Wenn alle Boomer geschlossen in Rente gehen, wird es teuer. Ungemein geburtenstark waren die Fünfziger und Sechziger auch im Bereich Theaterbau – fast jede Großstadt in Deutschland leistete sich nach dem Krieg neue oder wieder errichtete Theatergebäude. Ausgedient haben diese in die Jahre gekommenen Häuser aber noch längst nicht. Nach einer Sanierung sollen die meisten ihren Betrieb wieder aufnehmen. Auch das ist extrem teuer. Und dauert extrem lange. Stuttgart mit seiner noch deutlich älteren Littmann-Oper, Baujahr 1912, ist gerade dabei, aus der Schockstarre nach Bekanntwerden der jüngsten Horrorzahlen zu erwachen: Sanierungsende 2044, Kostenpunkt 1,5 bis 2 Milliarden Euro. Politisch durchzusetzen sein dürfte das Projekt unter diesen Vorgaben wohl kaum. Die öffentliche Hand hat es nicht mehr so dicke und die Stadt null Bock auf ein zweites Stuttgart 21. Die Diskussion, dass bei diesem Sachstand von Grund auf neu gedacht und geplant werden müsse, ist bereits eröffnet.
Horrorzahlen für die Stuttgarter Opernsanierung
Ursachen der Unsummen
In dieser Situation hilft vielleicht ein Blick nach Frankfurt, wo das Deutsche Architekturmuseum die Ausstellung „Ganz große Oper“ über deutsche und europäische Sanierungsvorhaben zeigt. Zu besichtigen ist beispielsweise die Oper in Köln: eine Tragödie von den Ausmaßen des Berliner Pannenflughafens BER. Ursprünglich für 2015 geplant, wurde die Wiedereröffnung des Ensembles aus dem Jahr 1957 wieder und wieder verschoben und soll nun – wenn es wahr wird – Ende 2025 stattfinden. Vergangenes Jahr (immerhin!) ergab eine Untersuchung, dass der tiefere Grund für die Verzögerungen ein „Kommunikationsproblem“ zwischen den rund vierzig beteiligten Firmen mit jeweils eigener Bauleitung war, inklusive Insolvenzen. Die Kosten sind derweil von 253 auf 798 Millionen Euro in die Höhe geschossen. Manche sprechen von 1,3 Milliarden.
Ein Glück kann man den Absturz des Immobilienhais René Benko für Düsseldorf nennen. Weil die Stadt ein zentral gelegenes Kaufhausgelände seiner insolventen Signa-Gruppe erwerben konnte, kippte sie ihren erst 2023 gefassten Beschluss, ihre Oper an alter Stelle durch einen Neubau zu ersetzen. Was beweist, dass es für bessere Lösungen nie zu spät ist.
Gestiegene Ansprüche, ungeheure Komplexität
Am neuen Standort hat das Musiktheater genügend Platz sich nach heutigen Maßstäben auszudehnen, ohne dass ein Wahnsinnsaufwand für wuchtige Aufbauten oder unterirdische Raumfluchten betrieben werden muss, wie in Lyon oder Berlin. Und ein kostspieliges Provisorium kann sich Düsseldorf durch diesen Befreiungsschlag auch sparen.
Es ist vor allem dieses Missverhältnis zwischen den gestiegenen Ansprüchen an energetische Standards, Haustechnik, Bühnenmaschinerie, Arbeitsplätze und den meist moderat dimensionierten Opern-Oldtimern, das die Ausstellung als Hauptursache für die ungeheure Komplexität und die Unsummen der Sanierungsprojekte definiert.
Banal gesagt: das Große, Dicke muss ins Beengte, Denkmalgeschützte, Kleine. Mit Nachteilen für beide. Erschwerend kommt meist noch hinzu, dass die Standorte der historischen Bühnengebäude eine Erweiterung kaum zulassen. Siehe Stuttgart mit der B14 auf der einen und dem Schlossgarten plus Katharinenstift auf der anderen Seite.
Aufspaltung als Lösung in Frankfurt
Im Zentrum der Schau steht aber die Oper in Frankfurt. Nach intensiver Prüfung einer Vielzahl von Planungsvarianten will die Stadtverordnetenversammlung am 14. Dezember nun endgültig beschließen, wie es mit dem Gebäude, einer rettungslos verbackenen, dysfunktionalen Doppelanlage aus Schauspiel und Oper, weitergehen soll. Sehr wahrscheinlich läuft es auf eine Trennung der beiden Sparten hinaus, bei der die Oper in einem Neubau an gleicher Stelle verbleibt, das Theater dagegen einen neuen Ort etwas weiter nördlich bezieht. Den städtebaulichen Charme dieser Lösung zeigt das Modell: Durch die Aufspaltung der Bühnen könnte eine neue Kulturmeile gegenüber dem Frankfurter Museumsufer entstehen, beginnend beim Jüdischen Museum und endend bei der heute für Konzerte und Kongresse genutzten Alten Oper. Profitieren würde davon auch der öffentliche Raum der Wallanlagen, die ihre Vergangenheit als Drogenumschlagplatz zwar hinter sich gelassen, ihre Hinterhoftristesse aber bewahrt haben.
Im besten Fall gelingt die Aufwertung des öffentlichen Raums
So oder so – billig wird es nirgends. Als wichtigste Erkenntnis aus der Schau nimmt man mit, dass die notwendigen, aber hyperteuren Sanierungen sich nur dann legitimieren lassen, wenn die ganze Stadt davon profitieren kann. Ob durch die Aufwertung des öffentlichen Raums wie in Frankfurt oder durch Spielstätten wie dem neuen Theater in Kopenhagen, das mit Sonnendecks und seinem riesigen, gläsernen Foyer, wo man die Aussicht genießen oder sich zum Kaffee verabreden kann, für alle da ist. Am besten beides.
Info
Ausstellung
Schon 2018 hat sich das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt den zahlreichen Sanierungsprojekten der Opernhäuser gewidmet. Die aktuelle Schau „Ganz große Oper – Viel mehr Theater. Bühnenbauten im europäischen Vergleich“ nimmt den Faden wieder auf. Anlass ist die bevorstehende Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung über das weitere Schicksal der Frankfurter Oper. Stuttgart kommt in der Präsentation nicht vor – zu viel liegt hier noch im Ungewissen. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 8. Dezember, Di, Do, Fr 12-18 Uhr, Mi 12-19 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr.
Ausweichquartier
Weil das Stammhaus derzeit saniert wird, residiert das DAM vorübergehend im Frankfurter Ostend, Henschelstraße 18. Die Wiedereröffnung am Schaumainkai findet am 31. Januar/1. Februar 2025 statt.