Architekt Stefan Behnisch über seinen Vater Günter Behnisch „Ich kenne keinen weniger opportunistischen Menschen als ihn“

Der Wille zum Experiment zeichnete ihn aus: Günter Behnisch (1922-2010) Foto: picture-alliance / dpa/Bernd_Weißbrod

Stefan Behnisch ist mit dem Büro Behnisch Architekten international erfolgreich. Im Interview spricht er über das große Werk seines Vaters Günter Behnisch (1922-2010), der 1952, im Geburtsjahr von Baden-Württemberg, sein Büro in Stuttgart eröffnete und zu einem der wichtigsten Architekten der Nachkriegszeit avancierte.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stefan Behnisch sagt im Interview, welches Verhältnis sein Vater Günter Behnisch zu Baden-Württemberg und zu Stuttgart hatte und warum die Architektur heute zu ängstlich ist.

 

Herr Behnisch, Ihr Vater Günter Behnisch hat 1952, dem Gründungsjahr von Baden-Württemberg, in Stuttgart-Sillenbuch sein Büro eröffnet. Er stammte aus Sachsen – wieso ging er nach Stuttgart?

Er war nach dem Zweiten Weltkrieg britischer Kriegsgefangener. Die Gefangenschaft hätte sich durch seine Rückkehr nach Sachsen um ein Jahr verlängert. Deshalb hatte er eine andere Adresse angegeben und ist in den Westen Deutschlands gegangen. Für Stuttgart entschied er sich aufgrund der Stuttgarter Schule.

…jene Architekturschule, die an der Technischen Hochschule Stuttgart, der heutigen Universität, gelehrt wurde, an der Ihr Vater von 1947 bis 1951 Architektur studierte. Zu den frühen Vertretern zählten Paul Schmitthenner und Paul Bonatz, später waren es etwa Richard Döcker, Rolf Gutbier und auch Rolf Gutbrod, bei dem Ihr Vater nach dem Studium arbeitete.

Rolf Gutbrod, aber auch Günter Wilhelm, Horst Linde – es sind diese baden-württembergischen Architekten des Nachkriegs-Deutschland, die meinen Vater stark beeinflussten.

Mit seiner Architektur hat Ihr Vater das Bild der Bundesrepublik geprägt – er galt als „Baumeister der Demokratie“. Zu seinen bedeutendsten Bauten zählt der Plenarsaal des Deutschen Bundestags in Bonn, dessen Transparenz und Eleganz viel gerühmt wurden.

Transparenz gleich Demokratie – diese vielfach kolportierte Gleichsetzung ist zu einfältig. Ein entscheidender Punkt war die Sitzordnung, für die mein Vater die Kreisform wählte, um den Gedanken der Gemeinschaft herauszustreichen. Wichtig war ihm zudem die Lage in den Mulden der Rheinauen; die terrassierte Landschaft sollte durch das Gebäude hindurchfließen. Schwellen abbauen, darum ging es ihm. Die Demokratie ist die Form, wie wir Regierungen bilden. Ich würde meinen Vater nicht darauf verkürzen, sondern ihn eher als Baumeister der offenen Gesellschaft bezeichnen.

Das müssen Sie erklären.

Der Gedanke des Bauens für die offene Gesellschaft entstand bei ihm schon früh. Er hat zu Beginn seiner Karriere viele öffentlichen Bauten realisiert, vor allem Schulen. Mein Vater war der Überzeugung, dass wir unsere Kinder zu mündigen Bürgern erziehen müssten, damit sie Teil einer offenen Gesellschaft sein können. Seine Schulen haben deshalb beispielsweise Bereiche, in denen man sich versammeln kann. Die Schulgemeinschaft spielte für ihn eine weitaus größere Rolle als Prüfungen abzuhalten.

Weltberühmtheit erzielte er, gemeinsam mit herausragenden Ingenieurinnen und Kollegen, mit dem Bau des Olympiageländes in München 1967 bis 1972.

