Warum sehen die Weihnachtsmarktstände immer so ähnlich holzhäuschenhaft aus – in Stuttgart und anderswo? Architektonische Vorbilder und Überlegungen, was den Budenzauber ausmacht.
Kevin Wetzler
04.12.2023 - 06:00 Uhr
Jetzt stehen sie wieder da und drängen sich an den Ständen, mit glühweinseligen Wangen und umflort von Bratwurst- und Lebkuchen-Duft: Millionen Besucher, auch aus dem Ausland, strömen auf die Weihnachtsmärkte in Stuttgart und anderen deutschen Städten. Doch warum sehen die Hütten fast überall gleich aus – und welcher Vorbilder bedienen sich Budenbauer auf der Suche nach dem klassischen Weihnachtsmarktstand?
Für viele Menschen sind Weihnachtsmärkte der Inbegriff vorweihnachtlicher Feststimmung und Gemütlichkeit. Dabei sind es Details, die den an sich nicht sonderlich festlichen Plätzen deutscher Innenstädte plötzlich weihnachtliche Stimmung verleihen. Die Gestaltung der Hütten spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ihre Architektur weckt weihnachtliche Assoziationen. Als Beweis dafür, dass Architektur auf den Menschen wirkt, führt die Suche nach Vorbildern dieser Stilelemente von den Alpen übers Erzgebirge bis nach Osteuropa, von der Antike übers Barock bis in die heutige Zeit.
Von den Alpen ins Märchenland: das Dach
Die Dächer sind ihrer Form nach meist Satteldächer, um zusammenstehend die Ästhetik eines weihnachtlich verschneiten Dorfes zu imitieren und die Besucher an Schnee- und Berglandschaften zu erinnern. Die Dächer sind meist mit Schindeln gedeckt. Diese sehr wetterbeständigen Holzziegel werden heute noch gerne in Höhenlagen des Vorarlbergs, Appenzeller Lands, der Westschweiz und des Allgäus verbaut. Wenn man schon nicht in den Bergen sein kann, dann wird man zumindest daran erinnert.
Satteldach und Holz am Stand in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski
Größere und aufwendigere Buden weisen Dächer auf, deren Verzierungen am Ortgang stark an die kunstvoll geschnitzten Verzierungen an zahlreichen Häusern des Alpenraums erinnern. Aufgemalte Symbole wie der Edelweiß und Herzen sollen die imitierte Nähe zum Alpenraum verdeutlichen. In Tirol und dem restlichen Alpenraum ist auch die Verzierung von Fuß-, Mittel- und First-Pfetten üblich. Diese leicht aus dem Dach hervorstehenden Längsbalken der Dachkonstruktion werden auf dem Weihnachtsmarkt imitiert und gerne dafür verwendet, Angebotsschilder anzubringen.
Märchenhafte und mittelalterliche Vorbilder
Um Hexenhäuschen handelt es sich, wenn verzogene Dachgiebel oder krumm und schief ausfallende Fenster die Dächer zieren. Die Vorbilder der Hexenhäuschen sind schlichtweg in Märchen zu finden , sie verleihen dem Weihnachtsmarkt einen mitunter surreal anmutende Weihnachts-Wunderland-Atmosphäre.
Gerne werden auch Bautraditionen zitiert: Putzbacken – also Ablagerungen vieler, über Jahrhunderte angehäufter Schichten Putz zwischen Fachwerkbalken – und sichtbares Fachwerk aus grob geschlagenen Holzbalken werden imitiert, denn das gibt den Hütten einen hübsch mittelalterlichen Anstrich. Noch heute stellt man sich Weihnachtsmärkte interessanterweise als mittelalterliche Altstädte vor und gestaltet sie entsprechend.
Dies hängt vermutlich mit der Erwähnung der ersten vorweihnachtlichen Märkte im 14. Jahrhundert zusammen. Bis ins 18. Jahrhundert waren diese Märkte jedoch rein versorgender Art – Händler boten Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände für die Wintermonate an. Spielzeugmacher, Kuchenbäcker oder Musikanten traf man nur sehr reduziert oder gar nicht an. Erst danach wurden Weihnachtsmärkte zu Stätten gemütlichen Beisammenseins.
