Das Schauspielhaus war und ist ein Stolz der Hafenstadt: Im Gegensatz zu den meisten deutschen Kulturbauten hat es den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden und trägt den Titel „größte deutsche Sprechbühne“ – zumindest was die Zuschauerkapazität betrifft. Andererseits kommt einem die Bude merkwürdig unhanseatisch vor: statt klarer Kante unanständig puffrot der Sesselsamt, golden verrankt die Stuckaturen an Rang- und Logenbrüstungen, bonbonbunte Plafondmalereien mit üppigen Halbnackedeis. Heftiges Neo, wild Barock und Rokoko durch den Wolf drehend, irgendwie süddeutsch, katholisch, frech protzend – alles in allem zu plüschig.
Wen es ins Eingangsfoyer der Oper Zürich verschlägt, staunt nicht schlecht. Die gleiche ovale Grundfläche, die beiden seitlich abgehenden Treppen, wenig von sich selbst hermachend, und im Zuschauersaal die bekannte rot-gold-elfenbeinfarbene Rauminszenierung, nur dass es hier drei Ränge statt zwei wie in Hamburg gibt. Mehr als ein Déjà-vu. Kein Zufall. Beide Häuser wurden vom Wiener Architektenbüro Fellner und Helmer geplant.
Erfüllungsgehilfen des stilistisch mäßigen Geschmacks
Ferdinand Fellner (1847–1916), ein Wiener, arbeitete im Architekturbüro seines Vaters, in das 1871 der aus Harburg bei Hamburg stammende Hermann Helmer (1849–1919) als Bauzeichner eintrat. Die beiden arbeiteten bestens zusammen.
Seit 1873 firmierten sie als Fellner & Helmer und spezialisierten sich auf Theaterbauten. Knapp 50 entwarfen sie von da an bis kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Bautechnisch auf der Höhe der Zeit, waren sie stilistisch Erfüllungsgehilfen des mäßigen Geschmacks: Gestalterische Erneuerer sind sie nie gewesen, blieben weitgehend dem Historismus verhaftet. Ganz am Schluss, mit dem Wiener Konzerthaus (nicht zu verwechseln mit dem Musikverein und seinem goldenen Saal, der Stammhaus der Philharmoniker ist und Ort der Neujahrskonzerte), zog ein Hauch von Jugendstil ein.
Diese Prêt-à-porter-Bauten sind im Grundaufriss ähnlich. Wie aus dem Setzkasten entnommen wirkt die Fassadengestaltung mit wiederkehrenden Loggien und Tempelfronten. Auch ein von Skulpturen bekröntes Turmpaar findet sich öfter: etwa in Gießen, Sofia und Prag. In Hamburg (eröffnet 1900) und im zehn Jahre früher erbauten in Zürich ist es ebenso charakteristisch wie ein gestelztes Kuppeldach, das auch das 1894 von Kaiser Wilhelm II. eröffnete Hoftheater in Wiesbaden deckt.
Beim Ringtheaterbrand sterben mehr als 350 Zuschauer
Der Erfolg von Fellner & Helmer ist leicht zu erklären: Die Burschen lieferten Qualität, waren flexibel, was die Wünsche der Bauherrn betraf, sie waren günstig und sie übergaben die Häuser in der garantierten Bauzeit (im Schnitt zwei Jahre) – daran sollten sich heutige Theatersanierer und Philharmonie-Architekten ein Beispiel nehmen.
Zudem hatte das in der Servitengasse im 9. Bezirk ansässige Büro die Sicherheit im Blick. Seit dem verheerenden Ringtheaterbrand in Wien 1881, bei dem mehr als 350 Zuschauer zu Tode kamen, legten sie Wert auf Fluchtwege und Sicherungsanlagen, wie den eisernen Vorhang, der Zuschauerraum und Bühne bei Gefahr schnell trennte. Nach dem Unglück in seiner Geburtsstadt, so berichtete Fellner später in einem Vortrag, „konnte ich keine Nacht mehr verbringen, ohne von Notausgängen und Notlampen und dergleichen zu träumen“.
Erstaunlich viele Häuser haben die Zeiten überstanden. Herausragende Exponate sind die Opernhäuser in Odessa (die Akustik wird weithin gerühmt), Graz, Zagreb und Wiesbaden. Die Komische Oper Berlin spielt im ehemaligen Metropoltheater, dessen Saal allein original ist. Imposant ebenfalls das Volkstheater in Wien. Wenn alle Baukonfektion unserer Tage in 100 Jahren noch so lebendig ist wie die Bühnen von Fellner & Helmer, dann bleibt nur: Applaus.