterinsel bekannt ist. Foto:  

Stuttgart - Mit dieser Insel konnte etwas nicht stimmen, wunderte sich bereits Jakob Roggeveen. Der Niederländer landete an Ostern 1722 als erster Europäer auf dem abgeschiedenen Eiland im Südpazifik, das er auch gleich nach diesem Fest benannte. Ein halbes Jahrhundert später notierte der britische Entdecker James Cook in sein Logbuch, dass kaum eine Insel weniger Erfrischungen als die Osterinsel biete: Statt dichter, subtropischer Wälder betraten die Europäer eine karge Steppenlandschaft, in der kaum Bäume wuchsen und kein Bach plätscherte. Dabei regnet es dort reichlich, und im warmen Klima der Subtropen müssten dichte Wälder wachsen. Weshalb diese Bäume lange vor der Ankunft der Europäer verschwanden und wie die auf der Osterinsel lebenden Polynesier diesen Verlust verkrafteten, darüber schossen in den vergangenen Jahren die Spekulationen heftig ins Kraut.

Ein wenig Licht in das Gestrüpp solcher Theorien bringen Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth von der Universität in Kiel, die mit ihren Ausgrabungen auf dem Eiland die Landwirtschaft der Polynesier rekonstruieren. Die Kieler arbeiten dabei mit Chris Stevenson von der Virginia Commonwealth University und dessen Kollegen in den USA und auf der Osterinsel sowie mit Thegn Ladefoged von der University of Auckland in Neuseeland zusammen, die gerade in der Fachzeitschrift „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften über die Geschichte dieses Feldbaus berichten.

„Lange vor Ankunft der Europäer veränderte sich die Umwelt der Osterinsel bereits dramatisch“, fasst Hans-Rudolf Bork die Ergebnisse dieser Forschung zusammen. Die Entdecker aus Europa hatten also richtig beobachtet: Das Eiland war nicht immer so karg wie im 18. Jahrhundert. Was war auf der Insel geschehen?

Jared Diamond hat die These vom Kollaps formuliert

Als die Polynesier mit ihren riesigen Kanus von anderen Inseln der Südsee aus auf die mehr als 2000 Kilometer entfernte Osterinsel kamen, fanden sie dort tatsächlich einen dichten Wald. Neben einer Reihe weiterer Arten wuchs dort vor allem eine Palme, die verblüffend der Honigpalme Jubaea chilensis ähnelt, die von Natur aus in Chile wächst. „Die Strömungen des Pazifiks können die drei bis vier Zentimeter großen Nüsse dieser Pflanze auf die Osterinsel geschwemmt haben“, vermutet Hans-Rudolf Bork. Dort wuchsen die Palmen mit anderen Pflanzen zu dichten Urwäldern.

Jared Diamond von der University of California in Los Angeles spekulierte 2005 in einem Buch, die Polynesier hätten diesen Wald vernichtet, als ihre stark wachsende Bevölkerung immer mehr Ackerland brauchte. Daraufhin hätten die starken Regenfälle der Subtropen mit dem ungeschützten Boden auch die Nahrungsgrundlage der Menschen weggeschwemmt. Die Menschen hätten sich so ihrer eigenen Lebensgrundlage beraubt, die Bevölkerung kollabierte. In ähnlicher Weise hätten sich auch die Maya in Zentralamerika oder die Wikinger auf Grönland selbst ausgelöscht.

Terry Hunt von der Universität von Hawaii vermutet eine ganz andere Ursache für die Entwaldung der Osterinsel. Neben einigen Nutzpflanzen hätten die Polynesier auch Hühner und die Pazifische Ratte als Nutztiere mitgebracht, um deren Fleisch zu verspeisen. Die Nagetiere hätten sich explosionsartig vermehrt und die Nüsse der Palmen gefressen. Vögel und andere Tiere der Insel hätten deren Schale nicht knacken können. Erst die eingeschleppte Ratte hätte also den Nachwuchs der Palmen und damit die Wälder vernichtet.

