Architektur aus Ziegel Klimafreundlich wohnen im Ziegelhaus

Leuchtendes Rot: Die Ziegel für das von dem Architekten Thomas Kröger entworfenen und preisgekrönten Einfamilienhaus stammen von einer nur 50 Kilometer vom Haus in Norddeutschland entfernten Ziegelei. Weitere Beispiele von spektakulären Ziegel-Gebäuden finden sich in der Bildergalerie. Foto: Jan Steenblock/TK

Unverwüstlich, wiederverwertbar, ästhetisch: Ziegel sind ein angesagtes und klimafreundliches Baumaterial bei Einfamilienhäusern und öffentlichen Bauten.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Seit der Mensch denkt, stapelt er Quader aufeinander, rechteckige oder quadratische, gebrannten Lehm, Dung, Sand, Steine, Eisklötze, ganz egal. Hauptsache, er hat einen Platz für sich selbst. Der Mensch formt die Natur, grenzt sich ab, das ist fast überall seine Form gelebter Zivilisation.

 

Mag der heutige Mensch mobil und gut kapitalistisch nomadenmäßig in der Welt umherjetten, am Ende ruht er doch gern in einer geschützten Ecke aus, sitzt er an einem Tisch mit Blick auf die Tür; so wie einst der Höhlenmensch auf den Eingang blickte, ob sich auch ja kein Feind näherte. Und eines der ältesten Materialien, mit denen der Mensch sich sein sicheres Eckchen vor der bedrohlichen Außenwelt schuf, ist gebrannte Erde in ihren Spielarten. Ziegel, Backstein, Klinker. Rot, braun, fast schwarz, fast weiß.

Dass das in Zeiten der Industrialisierung massiv eingesetzte Material heute auch bei anspruchsvollen Bauten beliebter denn je ist, hat zum einen womöglich mit der pandemischen Erfahrung zu tun. Die Welt erscheint noch feindlicher und der Mensch sehnt sich besonders nach einer heimeligen, natürlich wirkenden Umgebung. Zum anderen ist der mit dem Hausbauen verbundene CO2-Verbrauch wegen der Klimakrise in der Kritik. Ziegel aber ist zumindest langlebig und gut recycelbar.

Schöne Patina alter Ziegel

Besser für die Umwelt also und auch ästhetisch interessant ist fehlerhafter und wiederverwerteter Ziegel, wie die Architektin Anna Cymer in einem Text über Ziegelarchitektur in dem Buch „Brick 22“ (Park Books) schreibt: „Es gibt viele Architekten, die die Eigenschaften dieses Materials – seine Patina, Textur, Farbe und ,Unvollkommenheit‘ – bewusst einsetzen.“

Der für seine minimalistischen Bauten berühmte britische Architekt David Chipperfield setzte beim Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin über 350 000 historische Mauerziegel ein. Die Stuttgarter LRO Architekten – Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir, Marc Oei – haben jüngst das Musikzentrum Baden-Württemberg in Plochingen aus Ziegel entworfen.

Und sie haben mit einer Ziegelfassade aus Abbruchmaterial für den Bau eines Firmengebäudes in Karlsruhe Durlach überzeugt und es beim Hugo-Häring-Landespreis unter die zehn Preisträger geschafft. Die Architekten haben auch schon Einfamilienhäuser aus Ziegel entworfen, die in Wettbewerben ausgezeichnet wurden.

Der https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wohnen-in-schoenen-gebaeuden-american-dream-auf-der-alb.1fb1a8fb-b16e-454b-8a4a-f8bdd56c93b8.html

Der Berliner Architekt Thomas Kröger hat bei einem Einfamilienhaus für eine junge Familie auf dem Land in Ostfriesland Ziegel von einer nur 50 Kilometer vom Haus entfernten Ziegelei verwendet. Sie sind im Fischgrätmuster verlegt und filigraner als die üblichen Exemplare aus dem Baumarkt. Das Gebäude wurde mit dem ersten Preis der „Häuser des Jahres“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt geehrt.

Traditionelles und zeitgenössisches Bauen verbinden A+R Architekten aus Stuttgart, die in Myanmar für eine Klinik Ziegel verwendet haben. Das Projekt ist schon nominiert für den internationalen Architekturpreis Dezeen Award.

