Architekt Architekt im Wirtschaftswunderland

Von  

Paul Stohrer ist vielen Stuttgartern kein Begriff. Dabei hat man ein Hauptwerk des Architekten, das Rathaus, bei jedem Gang durch die City vor Augen.

Stohrer im Jahr 1958 Foto: aus dem besprochenen Band
Stohrer im Jahr 1958 Foto: aus dem besprochenen Band

Stuttgart - Paul Stohrer ist in Stuttgart vielen Leuten kein Begriff mehr. Dabei hat man ein Hauptwerk des Architekten, das Stuttgarter Rathaus, bei jedem Gang durch die City vor Augen. Zusammen mit den Türmen der Stiftskirche gehört der eckige Rathausturm, erkennbar ein Werk der Wiederaufbaujahre, zu den Wahr­zeichen der Stadt. Dass sein Architekt fast in Vergessenheit geraten ist, liegt einerseits am nun schon historischen Abstand von einem halben Jahrhundert zu Stohrers Glanzzeiten, andererseits aber auch daran, dass dem Bauen der Fünfziger und Sechziger lange die Schuld an der einst von Alexander Mitscherlich gegeißelten, sprichwörtlich gewordenen „Unwirtlichkeit un­serer Städte“ gegeben wurde.

In den letzten Jahren hat eine Neu­bewertung dieser Epoche eingesetzt: Je mehr ihre baulichen Zeugnisse von der Bildfläche verschwinden oder vom Abriss bedroht sind, desto stärker rücken ihre Qualitäten in den Blick. Und so ist es kein Zufall, dass in diesem Herbst die erste große Monografie über Paul Stohrer erschienen ist. Wiederzuent­decken ist darin ein Architekt, dessen Biografie „exemplarisch für die Generation der um 1910 Geborenen“ und damit für die erst spät zu beruflichem Aufstieg gelangten Vertreter der ‚zweiten Stuttgarter Schule“ wie Rolf Gutbrod, Rolf Gutbier oder Günter Wilhelm steht und der doch keinem Lager zugerechnet werden kann, wie die Autorin Ursula Grammel schreibt. Wiederzuentdecken ist aber auch ein überaus umfangreiches Œuvre, das sich – in den Dreißigern noch erkennbar am Schmitthenner’schen Heimatstil orientiert – nach dem Krieg freudig internationalen Einflüssen und Vorbildern wie Aalto, Neutra, Saarinen, Wright, Scharoun und vor allem Le Corbusier öffnete.

Ein reines Stuttgarter Gewächs

Zu Lebzeiten war Paul Stohrer, ein reines Stuttgarter Gewächs, das, was man heutzutage einen Star- und Promi­archi­tekten nennen würde, einer der Erfolgreichsten und Gefragtesten seiner Zunft. Zu seinen Bauherrn zählten Film- und Showbiz-Größen wie die Schauspielerin Margot Hielscher, der er in München einen Bungalow baute, und Fabrikanten wie Gottlieb Bauknecht, der sich von ihm bereits in den dreißiger Jahren ein Landhaus auf einem ehemaligen Weinberghang errichten ließ. Für den Chef des „Südfunktanzorchesters“ Erwin Lehn plante er in den Fünfzigern eine im biederen Stuttgart als „Sensation“ bestaunte asymmetrische Villa, und für den Psychiater, Kunstsammler und Filmemacher Ottomar Domnick ein „bewohn­bares Museum“ bei Nürtingen (1966/67), das inzwischen samt Mobiliar und Bildern in den Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie übergegangen ist und – zu Recht – als Stohrers Mei­sterwerk gilt.

Eine Sensation war aber auch der Architekt in Person. Als hätte er alle Zwänge und Entbehrungen von Tausendjährigem Reich und Weltkrieg wettmachen wollen, ging Stohrer im Wirtschaftswunderdeutschland in die Vollen: Mercedes 300 SL mit Flügel­türen, schnieke Anzüge, Vorlesungen und Ent­wurfs­korrekturen an der Staatsbauschule im Tennisdress (zu einer Zeit, als die Professoren im weißen Kittel am Pult zu stehen pflegten), eigenhändig entworfenes, futuristisches Ferienhaus am Bodensee, dunkelhäutiger Diener. Nur das Ondit, dass er mit einem Leoparden an der Leine in Stuttgart herumspaziert sein soll, verweist die Autorin in den Bereich der Legende.

Selbstinszenierung als Künstlerarchitekt

Es konnte nicht ausbleiben, dass diese Selbstinszenierung als Künstlerarchitekt von Kollegen belächelt wurde – zumal sie mit Dekorationsorgien einherging, die in merkwürdigem Kontrast zur strengen Geometrie der Stohrer’schen Baukörper standen. Sein Ferienhaus etwa, äußerlich ein cooles Betonprisma auf Stelzen, schmückte er mit einem abenteuerlichen Mix aus Fischernetzen, Schwimmringen, Schiffstauen und Korbstühlen. In seiner Dachwohnung im Haus am Stuttgarter Herdweg, das ebenfalls zu seinen heraus­ragenden Bauten zählt, richtete er sich mit Tigerfellen und Fototapeten ein.

Was überdauert, ist ein Werk, das stili­stisch den jeweiligen Zeitströmungen folgt, in seiner Qualität aber aus der Masse des Gebauten hervorsticht. Die Stuttgarter Nachkriegsbaugeschichte hat Paul Stohrer wesentlich mitgeprägt, auch wenn man zugeben muss, dass das Rathaus, ein nach unzähligen Varianten in einer eher unglücklichen Zwangs­gemeinschaft mit dem Kollegen Hans-Paul Schmohl zustande gekommener Entwurf, nicht der­ ­allergrößte Wurf dieses Architekten ist.

Ursula Grammel: Paul Stohrer – Architekt in der Zeit des Wirtschaftswunders. Edition Axel Menges, Fellbach, 2011. 358 Seiten, 69 Euro.