Architektenhaus am Starnberger See Puristische Villa mit Seeblick

Bäume schützen das Beton-Glas-Gebäude oberhalb des Starnberger Sees in Bayern vor neugierigen Blicken. Das benachbarte Grundstück hat der Bauherr auch gekauft, so bleibt der Blick auf den See erhalten. Über den Naturgarten freuen sich dann auch die Schmetterlinge und die Bienen. Foto: Stefan Müller-Naumann

Kitschfrei schöner wohnen im Alpenvorland: Ein ausgezeichnetes Architektenhaus aus Glas und Beton ermöglicht einer vierköpfigen Familie ein Leben auf Augenhöhe mit der Natur.

Starnberger See - Manchmal schaut ein Fuchs vorbei. Katzen lieben den langen Gang neben den bodentiefen Fenstern als Rennstrecke. In diesem Glashaus lebt man auf Augenhöhe mit der Natur. Dabei sieht das Haus M 2/5 von Weitem aus, als hätte jemand ein Stockwerk von einem gläsernen Bürogebäude abgetrennt, auseinandergebrochen, die Teile in einer Wiese platziert und mit einer Terrasse verbunden.

 

Tatsächlich hätten Nachbarn während der Bauarbeiten angesichts des Stahl-Beton-Skeletts und des mächtigen Aushubs für die Tiefgarage erst einmal gerätselt, was hier wohl gebaut würde, sagt der Bauherr, der eine große Informatikfirma geleitet und sich aus den Geschäften weitgehend zurückgezogen hat und lieber anonym bleiben möchte. Eine Kindertagesstätte? Ein Büro? Als das Zuhause der vierköpfigen Familie fertig war, sahen die Nachbarn, was sich in dem zweigeschossigen Beton-Glas-Bau befindet. Ein mit heimischem Eichenholz ausgekleidetes wohnliches Haus. Baukosten – zwei Millionen Euro.

Mit Preisen ausgezeichnetes Architektenhaus

Für den Mut zur klaren Kante, und das im kitschseligen, auf Satteldächer und Geranien-Balkone fixierten Voralpenland, gab es Preise. Eine Architekten-Jury verlieh dem Haus eine von sechs Anerkennungen im Wettbewerb Häuser des Jahres 2018 (nachzulesen im gleichnamigen Buch, erschienen im Münchner Callwey-Verlag). Auch in der Publikation „100 Deutsche Häuser“ ist das 340 Quadratmeter große Hausensemble vertreten.

Vor dem Bauen stand ein Gedankenexperiment: Wo würde man hinziehen, wenn man es sich aussuchen könnte? Wenn man in der Nähe der Berge sein möchte, die Großstadt aber auch nicht weit entfernt sein soll. Sport sollte man machen können, Radfahren, Segeln, Stand-up-Paddeln. Und klar, die Kinder müssten Schulen in der Nähe haben.

Derlei Überlegungen im Kopf fuhr das in München lebende Ehepaar zwei Wochen lang durch die Gegend, bis es am Starnberger See versteckt hinter Bäumen ein Wohngebiet entdeckte. Vom See getrennt nur durch eine Straße und einen Hang. „Wir dachten, wenn es hier ein Grundstück gäbe . . .“ Zwei Tage später sei es so weit gewesen: „Ein älteres Ehepaar wollte auch wegen der anstrengenden Gartenpflege das Haus verkaufen.“

Auf dem Hügel findet gerade ein Generationenwechsel statt, davon sprechen auch die vielen Baustellen. Das Gebiet entstand in den 60er Jahren, die Erben der ersten Bauherren verkaufen oder renovieren die Häuser. „Es ziehen viele junge Familien hier her, das ist natürlich auch für uns und unsere Kinder toll.“

Rigide Bauvorschriften

Bis zum Einzug Ende 2016 dauerte es noch einige Zeit. Und: Das Haus steht nicht einmal auf dem Grundstück der älteren Herrschaften, sondern daneben. Kuriose Geschichte. Die erzählt der Bauherr an einem sonnigen Tag bei einem Rundgang durch sein Haus. Er hat gerade am Sonnensegel auf der Terrasse gewerkelt und deutet nun auf das besagte Grundstück. „Die Bauvorschriften aus den 1950er Jahren waren rigide.“

Die Münchner Architekten Beer Bembé Dellinger hatten dennoch, wie er sagt, „eine aufwendige, coole Konstruktion mit Satteldach“ geplant. Doch dann sei wegen des Immobilienbooms schlicht kein geeigneter Handwerker zu finden gewesen. Das Projekt ruhte. Von einer Nachbarin in spe erfuhr der Bauherr, dass das schmale, leicht abschüssige Grundstück mit den Bäumen direkt neben seinem Grundstück zu kaufen sei. Also verkaufte er sein Grundstück, kaufte das andere.

