Architektur der neuen Bibliothek Würfelspiele, innen und außen

Von  

Der Bibliotheksneubau ist eine Art Überraschungsei: Hinter der strengen Fassade öffnet sich eine prachtvolle Bühne für Bücher und Besucher.  

Ein vollkommen leerer, kubischer Raum bildet das Herz der Stadtbibliothek. Foto: dpa 5 Bilder
Ein vollkommen leerer, kubischer Raum bildet das "Herz" der Stadtbibliothek. Foto: dpa

Stuttgart - Briefbeschwerer" nennen Architekten mit leisem Spott solche massigen, in ihrer kantigen Primärkörperästhetik sich selbst genügenden Bauwerke. Der Volksmund ist da nicht so vornehm. Schon im Rohbaustadium hatte die neue Stadtbibliothek ihre Spitznamen weg: Als "Stammheim II" und "Bücherknast" titulieren die Stuttgarter den Trumm hinterm Hauptbahnhof, und sie meinen es durchaus nicht liebevoll.

Der Kubus macht es ihnen aber auch nicht leicht. Klotzig, unnahbar, glatt, ohne jeden Vorsprung und ohne jeden Bezug zu seiner Umgebung thront er auf seiner Anhöhe über dem im Werden begriffenen Stadtteil, eine solipsistische Stuttgart-21-Kaaba, die aussieht, als wäre sie von außerirdischen Mächten dort abgeworfen worden wie ein Paket, das jederzeit wieder abgeholt und an einen anderen Ort im Planetensystem verfrachtet werden könnte. Genius loci? Fehlanzeige.

Gegen sein Umfeld schottet sich das Haus geradezu hermetisch ab. Schaut man auf das unerquickliche Investorengebaue ringsum und den Blasen werfenden Bahnhof der Zukunft, kann man ihm die Totalverweigerung nicht verdenken. Das Problem ist nur, dass es zwangsläufig auch seinen Besuchern sehr zugeknöpft entgegentritt. Ein niedrigschwelliges Angebot sieht anders aus. Aber müsste es nicht gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung, in denen Bibliotheken "aus Stein und Beton und Glas" ihren Lebenszweck zu verlieren drohen, wie Dieter E. Zimmer in seinem Buch über die "Bibliothek der Zukunft" feststellt, die Leute mit offenen Armen empfangen? Oder verlockt diese "Sprödigkeit", wie Joachim Kalka in der Stuttgarter Zeitung leicht untertreibend schrieb, am Ende sogar mehr als "das eilfertig Gefällige"?

Die Bibliothek als blaue Laterne

Doch auch wenn er der Welt die kalte Schulter zeigt - typisch Stuttgart ist dieser Monolith des Koreaners und Wahlkölners Eun Young Yi allemal. Was Architektur und Städtebau betrifft, hat man es hier, mit Arno Lederer zu sprechen, "immer mit Solisten zu tun, nie mit Orchesterspielern". Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Stadt bei ihren öffentlichen Bauten eine besondere Vorliebe für Kuben hegt. "Wenn wir in Stuttgart ganz gewagt werden", juxte Stefan Behnisch, "bauen wir einen Würfel." So sind wir halt - solide bis ins Mark. Die Extravaganz, die sich die Stadt mit James Stirlings eminent stadtbezogener, bonbonbunter, postmodern-verspielter Staatsgalerie erlaubte, ist Episode geblieben. Der architektonische Normalfall sind hier die gediegenen Solitäre.

Nachts zeigt der Bibliothekskubus allerdings ein anderes Gesicht: tagsüber gedecktes Grau, hochgeschlossen, in der Dunkelheit geheimnisvolles Blau, Transparenz - ein Doppelleben, für das Eun Young Yi freundlich lächelnd den Vergleich mit Dr.Jekyll und Mr. Hyde heranzieht. Aber das erscheint denn doch reichlich weit hergeholt. So krass wie die Metamorphose von Robert Louis Stevensons Vorzeigebürger Jekyll zum üblen Sittenstrolch Hyde ist der Verwandlungsvorgang nicht.

Der Architekt will mit der Farbe eigentlich auch nur - vollkommen unsymbolisch - Lebenslust und Frische ausdrücken. Für mitteleuropäische Augen ist und bleibt Blau aber die Farbe der Romantik, der Sehnsucht und des metaphysischen Strebens nach der Unendlichkeit, die Farbe von Eichendorff und Novalis, von Chamisso und auch ein bisschen des Ironikers Heinrich Heine. Und so kann man sagen, dass die Bibliothek - deutsch-koreanische Kulturunterschiede hin oder her - als blaue Laterne bei sich selbst ankommt.

Sonderthemen