Ein weiterer Grund für die mittelalterliche Gestaltung der Hütten ist im Historismus zu vermuten, als alles möglichst Jahrhundertealte beliebt war. Die Romantisierung des Mittelalters trieb Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn noch des 20. Jahrhunderts ihre Blüten und findet in Stadtgesellschaften bis heute viele Anhänger. Denn Fachwerkbauten als Symbol für ehrliche händische Arbeit stehen dem technokratischen Stil moderner Stahl- und Glasbauten entgegen.
Pavillons und Wetterfahnen
In der Gestaltung von Getränkeausschank und Grillstation wird am Wenigsten auf die gedachte Hommage an den Alpenraum Bezug genommen. Ihr Grundriss ist meist ein Pavillon. Der Pavillon hat seine Wurzeln vor allem in Asien und im Europa des Barock. Manch gestalterisches Element wie gelbes oder grünes Butzenscheibenglas imitiert gern das Interieur eines altertümlichen Lokals.
Ihre Dächer sind meist spitz zulaufend und erinnern an einen Wehrturm des Mittelalters. An ihnen befinden sich zuweilen Wetterfahnen, die, ihrer eigentlichen Funktion als ‚Wettervorhersage‘ entfremdet, schon im Übergang vom 19. Ins 20. Jahrhundert als Zierde an Gebäude angebracht wurden.
Stil-Mix auf dem Schlossplatz
Jede Stadt hat dann auch noch ihre besonderen Markt-Attraktionen. In Stuttgart präsentiert sich die große Weihnachtspyramide auf dem Schlossplatz als Stil-Collage. Die Weihnachtspyramide selbst geht als Schmuckstück für das weihnachtlich eingerichtete Wohnzimmer auf den Drehbaum zurück und ist im Erzgebirge heimisch.
Stuttgart geht in die Vollen – mit Riesenkrippe und Riesenrad auf dem Schlossplatz Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko
Das die Pyramide krönende Windrad wird im Original von heißer Kerzenluft angetrieben. An der kleineren Weihnachtspyramide auf dem Schillerplatz sind die Kerzenimitationen noch da, an der großen Pyramide auf dem Schlossplatz wurden sie im vergangenen Jahr weggelassen.
Von einiger Distanz aus betrachtet,beispielsweise von den obersten Stufen der Treppe zum kleinen Schlossplatz, zeigt sich, dass die große Weihnachtspyramide an einer Seite über einen Anbau verfügt, der an einen Schiffsbug erinnert und keinen Teil einer klassischen Weihnachtspyramide darstellt. Dort sind Stände und gastronomische Verweilmöglichkeiten untergebracht.
Direkt unter dem „Windrad“ befindet sich ein Zwiebelturm, der auch nicht typisch für Weihnachtspyramiden ist – er ist ein Zitat der russisch-orthodoxen Kultur und Architektur. Die Marktstände am Fuß dieses ‚Pyramidenschiffs‘ beschreiben keine Hütten oder Häuschen mehr, auch weisen sie keine klar definierten Dächer mehr auf. An der Fassade des Baus werden hier und da Fachwerkskonstruktionen imitiert.
Weihnachtsstimmung durch Architekturimitation
Fachwerk und Edelweiß, Ornamente, Satteldach und Wetterfahne und jede Menge Holz: all dies produziert eine vorweihnachtliche Stimmung zwischen Bretterbuden,die Form abseits des Gewohnten, die Provokation bestimmter Assoziationen ist eine gut funktionierende Zauberformel. Das Schnörkelige ist ein Gegenentwurf zu den glatten Fassaden, die das moderne Stadtbild prägen. Und die Sehnsucht nach dem Alten, dem Gemütlichen und vermeintlich Authentischen ist gerade zu der für viele stressigen Vorweihnachts-Geschenkekauf-Zeit besonders stark ausgeprägt.
Eine modernere Gestaltung von Weihnachtsmarktbuden lässt auf sich warten; vielleicht ist die Zeit hierfür noch nicht reif, vielleicht braucht es diese auch gar nicht. Der österreichische Philosoph und Essayist Konrad Liessmann kommt zum versöhnlichen Schluss, dass Weihnachtsmärkte oft und gerne kitschig seien. Nach ihm ist der Kitsch an sich nur kitschig, die durch ihn ausgelösten Emotionen der Besucher sind jedoch sehr real – und um diese geht es. Nicht zuletzt, damit die Menschen sich wohlfühlen und mit Freude Nippes und Lebkuchen, Weihnachtskrimskrams und Glühwein kaufen.