Architektur – die besten Wohnbauten des Jahres Ausgezeichnete Wohnhäuser in Stuttgart und der Region

Steimle Architekten aus Stuttgart konnten mit dem Entwurf eines Gebäudeensembles nahe des Ludwigsburger Bahnhofs bei den besten Wohnbauten des Jahres überzeugen. Weitere Preisträger aus Stuttgart und Ostfildern finden sich in der Bildergalerie. Foto: Callwey Verlag/Brigida González

Weil bezahlbarer Wohnraum fehlt, müssen neue mehrgeschossige Wohnbauten her. Welche Lösungen ambitionierte Architekten realisiert haben, zeigt der Award „Wohnbauten des Jahres 2022“ – mit Siegern aus Stuttgart, Ostfildern und Ludwigsburg.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Alle reden vom Wetter. Doch niemand unternimmt etwas dagegen, soll Mark Twain einst treffend festgestellt haben. So ähnlich verhält es sich auch mit dem Wohnungsbau in Deutschland. Alle reden andauernd über den Mangel an Wohnraum, nur dass keiner etwas dagegen unternimmt, am wenigsten die Verantwortlichen in der Politik und der Immobilienbranche.

 

Wenn Investoren abwinken

Letztere hat zudem wenige Anreize zu investieren. Die Bundesregierung hat sich bekanntlich das ehrgeizige Ziel gesetzt, dass das Wohnen gleichzeitig günstiger und klimafreundlicher werden soll. 400 000 Wohnungen pro Jahr sollen entstehen. Die Frage ist nur, wer diese Luftschlösser alle bauen soll, schließlich verteuern immer neue Umweltauflagen das Bauen, und wenn neben der Inflation und den Preissteigerungen bei Baumaterial und Energie die Quadratmeterpreise auch noch fallen sollen, muss man sich nicht wundern, wenn Investoren abwinken.

Wohnbauten des Jahres 2022

An den Architektinnen und Architekten liegt es jedenfalls nicht, dass auf dem Immobilienmarkt derzeit viele Projekte auf Eis liegen. Je anspruchsvoller die Anforderungen unserer Zeit, desto kreativer scheinen die Lösungen zu sein, zumindest was den tatsächlich realisierten Wohnungsbau in Deutschland angeht. Alljährlich werden mit Hilfe einer renommierten Fachjury die 50 eindrucksvollsten Wohnbauten gesucht, und beim Wettbewerb „Wohnbauten des Jahres 2022“ standen nicht nur die ideenreichsten Baukonzepte in Fokus, sondern auch ihre optimale Boden- und Raumnutzung im gesellschaftlichen und sozialen Kontext.

Barrierefreie Mietwohnungen

Das klingt erst einmal ziemlich theorielastig, doch am westlichen Rand von Ludwigsburg kann man sehen, wie dieser hehre Anspruch in der Praxis eindrücklich verwirklicht werden konnte. Unweit des Bahnhofs steht seit kurzem ein Ensemble aus drei vier- und fünfgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern.

Das Haus an der Karlstraße beherbergt die Immobilienfirma Strenger, die auch Bauherrin des Projekts war; über die beiden dahinter liegenden Gebäuden verteilen sich insgesamt 18 barrierefreie Mietwohnungen auf die Geschosse und sind von der Tiefgarage aus über Aufzüge direkt zu erreichen. Der Entwurf für das HLC kommt von Steimle Architekten aus Stuttgart, die jüngst auch den Wettbewerb zum Neubau der Feuerwache im Stuttgarter Leonhardsviertel gewonnen haben. HLC? Das ist die Abkürzung für „Half-Long Charles“, wobei „Charles“ für Karl steht, den Namensgeber der Straße. Architektenjargon ist nicht jedermanns und jederfraus Sache.

Klinkerfassade als Zitat

Was einem wesentlich schneller einleuchtet, wenn man in den Höfen zwischen den Gebäuden umhergeht, ist die Durchlässigkeit des Mini-Quartiers einerseits und Variabilität bei der Nutzung andererseits. Die Kubaturen der Baukörper wurden so zueinander angeordnet und auf Abstand gehalten, dass ein Maximum an Sonneneinstrahlung allen Wohnungen und Büros zugute kommt.