Ein Bau aus Beton und Glas

Alles auf null. Der ursprünglich gewünschte Flachdach-Plan konnte verwirklicht werden, da hier der Bebauungsplan nicht galt. „Wir waren froh, dass wir diese Idee umsetzen konnten“, sagt der Architekt Felix Bembé. Auch aus eigenem Interesse: „Der Bauherr hatte unseren Glaspavillon gesehen und solch ein Haus für sich gewünscht. Es war unser Erstlingswerk, experimentell, aber nicht unbedingt alltagstauglich. Das umzusetzen, war für uns eine tolle Herausforderung. Wir haben sehr schnell das Konzept entwickelt und umgesetzt. Für Architektur ist das förderlich, weil man die Dinge nicht mehrmals hinterfragt, sondern bei dem stringenten Konzept bleibt“, sagt Felix Bembé.

Das Ergebnis ist ein Haus aus Beton und Glas, fern von Protz und Alpenfolklore. Ein geradlinig schlichter, fragil wirkender Riegel, geteilt durch eine knapp zwölf Meter lange Terrasse. Bembé: „Das Baugesetz schreibt vor, dass kein Gebäude besonders lang, höher oder breiter sein darf als die Häuser in der Umgebung.“ Das Haupthaus misst 29 Meter, das Gästehaus 19 Meter.

Aus Bäumen auf dem Grundstück, die für das 7,70 Meter schmale Haus weichen mussten, berichtet der Bauherr, habe ein Schreiner Möbel gemacht. Er deutet auf den Eichentisch und -stühle auf der Terrasse.

Drei Tage Fensterputzen

Auf der oberen Seite des Hauses sind Arbeits-, Fitness- und Gästezimmer untergebracht. Die andere, dem See näher gelegene Haus-Seite bildet den Lebensmittelpunkt der Familie. Es ist ein einziger Raum: Von der Küche mit den hinter Einbaumöbeln versteckten Gerätschaften geht es weiter zum Essbereich bis ins Wohnzimmer mit Platz für eine Sofalounge und den offenen Kamin.

Wer auf dem anthrazitfarbenen Sofa fläzt, schaut nach links auf Grün und gerade aus ebenso, außerdem auf den Kamin. Er sieht aus wie eine quadratische, unten offene Metall-Box, der Feuerplatz scheint offen direkt am Boden zu liegen.

„Wir sind kommunikative Menschen, wir leben gern offen“, sagt der Bauherr. Die Familie kann aber auch hellgraue Leinenvorhänge zuziehen. Vor der Hitze schützen Jalousien. Und wer putzt die fast quadratischen, 2,70 Meter hohen Fenster, die teils fest verglast, teils aufschiebbar sind? „Bisher die Tochter der Putzfrau“, sagt der Hausherr, „aber die heiratet jetzt und zieht nach Berlin. Drei Tage braucht sie für alle Fenster.“

Heimeligkeit in den Rückzugsräumen

Eine Treppe führt ins Untergeschoss, hier sind die Schlafräume und Bäder untergebracht. Kein Kellergefühl stellt sich ein, bodentiefe Fenster machen die Räume hell und vermitteln den Eindruck, auf der Wiese zu leben, getrennt nur durch Glas. „Die Rückzugsräume hier unterzubringen, ist sinnvoll“ sagt der Architekt. „Es ist im Sommer kühl, zugleich fühlt man sich geborgen.“

Das Haus erinnert äußerlich an die lichten Konstruktionen des Architekten Frank Lloyd Wright. „Ich will es gern so leer und clean wie möglich“, sagt der Hausherr. Er sagt, er habe sich beinahe für eine Architekturstudium eingeschrieben, dann aber doch Informatik gewählt, nun hat er mit Hilfe der Münchner Architekten den Haustraum verwirklicht.

Im Inneren dominieren Holz und Glas, Filz, Leinen, Beton, schwarzer Stahl, Holz. Schwarz, Weiß, Grau, farblich zurückhaltend bis ins Detail. „Meine Frau wollte Marmor aus ihrer Heimat“, sagt der Bauherr. „Wir sind durchs Altmühltal gefahren und irgendwann haben wir diesen grauen Jura gefunden.“ Der Marmor sollte schließlich zur Betondecke im Bad passen.

Tiefgarage für den Tesla

Im unteren Geschoss sind die Hausteile verbunden, entlang des Ganges befinden sich jede Menge Stauraum für die Heizungsanlage (geheizt wird mit einer Wärmepumpe), Waschmaschinen, Kleidung und Sportausrüstungen. Alles praktisch in der Nähe der großen Tiefgarage. Wo der Tesla, der VW-Bus und die Mountainbikes untergebracht sind, hätten noch mehrere Tischtennisplatten Platz.

Und was wird mit dem Grundstück nebenan? Der Bauherr lächelt. Ein Mehrfamilienhaus hätte dort entstehen sollen, mit der Sicht auf den Starnberger See wäre es dann wohl vorbei gewesen. Er hat es zurückgekauft und macht einen ökologisch korrekten Naturgarten mit Alpenveilchen und Schlüsselblumen daraus. Darüber freuen sich auch die Schmetterlinge und die Bienen.

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