Architektur Auf Sand gebaut

Von Susanne Hamann 

Frank Lloyd Wright wäre dieses Jahr 150 Jahre alt geworden. Der Stararchitekt erschuf sich nicht weit von Phoenix ein bemerkenswertes Anwesen als Studio und Alterssitz. Im Haus Taliesin West mitten in der Wüste von Arizona wird heute noch in seinem Sinne entworfen.

Für sein Haus namens Taliesin West in der Wüste von Arizona verwendete Frank Lloyd Wright lokale Baustoffe – wie Felssteine aus den nahen Bergen. Foto: Susanne Hamann 8 Bilder
Für sein Haus namens Taliesin West in der Wüste von Arizona verwendete Frank Lloyd Wright lokale Baustoffe – wie Felssteine aus den nahen Bergen. Foto: Susanne Hamann

Phoenix - Am Stadtrand von Scottsdale schraubt sich eine kurvige Straße den Berg hinauf. Der Blick fällt auf die staubige Einöde aus Sand, Steinen, Gestrüpp und Kakteen. Wo soll hier bloß ein Haus sein? Wie aus dem Nichts taucht es plötzlich auf. Taliesin West ist so raffiniert in die Landschaft integriert, dass man das Anwesen erst erkennt, wenn man unmittelbar davor steht. Man meint fast, das Gebäude sei einfach aus dem Hügel gewachsen und nicht von Menschenhand errichtet worden. Damit verkörpert die Anlage Frank Lloyd Wrights Philosophie einer „organischen Architektur“ aufs Schönste.

Verschachtelte Bauten aus geschlossenen Räumen und offenen Patios ducken sich an den Hang. Rote Holzbalken ragen wie die Beine eines Insekts aus dem karamellbraunen Wüstensand und überwölben die Wohnräume, raue Felsbrocken schimmern aus grauen Betonwänden. Prinzipiell verwendete der Architekt Baustoffe der Umgebung. Im Fall von Taliesin West sind das Holz von Redwood-Bäumen und Steine aus den nahe gelegenen MacDowell Mountains. Verputzt und gestrichen wurde nichts, damit die Materialien ihre „natürliche Schönheit nicht verlieren. Außerdem sind lokale Baustoffe billig, und Frank Lloyd Wright war chronisch pleite“, sagt Tom Tassini, ein 86-jähriger Rentner, der Besucher durch die Anlage führt.

„Taliesin“ ist ein walisisches Wort und bedeutet „leuchtende Bergkuppe“. Wright benutzte den Begriff als Hommage an seine Vorfahren, die aus Wales in die USA eingewandert waren. Die Himmelsrichtung „West“ dient der Unterscheidung, denn es gibt ein zweites Haus namens Taliesin. In beiden wohnte der Meister selbst. Taliesin (Nummer eins) wurde 1911 gebaut und steht in Spring Green, Wisconsin. Mit zunehmendem Alter empfand der Architekt seinen Heimatbundesstaat im Winter jedoch als zu kalt und ungemütlich. Es zog ihn nach Westen, nach Arizona. 1937 kaufte er ein knapp zweieinhalb Hektar großes Grundstück in der Sonora-Wüste nördlich von Phoenix und errichtete darauf sein persönliches Winterquartier, dazu ein Studio als Arbeitsplatz und einen Campus für seine Architekturstudenten.

Wright lag im ständigen Streit mit Le Corbusier

Der ständig klamme Meister umgab sich gerne mit interessierten Anhängern. Die durften dann lernen, in seinem Sinne zu entwerfen, und zahlten viel Geld dafür. Auch heute noch sitzen angehende Baukünstler an den Holztischen im etwas übermöblierten Studio, in stille Arbeit vertieft. Nur die Computer, die inzwischen auf den Zeichentischen eingezogen sind, stören das Bild ein wenig. Seit dem Tod des Stararchitekten im Jahr 1959 läuft die Organisation über eine Stiftung, die Frank Lloyd Wright Foundation. „43 000 Dollar kostet ein Studienjahr. Die Studenten wohnen nur von November bis März hier, ansonsten sind sie in Wisconsin – so wie Wright es auch zu tun pflegte“, sagt Tom Tassini und erzählt, dass es in den Sommermonaten in Arizona unmenschlich heiß werden kann. 50 Grad Celsius und mehr sind da keine Seltenheit.