Damals hieß es häufig, er habe sich damit von der NS-Monumentalität des Berliner Olympiastadions absetzen wollen. So einfach hat er nicht gedacht. Er hat sich vielmehr gefragt, welche Architektur unsere offene Gesellschaft als Gastgeber für die Welt besonders gut repräsentieren kann. Auch die Nachnutzung war ihm wichtig – daraus ist die Idee des Bürgerparks entstanden. München war ein sehr landschaftlicher Entwurf, mit dem Ziel, Orte und Plätze zu schaffen, an denen die Menschen für gemeinsame Erlebnisse zusammenkommen können. Er prägte damals hierfür den Begriff der „Situationsarchitektur“. Jugendlich, heiter, Olympia der kurzen Wege. Eben nicht konstruktiv, sondern spielerisch. Das Dach selber war ihm nach eigenen Aussagen nicht so wichtig, eher Notwendigkeit. Konstruktiv ein Meisterwerk der Ingenieurbaukunst.

Ein Werk spiegelt die Kräfte wider, die bei seiner Entstehung gewirkt haben, davon war Ihr Vater überzeugt. Machtausübung, Zwang, Kontrolle, Hierarchien – all dies sollte in seinen Bauten nicht zum Ausdruck kommen.

Richtig. Er hat aufgrund seiner Erfahrungen in der Weimarer Republik und dem folgenden Krieg nicht an hierarchisch strukturierte Systeme geglaubt. In Stuttgart gibt es ein sehr gutes Beispiel dafür, wie er Architektur gedacht hat.

An welches Beispiel denken Sie?

Horst Linde, der als Leiter der Staatlichen Hochbauverwaltung in den Sechzigern gemeinsam mit dem Landschaftsplaner Walter Rossow für den Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart verantwortlich war, hatte damals den Rasen nah an das Gebäude heranziehen lassen. Den Ehrenhof, in dem heute die Regierungsfahrzeuge parken, gab es zu der Zeit nicht. Als das Büro Behnisch & Partner die Stuttgarter Königstraße sanierte, bestand die Denkmalbehörde darauf, den Ehrenhof wieder zu pflastern. Mein Vater hat immer bereut, dass er das mitgemacht hat. Denn kaum war die Fläche gepflastert, fand die erste öffentliche Vereidigung dort statt – mein Vater nannte das ‚Nachtfackelfeste‘. Die Wiese vor dem Schloss, das war für ihn das Wohnzimmer der Bürgerinnen und Bürger. Und plötzlich marschierte da wieder das Militär! Ich glaube, das versinnbildlicht sehr gut, wie Architektur in seinen Augen auf eine Gesellschaft einwirkte.

Was hat Sie an Ihrem Vater am nachhaltigsten beeindruckt?

Seine Beharrlichkeit, für seine Ideen und Überzeugungen einzustehen. Ich kenne keinen weniger opportunistischen Menschen als ihn. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen heute machen unkritisch das, was die Bauherren wollen. Er meinte dazu, man müsse die Bauherren bilden. Es war sein großes Verdienst, gemeinsam mit ihnen auf die Suche nach der richtigen, angemessenen Lösung zu gehen. Dieses Prozesshafte seiner Architektur, der Wille zum Experiment im Gegensatz zum Rückgriff auf Bestehendes, auf vorgefasste Meinungen – das hat ihn ausgezeichnet. Darin liegt auch die formale architektonische Vielfalt seines Werks begründet. Und das lebt in unserer Arbeit weiter.

Das heutige Bauwesen erlaubt diese Prozesshaftigkeit kaum noch. Woran liegt das? Sind es wirtschaftliche Gründe?

Heute arbeiten wir mit komplexen Computermodellen, bei denen man schon im Architekturwettbewerb die Türklinken festlegen muss. Wirtschaftlich ist das in Wahrheit nicht, weil man so ja gar nicht erfahren kann, ob es vielleicht eine günstigere Lösung gibt. Es ist eine immerwährende Auseinandersetzung, das Planen als Erfahrungsprozess aufrechtzuerhalten. Man will alles möglichst schnell fixieren. Dadurch kommen wir immer mehr zu Bauten, die bestimmt sind von den Erfahrungen vergangener Bauten. Es herrscht eine große Ängstlichkeit. Und dadurch kaum Innovation.