Die Ratten können es nicht gewesen sein

Die Kieler Forscher Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth haben aber an dieser Theorie ihre Zweifel. „In Chile vernichten die dort zahlreichen Nagetiere den Nachwuchs der sehr ähnlichen jungen Honigpalmen ja auch nicht“, erklärt Bork. Außerdem haben die Forscher bei ihren Ausgrabungen nur bei zehn Prozent aller gefundenen Palmnüsse Nagespuren der Polynesischen Ratte gefunden. Damit können die Tiere kaum die Hauptschuld am Verschwinden der Wälder haben.

„Das haben die Menschen schon selbst besorgt“, ist sich Bork sicher. Die Kieler Forscher haben die Reste der einstigen Wälder auf der Osterinsel ausgegraben. Immer wieder finden sie im Untergrund Röhren, in denen einst die Wurzeln der Palmen wuchsen. Von den Stämmen entdeckten sie dagegen praktisch keine Reste. Ein Blick auf die Kochgewohnheiten der Polynesier und auf die chilenische Honigpalme erklärt diesen Sachverhalt. In Chile werden von den geschlagenen Palmstämmen Scheiben abgeschnitten, aus denen dann ein süßer, schmackhafter Saft fließt. Die Baumscheiben sind schon nach wenigen Jahren verrottet. Kein Wunder, wenn die Forscher von den Palmstämmen nichts mehr finden.

Neben den Stümpfen der Palmen gruben die Polynesier Erdlöcher, in die sie Ratten und Hühner, Gemüse und andere Nahrungsmittel steckten. Danach brannten sie den Palmstumpf ab. Die Hitze des Feuers garte die Lebensmittel im Erdofen und brannte wenige Zentimeter Erdreich um die Palmwurzeln herum zu einem festen Material, das die Zeit überdauerte, bis Bork und Mieth die Wurzelröhren ausgruben. Zwischen 1200 und 1600 hatten die Menschen so nach und nach alle 16 Millionen Palmen der Osterinsel gefällt, ihren Saft getrunken und ihre Stümpfe verbrannt.

Zunächst konnten die Bewohner mit der Krise umgehen

Anschließend schwemmte die Erosion den fruchtbaren Boden ins Meer. Die Menschen aber meisterten diese Gefahr: „Sie legten einfach 1,1 Milliarden faustgroße Lavasteine auf ihre Felder“, erklärt Bork. Jetzt prasselte der Regen nicht mehr auf die nackte Erde, sondern meist auf die Steine, und die Erosion hörte auf. Gleichzeitig verringerten die Steine Temperaturschwankungen und speicherten in ihren Poren Wasser, das sonst abfließen würde. Zwischen den Steinen konnten die Nutzpflanzen weiter wachsen und dieses Wasser auch in Trockenzeiten nutzen. Der große Kollaps blieb anscheinend aus.

Zu einem ähnlichen Schluss kommen jetzt auch Chris Stevenson und seine Kollegen. Sie haben das Alter der einfachen Werkzeuge bestimmt, die damals aus dem Vulkanglas Obsidian hergestellt wurden. Dabei finden sie Hinweise, dass diese Landwirtschaft zwar an ihre Grenzen stieß, aber in verschiedenen Teilen der Insel zu unterschiedlichen Zeiten: Im Regenschatten westlich des mit 507 Metern höchsten Berges der Osterinsel finden die Forscher etwa ab 1660 erheblich weniger Werkzeuge – danach wurde dort vermutlich viel weniger angebaut. Auf der östlichen Seite des Berges fällt mit etwa 1700 Litern auf jedem Quadratmeter jährlich etwa doppelt so viel Niederschlag, trotzdem gehen auch dort Obsidian-Werkzeuge und Landwirtschaft zurück. Allerdings erst ein halbes Jahrhundert später und damit kurz bevor die ersten Europäer die Insel betraten. An der Küste wiederum finden die Forscher erst um das Jahr 1850 einen Rückgang der Landwirtschaft. „Mit ‚Kollaps‘ lassen sich diese über zwei Jahrhundert dauernden Veränderungen in verschiedenen Regionen also kaum beschreiben“, meint Thegn Ladefoged von der University of Auckland.

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