Die in Nordrhein-Westfalen und noch nördlicher in Deutschland weitverbreiteten Klinkerfassaden wurden von Hehnpohl Architektur für ihr vielfach prämiertes „Haus am Buddenturm“ in der Altstadt von Münster verwendet. Sie haben die Form der angrenzenden Bauten neu interpretiert – ein homogenes Gebilde aus warm wirkendem, rotbraunem Klinker.

Die Straßenansicht wirkt etwas verschlossen, wird aber aufgelockert durch zwei Versprünge in der Fassade. Diese lassen „die Anmutung von mittelalterlichen Fachwerkgiebeln aufkommen“, lobte die Jury des Deutschen Ziegelpreises 2019. Den vom Deutschen Architekturmuseum vergebenen Preis „Häuser des Jahres“ erhielt dieses Projekt auch.

2021 ging diese Ehre an junge Architekten im Rheinland, und zwar für die helle Ziegelfassade ihres Büro- und Wohnhauses in Hürth. Das Material haben sie auch der Nachhaltigkeit wegen gewählt. „Durch die Dauerhaftigkeit des Materials ist es zukünftig nicht nötig, die Fassade zu erneuern oder zu ertüchtigen“, sagt die Architektin Sabrina Schmitz. „Die Fassade altert in zeitloser Schönheit. Was anfänglich an Energie aufgewendet wurde, um die Steine zu brennen, wird über die faktisch unendliche Lebensdauer mehr als kompensiert.“

Die ästhetischen Möglichkeiten des Materials werden von dem Architektenpaar geschätzt. Andreas Schmitz: „Die Haptik eines Ziegelmauerwerks ist einzigartig und jeder Stein ein Unikat für sich.“

Diese Qualität sahen auch Architekten früherer Zeiten – wie bei dem innen und außen verwendeten Material im „Red House“ von Philip Webb und William Morris von 1860. Mit ihrer Arts- und Craft-Bewegung adelten sie das Handwerk zur Kunst. Beispiele solcher älterer und jüngerer Ziegelarchitektur versammelt der grandiose Bildband „Brick by Brick“, erschienen im Gestalten Verlag.

Auch Architekten des Expressionismus schätzen Ziegel; von Fritz Höger etwa stammt das Chilehaus in Hamburg aus dem Jahr 1924. Mit seiner Optik, die an einen Schiffsbug erinnert, ist es eine bis heute viel fotografierte Ikone des Expressionismus.

Den trutzigen Charakter betonen vor allem dunkle Ziegel. Die wurden in Kirchen in der Zeit des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit gern verwendet – sichere Schiffe Gottes, das war nach den Wirren des Weltkriegs eine nachvollziehbare architektonische Geste. So ein Bau – egal ob Josef Frankes Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen oder Hugo Schlössers Pfarrkirche St. Georg in Stuttgart – wirkt selbst bei schönem Wetter düster monumental.

Fröhlich leuchtende Ziegel

Wie fröhlich Ziegelarchitektur auch leuchten kann, sieht der in der Welt sich umsehende Mensch anderswo. Je nach Anordnung lassen sich Ornamente, Vorsprünge kreieren. Und mit Lochmustern bekommt man immer wechselnde Schattenspiele, je nachdem wie die Sonne scheint.

Durch Oberlicht aufs Schönste beleuchtet wird die raue und unregelmäßige Struktur in dem mit dem „Brick 22“-Preis ausgezeichneten Gewerbe- und Wohnhaus von José Fernando Gómez von Natura Futura in Ecuador.

Selbstbewusst stellt der Architekt das traditionelle, einst als ärmlich geltende und hinter Putz versteckte Material aus. In Südamerika wird das heute ebenso praktiziert wie in Dänemark bei dem sich vor blauem Himmel und gelben Kornfeldern heiter rot und kernig bodenständig präsentierenden Bauernmuseum „Kornets Hus“ von Reiulf Ramstad Architekten aus dem Jahr 2020. In Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit setzt der Mensch eben gern auf Unverwüstliches.

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