Wie war seine Beziehung zu dem damals frisch gebackenen Bundesland?

Ich enttäusche Sie ungern, aber Baden-Württemberg hatte keine große Bedeutung für ihn. Die Kleinstaaterei hat er aufgrund der deutschen Geschichte nicht für zielführend gehalten. Er hat nie ganz verstanden, warum sich die Badener und Württemberger nicht vertragen. Mit Stuttgart hingegen hat er sich identifiziert. Er war der Auffassung, dass es ein guter Ort zum Leben sei. Und dabei den Vorteil hat, dass keiner erwartet, dass man die Stadt für die tollste der Republik hält, so wie die armen Hamburger, Münchner, Berliner und Kölner ihre Städte hochhalten müssen. Als Stuttgarter kann man immer sagen: Ja, es ist ein ,bissle’ provinziell, harmlos. Aber man lebt hier ganz gut.

Wie bewerten Sie die heutige Baukultur in Baden-Württemberg?

Ich bin keiner, der sagt, früher war alles besser. Die Architektur in Baden-Württemberg ist auf einem hohen Niveau, sie ist gut und ernsthaft, das heißt, sie setzt sich mit inhaltlichen Themen, etwa beim Schulbau mit der Pädagogik, auseinander. Wahnsinnige viele Highlights gibt es aber nicht.

Warum?

Der schwäbische Pietismus hat doch gewisse freudlose Züge. Wenn einem etwas leicht von der Hand zu gehen scheint, spielerisch ist, erscheint es nicht „hart erarbeitet“ und damit nicht gottgefällig. Alles ist ordentlich und gut gemacht. Aber das Gute ist manchmal der Feind des wirklich Guten.

Die Architekten Günter und Stefan Behnisch

Vater
Günter Behnisch, 1922 in Lockwitz bei Dresden geboren, eröffnete nach dem Architekturstudium 1952 in Stuttgart-Sillenbuch gemeinsam mit Bruno Lambart ein Büro, das sich 1966 zu Behnisch & Partner umfirmierte. Zu den bedeutendsten Bauten zählen neben dem Münchner Olympiapark und dem Bonner Plenarsaal das Hohenstaufen-Gymnasium in Göppingen, die Fachhochschule Ulm, Hochschule für Technik, das Hysolar-Institutsgebäude in Stuttgart-Vaihingen, der Schulkomplex „Auf dem Schäfersfeld“ in Lorch und die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Günter Behnisch starb 2010 im Alter von 88 Jahren in Stuttgart.

Sohn
Stefan Behnisch, 1957 in Stuttgart als eines von drei Kindern Günter und Johanna Behnischs geboren, studierte zunächst Philosophie und Volkswirtschaftslehre, bevor er an der Universität Karlsruhe ein Architekturstudium absolvierte. Nach seinem Diplom 1987 arbeitete er zunächst im Büro seines Vaters, zwei Jahre später gründete er gemeinsam mit Günter Behnisch und seinen Partnern ein eigenes Büro. Das international tätige Büro Behnisch Architekten beschäftigt an den Standorten Stuttgart, München, Boston, Los Angeles und Weimar derzeit 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zu den bekanntesten Bauten zählen die Norddeutsche Landesbank in Hannover, das Ozeaneum in Stralsund, das Unilever-Gebäude in der Hamburger Hafen City. In Stuttgart verantwortete das Büro zuletzt das Dorotheenquartier. In den USA wurde jüngst in Boston, Massachusetts, der Harvard University Science and Engineering Complex fertiggestellt.

Ausstellung
Zum 100. Geburtstag von Günter Behnisch am 12. Juni bereiten die Architektenkammer Baden-Württemberg, das SAAI Archiv (KIT Karlsruhe), das Büro Behnisch Architekten und weitere Partner eine Jubiläumsausstellung vor.

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