Die Klinkerfassade über der Erdgeschosszone, die eine Sichtbetonhülle schmückt und alle drei Häuser verbindet, nimmt den Baustil der unmittelbaren Nachbarschaft auf, meist sind es Backsteinfassaden der Gründerzeithäuser. Selbst die streng angeordneten hochformatigen Fenster spielen wieder eine markante Rolle.

Ehemaliger Autoparkplatz

Alles fügt sich, vieles wirkt spannend und spannungsvoll. Und ist ein guter Beitrag zum viel diskutierten Thema Nachverdichtung in städtischen Räumen. Das HLC macht deutlich, wie viel attraktiver Wohnraum entsteht, wenn man einen ehemaligen Autoparkplatz und schnöden Hinterhof auf architektonisch kreative Weise bespielt.

Mischnutzung mit Wow-Effekt

Thomas Steimle sagt dann auch, worauf es tatsächlich ankommt: „Innerstädtische Nachverdichtung ist mehr als Lücken füllen – durch das Vorgefundene inspiriert entsteht mit den passgenau eingefügten Stadtbausteinen eine neue Gesamtheit.“ Mit diesen Worten wird der Stuttgarter Architekt in dem bei Callwey erschienenen Band „Ausgezeichneter Wohnungsbau“ zum erwähnten Wettbewerb zitiert, bei dem das HLC Ludwigsburg prämiert worden ist. Ein weiterer positiver Effekt solch ambitionierter innerstädtischer Gebäude mit Mischnutzung ist ihre Ausstrahlung auf das gesamte Stadtquartier.

Mut zur Lücke

Mut zur Baulücke bewies die Bauherrin, also die Immobilienfirma Strenger vor allem mit ihrer Wahl der Lage: Bahnhofsnähe bedeutet nicht zwangsläufig, dass man eine ruhige, gutbürgerliche Nachbarschaft hat, sondern tendenziell einen bunten Mix aus Billigläden, Spielotheken, viel frequentierten Straßen und Parkbuchten sowie teilweise heruntergewohnten Mietshäusern. Andererseits ist die Infrastruktur perfekt, die öffentlichen Verkehrsmitteln um die Ecke machen ein Auto überflüssig, und die vielen Supermärkte und Restaurants lassen keine Konsumwünsche offen. Gebäude wie das HLC werten jeden Kiez auf und können eventuell andere potenzielle Bauherren und Investoren inspirieren.

Stuttgarter Dachaufbau in Kupfer

Dass neben dem Projekt von Steimle Architekten noch weitere Planungsbüros aus der Region ausgezeichnet wurden, ist erfreulich. Da wäre beispielsweise noch das K59 – ein Dachaufbau in Kupfer auf einem 1892 im Stuttgarter Kernerviertel errichteten Mehrfamilienhaus, für dessen Planung das ansässige Studio Cross Scale verantwortlich zeichnete.

Und schließlich bekam ein Wohnungsbau für Pflegekräfte in Ostfildern-Ruit eine lobende Erwähnung, der von den Architekten Kauffmann Theilig und Partner entworfen wurde. An all diesen guten und zurecht ausgezeichneten Beispielen wird deutlich, dass der vernünftige, weil größer gedachte Wohnungsbau durchaus eine Zukunft hat. Und wenn man sich stärker als bisher auf das Bauen im Bestand konzentrieren würde, müsste man auch nicht 400 000 Wohnungen pro Jahr neu bauen.

Info

Das Buch zum Preis
Cornelia Hellstern, Simon Dietzfelbinger: Ausgezeichneter Wohnungsbau 2022 - Wohnbauten des Jahres. Callwey Verlag, München, 360 Seiten, 98 Euro. callwey.de. In dem lesenswerten Buch werden in Bild und Text und mit Grundrissen 50 architektonisch herausragende Mehrfamilienhäuser präsentiert.

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