Architekt Otto Bartning aus Karlsruhe Der Miterfinder des Bauhauses

Otto Bartning (1883-1959) wird für seine Kirchenbauten gerühmt. Der Architekt hat sich außerdem gemeinsam mit Kollegen wie Hugo Häring und Walter Gropius Ende der 1920er für Wohnungsbau engagiert – etwa mit Entwürfen für die Großsiedlung Siemensstadt (im Bild) in Berlin. Foto: imago stock&people

Der Karlsruher Baumeister Otto Bartning entwickelte mit Walter Gropius die Ideen für das 1919 gegründete Bauhaus. Bartning hat aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg Architekturgeschichte geschrieben.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Karlsruhe - Ein Kirchenmann im revolutionären Arbeitsrat 1918 nach der Novemberrevolution in Deutschland und Miterfinder des Bauhaus-Gedankens? Das scheint einigermaßen paradox. Oder auch nicht, wenn man weiß, dass der Mann an der großen Menschheitsfrage interessiert war: Wie wollen wir leben? Und sich folglich auch immer wieder fragte, wie wollen wir unseren Glauben leben und dafür die architektonisch passende Form finden.

 

Otto Bartning heißt der Mann. 1883 in Karlsruhe geboren und 1959 in Darmstadt gestorben, war Bartning wichtiger Protagonist der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aber warum ist er weniger berühmt als etwa Walter Gropius oder Egon Eiermann? „Er hat als Vermittler unglaublich viel moderiert“, sagt Meinrad von Engelberg, der lange Jahre das Otto-Bartning-Archiv an der Technischen Universität (TU) Darmstadt geleitet hat und Kunstgeschichte lehrt. „Es ging ihm eher um Inhalte, in der Ästhetik lag nicht sein primäres Interesse. Und er hat seinen Stil zu oft geändert, um sogleich erkennbar zu sein wie etwa die Architekten Le Corbusier oder Gropius.“

Es zog ihn offenbar nicht ins Rampenlicht. Das Exzentrischste, was man über den Vater von drei Kindern erzählen kann, ist, dass er sich einmal in orientalischer Kleidung fotografieren ließ: 1904 hatte er sein Architekturstudium in Berlin unterbrochen, um sich von Hamburg aus per Schiff auf Weltreise zu begeben: Lateinamerika, USA, der Ferne Osten.

Eine Weltreise im Jahr 1904

„Seine Familie war finanziell gut situiert – sein Vater war ein sehr erfolgreicher Überseekaufmann und inzwischen Privatier – und kulturell sehr aufgeschlossen“, sagt Sandra Wagner-Conzelmann, die eine Vertretungsprofessur für Architektur- und Stadtbaugeschichte an der Hochschule Mainz innehat. Sie hat auch an der im Justus von Liebig Verlag erschienenen Werkbiografie „Otto Bartning. Architekt einer sozialen Moderne“ mitgearbeitet. „Schon in jungen Jahren ermöglichte und finanzierte ihm sein Vater eine achtmonatige Weltreise. Seine familiäre Herkunft war also der perfekte Nährboden für das, was aus ihm geworden ist.“

Die Reise sei, sagte Bartning, „eine wahre Lebensschule des Abenteuers, des Sehens, Sehens, Sehens“ gewesen. Nachzulesen ist dies in der lesenswerten Bartning-Biografie. Er war, erfährt man dort, angetan von anderen Baustilen. Ihn beeindruckten die Einfachheit und Funktionsfähigkeit der japanischen Wohnhäuser, typisierte und modulartig entworfene Wohnbauten.

Otto Bartnings erster Bauauftrag: eine Kirche

Auf Reisen durch Italien begeisterte sich Bartning für die „Einfachheit und Klarheit der Villen aus der Zeit der Renaissance“, erkannte er gar in der Zeit „eine geistige Parallele zu seiner Zeit, da wir selber uns sehnen, von Neuem geboren zu werden“. Schlicht, funktional, praktisch – das klingt schon nach den Bauhaus-Idealen und bildet einen Kontrast zum Historismus der Kaiserzeit, den die reformorientierten Architekten satthatten.

Wieder daheim, war sein erster Auftrag 1905 ein Kirchenbau für die evangelische Gemeinde in Peggau/Steiermark in Österreich. Der Bau sieht ein bisschen aus wie ein Opern-Bühnenbild von Anna Viebrock. Man weiß nicht recht, ist es eine Villa oder eine Kirche?