Der 1867 in Richland Center, Wisconsin, geborene Wright gilt als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein Œuvre umfasst rund 500 Bauten – fast alle polarisieren: Für die einen sind es revolutionäre Vorbilder, für die anderen monumentale Geschmacksverirrungen. Zu seinen bekanntesten Werken zählen das Guggenheim Museum, die weiße, sich emporwindende Rampe am New Yorker Central Park, und Falling Water, ein Privathaus im Nirgendwo von Pennsylvania, das mitten auf einem Wasserfall thront. Wright prägte den sogenannten Prairie Style und schuf meist lang gestreckte Bauten, die sich am endlosen Horizont des amerikanischen Mittelwestens orientieren.

Wie viele geniale Geister war Frank Lloyd Wright ein selbstgefälliger Typ und stieß nicht überall auf Begeisterung. „Es besteht eine feste Grundlage für meine Arroganz“, pflegte er zu sagen – und meinte seine Begabung. Wright lag ständig im Streit mit seinem ebenfalls sehr bedeutenden Kollegen Charles-Edouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier. Beide zweifelten, ob die Großstadt der geeignete Lebensraum für den modernen Menschen sei. Doch während der Franzose den urbanen Lebensraum reformieren wollte, wollte der Amerikaner ihn abschaffen. Zurück zu den Wurzeln, lautete Wrights Devise.

Mit Smoking und Abendkleid in die Wüste

Taliesin West ähnelt daher auch mehr einem befestigten Zeltlager. Viele Besucher hätten beim Stararchitekten daheim wohl eher ein schickes Anwesen erwartet. Im Garten, der sich bergabwärts hinter dem Haus versteckt, gibt es zwar einen kleinen Pool, der Rest ist aber eher bescheiden. Auch Wrights privates Schlafzimmer misst nur wenige Quadratmeter – ein kleiner Raum mit Bücherborden an den Wänden, einem Stuhl, einem Schreibtisch. Schränke gibt es nicht, dafür zwei schmale Betten, von einer hohen Holzwand abgetrennt. „Lag er auf dem vorderen Bett, durfte man ihn wecken. Wenn er auf dem hinteren Bett schlief, wollte er nur im Brandfall gestört werden“, erzählt Tom Tassini.

Wright entwarf auch die komplette Innenausstattung sowie die Möbel und schuf so ein Meisterwerk aus einer Hand. Herzstück von Taliesin West ist das ausladende Wohnzimmer, mehr Hotellobby als Privatraum. Jede Menge Hocker stehen darin, ein Kamin markiert die archaische Feuerstelle, um die sich die Menschen versammeln können. Kurioserweise gibt es auch einen Flügel in dem Raum. „Wright liebte Musik und Konzerte“, sagt Tom Tassini und erzählt, dass die Studenten für den Aufenthalt mitten in der Wüste Smoking und Abendkleid einpacken mussten. Denn einmal die Woche bat der Meister zum Kulturabend im eigens gebauten Veranstaltungsraum.

Wright kontrastierte das einfache Leben gerne mit Exzentrik. Neben den regelmäßigen Konzerten pflegte er eine Leidenschaft für hochmotorisierte, teure und sportliche Autos. Zu seinem wechselnden Fuhrpark zählten ein Lincoln Continental Convertible, verschiedene Mercedes, Cadillac, Jaguar und Land Rover. Mit ihnen pflegte er durch die Landschaft zu brettern – in diesem Fall durfte es dann gerne auffällig sein.