Architektur-Biennale Venedig Von der Mauer in der Stadt und in den Köpfen

Von Henning Klüver 

Der Deutsche Pavillon erzählt Geschichten über den Abbau von Grenzen und das Entstehen neuer Räume vor dem Hintergrund des Mauerfalls.

Sie haben in diesem Jahr den Deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale gestaltet: Graft Architekten – Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg (von li.) mit Marianne Birthler Foto: dpa
Sie haben in diesem Jahr den Deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale gestaltet: Graft Architekten – Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg (von li.) mit Marianne Birthler Foto: dpa

Venedig - Die Welt wächst zusammen, und zugleich nimmt der Protektionismus zu. Das reicht von den Sperranlagen um den Gaza-Streifen bis zum geplanten Mauerbau an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Im Deutschen Pavillon der Architekturbiennale wird die Debatte um Öffnung und Ausgrenzung vor allem auf lokaler Ebene geführt – als deutsche Geschichte und Gegenwart.

Wenn man den Pavillon betritt, sieht man sich einer schwarzen Wand aus mau­er­hohen, versetzt aufgestellten Stelen gegenüber. Erst wenn man diese Mauer durch die Lücken zwischen den Stelen gleichsam „überwindet“, fängt die Inszenierung an, Geschichten zu erzählen. Die Autoren dieser Erzählungen sind die Architekten Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Berliner Studio Graft, die im Westen geboren und aufgewachsen sind. Ihr Thema: architektonische Beispiele vom Trennen und Zusammenwachsen vor dem Hintergrund der deutschen Teilung und Einigung. Um den Blick von der „anderen“ Seite mit einzu­beziehen, holten sie sich eine Politikerin aus dem Osten ins Team: Marianne Birthler, die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen.

28 Jahre stand die Mauer, von 1961 bis 1969. Seit 28 Jahren ist auch Deutschland nun wieder vereinigt. Diese Zeitgleiche nehmen die Kuratoren auf und beschreiben auf den hellen Rückseiten der Stelen 28 Fälle von „Unbuilding Walls“, des Rückbaus von Mauern. Etwa das Projekt des Neubaus des Springer Verlages auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Kreuzberg und Berlin Mitte. Der Entwurf von Rem Koolhaas führt den Mauerverlauf als Leerstelle durch das Gebäude, so dass ein freier Innenraum entsteht. Ein anderes Beispiel erzählt vom „Parlament der Bäume“, der von dem Aktionskünstler Ben Wagin initiierten Gedenkstätte für die Toten an der deutsch-deutschen Grenze.

Die Kleingartenvereine sind nicht zusammengewachsen

Der Rückbau von Mauern ist ein komplexer gesellschaftlicher und kultureller Prozess. „Die mentalen Mauern wirken viel nachhaltiger als die realen Mauern“, betont Marianne Birthler. Das lernt man ausgerechnet aus der Geschichte einer Klein­gartenanlage zwischen Neukölln und Treptow. 1961 wurde sie von der Mauer durchschnitten. Es bildeten sich zwei Klein­gartenvereine, die auch nach 28 Jahren deutscher Einheit nichts miteinander zu tun haben wollen.

So vielseitig diese Erzählungen „ohne erhobenen Zeigefinger“ (Lars Krückeberg) auf den Rückseiten der Stelen auch sein mögen, sie wirken mit den Elementen Schrift, Foto, Karte doch allzu didaktisch. Internationaler gibt sich der Deutsche Pavillon mit zwei Klagemauern. Auf Videoclips reden Menschen, die in der Nähe von Grenzbefestigungen der unterschiedlichsten Art leben. Das sind Beispiele aus dem Nahen Osten, Zypern oder Korea. Eine „Mauer der Meinungen“ möchten die Kuratoren so aufrichten, mit denen der Besucher sich auseinandersetzen kann. Argumente gegen Grenzbauten werden ebenso laut wie Gründe dafür.

Das Gebäude des Deutsche Pavillons, wegen seiner Naziarchitektur auf ewig umstritten, ist den Kuratoren dagegen kein Thema. Als die Architekten vom Studio Graft vor einigen Jahren befragt wurden, was man mit dem Gebäude tun sollte, hatten sie noch geantwortet: „Abreißen!“ Jetzt nutzen sie ihn. Und wie sie das machen, hinterlässt trotz der spröden Inszenierung einen guten Eindruck.