Praktisch für Zusammenkünfte, aber nicht wirklich sakral. „Bartning hatte als junger Mann Kirchen entworfen, die im Sinne des Gemeinschaftsgedankens hell und gemütlich wirken sollten“, sagt Meinrad von Engelberg. „Zehn Jahre später änderte er seine Ansicht. Er fand, dass Kirchen auch für sich selbst wirken und eine gewisse Spiritualität ausstrahlen müssen und nicht nur eine praktische Hülle für die Predigt sein können.“

Sein um 1922 entstandener Entwurf war die viel beachtete gotisch-expressiv wirkende Sternkirche. „Ein Gebäude, das Sakralität ausstrahlt, auch wenn gerade nicht darin gebetet wird“, sagt Meinrad von Engelberg. „Das ist ein relativ katholischer Standpunkt, er hat aber gemerkt, wie der evangelische Kirchenbau für seinen Gefühl in eine einseitige Richtung marschierte. Es geht immer auch um Stimmung und Emotion.“ Dieses Ideal wurde nicht gebaut, dafür entstanden Ende später Kirchen, die diesem Geist verpflichtet waren, etwa die Auferstehungskirche in Essen 1930.

Revolutionärer Arbeitsrat für Kunst

Auch in weltlichen Bauangelegenheiten war der Architekt gegen Prunk und Protz und machte sich auch beim Bau privater Häuser einen Namen als reformorientierter Baumeister. So engagierte er sich im von Henry van de Velde und anderen gegründeten Deutschen Werkbund, der sich für die „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“ einsetzte. „1908, bereits ein Jahr nach Gründung wurde Otto Bartning in den Deutschen Werkbund aufgenommen, das war eine große Ehre für den jungen Architekten“ sagt Sandra Wagner-Conzelmann, Professorin für Architektur- und Stadtbaugeschichte an der Hochschule Mainz.

Die erste große Bauausstellung des Werkbundes im Jahr 1914 in Köln wurde aber vorzeitig geschlossen – der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Bartning entwarf jetzt Kriegsgräber, stellte dann aber mangels Aufträgen sein Büro fürs Rote Kreuz zur Verfügung.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem Ausrufen der Deutschen Republik am 9. November 1918 gründeten sich Arbeiter- und Soldatenräte – zu den revolutionären Mitgliedern im Arbeitsrat für Kunst zählten auch Architekten. Walter Gropius, Bruno Taut und: Otto Bartning.

Bartning gilt als geistiger Vater des Bauhauses

Wer so intensiv über Leben und Bauen nachdenkt, engagiert sich folgerichtig in einem Arbeitsrat. Der Maler Oskar Schlemmer bezeichnete Bartning als den „eigentlichen Vater des Bauhaus-Gedankens“. Gegründet hat die Schule dann aber 1919 Walter Gropius. „Bartning war eher an der Programmatik interessiert“, sagt Meinrad von Engelberg, „oder er hatte nicht die Ellbogen, sich in den Vordergrund zu drängeln.“

Als das Bauhaus nach Dessau zog, wurde Bartning von 1926 bis 1930 Direktor der Staatlichen Bauhochschule Weimar und bildete viele Architekten im Sinne des Bauhausgedankens aus. Damals herrschte noch größere Wohnungsnot als heute, mit dem Unterschied, dass es Raum und politischen Willen gab für sozialen Wohnungsbau.

Bartning war außerdem Gründungsmitglied von „Der Ring“, einer Architektengruppe, die künstlerischen und sozialen Anspruch beim Bauen verbinden wollte. Für die in den 1920er Jahren neu entstehende Siedlung Siemensstadt in Berlin entwarf Bartning einen lang gezogenen Bau. „Er wird ,Langer Jammer‘ genannt“, sagt Meinrad von Engelberg.

Während der Zeit des Nationalsozialismus baute Otto Bartning für die Kirche. „Bartning hatte Angebote ins Ausland zu gehen, nahm diese aber nicht an“, sagt Sandra Wagner-Conzelmann. „Er hat in dieser Zeit vor allem im In- und Ausland – Lissabon, Barcelona, Heerlen – für die Evangelische Kirche Kirchenbauten errichtet und im noch nicht besetzten Ausland auch andere Bauten entworfen. So baute er von 1933 bis 1936 in Luxemburg eine sehr modern geprägte Maternitée, ein Entbindungskrankenhaus.“

