Architekt Helmut Jahn wird 80 Herr der Türme

Helmut Jahn vor dem von ihm erbauten Frankfurter Messeturm. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Wo immer Glas und Stahl weit in den Himmel wachsen, steckt vermutlich er dahinter: Helmut Jahn. Der deutsch-amerikanische Architekt hat Hochhäuser und andere Monumental-Bauten in aller Welt realisiert. Am 4. Januar wird er achtzig Jahre alt.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Das Etikett ist reflexhaft zur Hand, wann immer die Rede auf Helmut Jahn kommt: „Turmvater Jahn“. Ihn selbst störe das nicht weiter, er fühle sich im Gegenteil dadurch geschmeichelt, hat er einmal gesagt, auch wenn der Beiname nicht ganz korrekt sei, schließlich habe er doch mehr als nur Hochhaus-Türme gebaut. Der Leibesübungen-Jahn des 19. Jahrhunderts jedenfalls ist weltweit ein Begriff, und für den Architekten-Jahn gilt das genauso. Nicht allzu viele deutsche Kollegen dieser Zunft können das von sich behaupten.

 

Helmut Jahn wurde am 4. Januar 1940 in Nürnberg geboren und wuchs in Zirndorf auf. 1966 ging er nach seinem Studium an der TU München als Rotary-Stipendiat nach Chicago, zunächst, um am Illinois Institute of Technology noch ein Studienjahr draufzusatteln, wo er sich mit den Lehren Mies van der Rohes vertraut machte – später sollte er gegen sie opponieren.

Was folgte, hat durchaus „American-Dream“-Qualitäten. Beim renommierten Büro C. F. Murphy stieg er vom Mitarbeiter zum Planungsdirektor und Teilhaber auf, um 2012 alleiniger Inhaber zu werden – heute firmiert das Büro schlicht unter „Jahn“, mit Niederlassungen in Chicago, Shanghai und Berlin. In den mehr als sechzig Jahren seines Schaffens hat sich der schmale, eher klein gewachsene Mann aus der fränkischen Provinz mit Haut und Haar dem „Think big“ oder besser, dem „build big“, verschrieben.

Immer im ganz großen Maßstab

Mehr als 100 Bauwerke hat der Deutsch-Amerikaner realisiert – in den Metropolen dieser Welt und häufig für Global Player wie Sony oder Bayer. Und er hat stets den ganz großen Maßstab gesucht: Flughäfen, Bahnhöfe, Hotels, Messehallen und, von Anfang an und immer wieder, Hochhäuser.

Die deutsche Hauptstadt hat ihm mit dem Sony-Center am Potsdamer Platz eines ihrer zeitgenössischen Wahrzeichen zu verdanken - der gläserne Multikomplex, zu dem auch der Bahntower gehört, wurde mit seiner ovalen Zeltdach-Kuppel zum architektonischen Signet des Neuen Berlin. Frankfurt erhielt mit dem 1991 fertig gestellten Messeturm seinen bis heute die Skyline prägenden, postmodernen Campanile, ein Art-déco-Wolkenkratzer am Main, damals das höchste Gebäude Europas. In München baute Jahn das heillos überdimensionierte München Airport Center und die umstrittenen Zwillings-Türme der Highlight Towers, in Bonn veränderte er mit dem gläsernen Post Tower das Antlitz der Rheinstadt. Später kamen der Hegau Tower in Singen, der Weser Tower in Bremen, das Hochhaus Sign im Düsseldorfer Medienhafen hinzu.

Als sein Durchbruch gilt das State of Illinois Center: 1980 führte er damit in Chicago vor, was es heißt, aus Stahl und Glas einen plastischen, monumentalen Baukörper zu formen, der zudem als „Stadt in der Stadt“ funktioniert. Nicht immer gelang es ihm, dies zu wiederholen. Jahn wird vielleicht für seinen Perfektionismus bewundert, für sein Talent, zunächst als Fremdkörper empfundene Bauten in identitätsstiftende Landmarken zu verwandeln, von manchen wohl auch für seine Unbescheidenheit. Als Baukünstler gilt er nicht. Architekten seien keine Künstler, sondern Problemlöser, sagt er selbst. Sein technikgläubiger Funktionalismus, dem „Performance“ über alles geht, ist gegen die großspurige Geste nicht gefeit; Jahn-Bauten ignorieren immer wieder die Belange der Stadt und des menschlichen Maßes. Der US-Architekt Philip Johnson nannte ihn „einen Mann zwischen allen Strömungen“.

Archi-Neering mit Werner Sobek

Mit High-Tech Nachhaltigkeit zu erzielen: Jahn kann sich zugutehalten, dieses Credo schon vor Jahrzehnten für sich formuliert zu haben. Insofern war es nur schlüssig, dass er zu Beginn des Jahrtausends begann, mit dem Stuttgarter Architekten und Ingenieur Werner Sobek zu kooperieren und unter dem Schlagwort „Archi-Neering“ Architektur und Ingenieurbaukunst zusammenzuführen, beim Suvarnabhumi International Airport von Bangkok etwa oder beim Rottweiler Aufzugs-Testturm. Seit 2017 ergänzt die 246 Meter hohe, von einer Textilmembran umschlungene Beton-Nadel die mittelalterliche Silhouette der ältesten Stadt Baden-Württembergs.

Der Turmvater und seine in den Himmel wachsenden Stahl- und Glas-Giganten lassen zumindest in Deutschland niemanden kalt. In Zeiten von Wohnungsnot und Verdichtungsbestrebungen stehen Hochhäuser wieder hoch im Kurs – Jahn sieht sie nach wie vor als Attraktivitäts-Ausweis einer Stadt und erst recht als zwingenden Bestandteil der Urbanität von morgen, reine Wohntürme hat er jüngst in Warschau, Riga und New York realisiert.

Niederlagen nimmt der passionierte, einen Weltmeister-Titel tragende Segler sportlich. Sein Augustinerhof in Nürnberg, eine Shopping-Mall, die an eine aufgeschnittene Bratwurst erinnerte, wurde von einem Bürgerbegehren abgeschmettert. Die Wolkenkratzer-Meile, die er 1986 an der mittleren West Side New Yorks mitsamt dem damals mit 509 Metern höchsten Wohn-Hochhaus der Welt für den Bauspekulanten Donald Trump bauen wollte, ist der Welt erspart geblieben, Donald Trump als US-Präsident hingegen nicht. Helmut Jahn wird an diesem Samstag achtzig Jahre alt. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

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