Vermittler nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es „Pragmatik vor Ästhetik“. Bartning engagierte sich für die Architektur, wurde 1950 Präsident des Bundes Deutscher Architekten. „Er galt als politisch unbelastet und war ein Vertreter der gemäßigten Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Er lehnte die dogmatischen, formalen Auseinandersetzungen, beispielsweise die Diskussionen um Flach- oder Satteldach und die Festlegung auf einen ,Stil’ ab“, sagt Sandra Wagner-Conzelmann. „So wurde er von den verschiedenen künstlerischen und auch politischen Lagern akzeptiert und konnte zwischen ihnen vermitteln, Menschen zusammenbringen, Streitigkeiten moderieren. Das waren Fähigkeiten, die in dieser Zeit, in der so Vieles im Argen lag, sehr wichtig waren, in der auch Menschen, die gerade noch Täter oder Opfer waren, zusammengebracht werden mussten.“

Bartning galt als moralische Instanz, sagt die Architekturprofessorin. „Für ihn spiegelte Architektur auch die Werte der jeweils zeitgenössischen Gesellschaft. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg forderte er nach der Zeit des Nationalsozialismus Bescheidenheit, Einfachheit und Ehrlichkeit.“

Architektonische Leistungsschau in Berlin

Wie diese Werte architektonisch aussehen sollten, zeigt sich 1957 bei der Interbau in Westberlin. Bartning koordinierte die Internationale Bauausstellung, auf der der Weltöffentlichkeit moderne Bauten von Berühmtheiten wie Walter Gropius, Le Corbusier, Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, Egon Eiermann und Hans Schwippert präsentiert wurden. Bartning hätte einen Krankenhausbau entwerfen sollen, zog aber zurück, um sich ganz der Vermittlung und Organisation widmen zu können. „Dies hatte zur Folge, dass er, der maßgeblich zum Gelingen dieses großen internationalen Projektes beigetragen hat“, sagt Sandra Wagner-Conzelmann, „in Bezug auf die Interbau von der Architekturgeschichte erst in zweiter Reihe wahrgenommen wird.“

Und vor allem engagierte sich Otto Bartning weiter im Kirchenbau. Er entwarf für das vom Krieg zerstörte Land Notkirchen, einfache Gebäude, die in kürzester Zeit erstellt werden konnten. Auch in Stuttgart entstand eine, die Ludwig-Hofacker-Kirche. „Das Notkirchenprojekt ist bezüglich seiner technischen, organisatorischen und programmatischen Bedeutung tatsächlich einzigartig“, sagt Sandra Wagner-Conzelmann. „Für das Evangelische Hilfswerk entwickelte Bartning ab 1946 gemeinsam mit seinen Mitarbeitern für alle vier Besatzungszonen und für die späteren DDR über hundert Kirchen, Gemeindezentren und Diasporakapellen.“

Viele Notkirchen stehen unter Denkmalschutz

Sie waren vor allem praktisch, aber auch ästhetisch interessant. Viele stehen heute unter Denkmalschutz – auch wenn nicht mehr alle für sakrale Zwecke genutzt werden wie die in Leverkusen. „Es wird heftig darüber diskutiert, wie weit man so einen Bau umnutzen und umbauen darf. Die Meinungen gehen da sehr auseinander“, sagt Meinrad von Engelberg: „Eine Berliner Initiative möchte die Notkirchen für das Unesco-Welterbe vorschlagen.“

Modulartige Bauten, wie sie heute auch für Obdachlose oder für Geflüchtete zum Einsatz kommen, hatte Otto Bartning schon in Japan gesehen; die Abenteuerlust des jungen Weltreisenden hatte weitreichende Folgen für die deutsche Architektur bis heute.

Info zur Bartning-Ausstellung und zum Buch

Die Bedeutung des Architekten Otto Bartning auch für seine Nachkriegs-Notkirchen wird noch bis 25. Oktober 2020 in der Ausstellung „Bartning. Bartning. Bartning. Architekt der Moderne“ im Freilichtmuseum Kommern in Mechernich gezeigt, kuratiert wurde die Schau von Sandra Wagner-Conzelmann. Die Schau ist ein Beitrag zum Projekt „100 Jahre Bauhaus im Westen“. Täglich geöffnet (10-17 Uhr bis 23. März, danach 9-19 Uhr). www.kommern.lvr.de

Absolut lesenswert und einen profunden Beitrag zu Leben und Werk des Architekten bietet das Buch „Otto Bartning- Architekt einer sozialen Moderne“ (128 Seiten, 19,90 Euro) mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen, herausgegeben von der Akademie der Künste, der Wüstenrot Stiftung und der Technischen Universität Darmstadt. Erschienen ist es im Verlag Justus von Liebig in Darmstadt mit Texten von Werner Durth, Wolfgang Pehnt und Sandra Wagner-Conzelmann.

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