Heidenheim, Kressbronn und Rottenburg Sie zählen zu den schönsten Bibliotheken des Südwestens

Die Stadtbibliothek Heidenheim hat der Schweizer Architekt Max Dudler entworfen. Foto: /Klaus Peter Preußger

In Heidenheim, Kressbronn und Rottenburg stehen drei der spannendsten neueren Bibliotheken im Südwesten. Was macht so eine Bücherei heute aus?

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

An jenem Tag ist er blau. Einfach blau. Kein Wölkchen und schon gar keine Wolken, keine Sonne, keine Regentropfen zeigen sich in dem quadratischen Rahmen, der auf der Treppe in den zweiten Stock einen grandiosen Blick in den Himmel gewährt. „Ich habe mir überlegt, ob ich jeden Tag ein Foto von dem Fenster machen soll“, sagt Thomas Jentsch, während er dem an diesem Tag so blauen Himmel entgegen steigt. Jentsch ist der Leiter der neuen Bibliothek in Heidenheim, die vor sechs Jahren fertiggestellt wurde, und er trägt sich ernsthaft mit diesem Gedanken von einem Bild vom immer Selben, das aber immer anders ist.

 

Ähnliches mag mancher dem Architekten der Heidenheimer Bibliothek, dem Schweizer Max Dudler, unterstellen: Dass seine Bibliotheksbauten sich oft ähneln und wenig Varianz bieten. So gleichen sich, sagen Kritiker, etwa die Bibliothek in Heidenheim und das Grimm-Zentrum der Berliner Humboldt-Universität äußerlich sehr. Das sei wahr, mögen seine Befürworter sagen, sie gleichen sich zumindest in einem Punkt: ihrer Grandiosität.

Max Dudler selbst schreibt in einer Abhandlung mit dem Titel „Orte zum Studieren, Flirten, Flanieren“: „Jedes einzelne unserer Bibliotheksgebäude ist ein Unikat, das aus dem Ort heraus entwickelt wurde und mit der umgebenden Stadt jeweils eine ganz besondere Beziehung aufnimmt.“ In Heidenheim verbinde „die Baufigur der Bibliothek als Stadtsilhouette die gebauten Zeitschichten Heidenheims“. So beziehe sich das 110 Meter lange Gebäude mit seiner Höhenstaffelung auf innerstädtisch vorhandene Typologien wie Gasse, Platz und Promenade. Dudler hat mit dem Bibliotheksneubau zwei Räume verbunden: Eine durch Nachkriegsarchitektur geprägte Innenstadt, die sich deutlich von der historischen Altstadt unterscheidet. Gleichwohl, schreibt Dudler weiter, basierten alle Bibliotheken auf einem grundlegenden Gedanken: „Es besteht eine Ähnlichkeit in der Beziehung zwischen Buchstabe und Zeile, zwischen Buch und Regal, zwischen Regal und Gebäude.“

Der Bibliotheksflaneur

Was macht sie aus, die architektonische Hülle für die Bücher? Es sind kaum je so viele Bibliotheken errichtet worden wie in unseren Tagen. Offenbar bedarf es der Aura einer gebauten Ordnung des Wissens. Die niederländische Architektin Francine Houben, die besonders für die Gestaltung von Bibliotheken bekannt ist, sagt: „Bibliotheken sind die wichtigsten öffentlichen Gebäude, wie es vor vielen Jahren Kathedralen waren.“ Doch laut Houben waren Kathedralen nie stille und heilige Orte, sondern Räume, an denen das ganze Stadtleben vonstattenging. Deshalb ist auch sie eine Vertreterin des derzeitigen Trends, der Bibliotheken immer mehr zu Wohnzimmern, zu Orten des Zusammenkommens macht.

Statt das Buch ins Zentrum ihrer Funktion zu stellen, wollen neue Bibliotheken den Menschen in ihre Mitte holen. „Das Interessante an Bibliotheken ist, dass man sich dort treffen kann – das ist eine der wichtigsten Sachen“, sagt auch Max Dudler. Er hat sogar eine neue Spezies in den Büchereien ausgemacht: den „Bipster“, also den modisch versierten Bibliotheksflaneur.

Anders als etwa der niederländische Architekt Aat Vos, der Bibliotheksbauten gerne gemütlich mit Teppichen, Sitzsäcken und kuscheligen Polstermöbel ausstattet, ist Dudler für seinen nüchternen und spartanischen Stil bekannt, den er im Äußeren wie im Inneren des Gebäudes beibehält. Thomas Jentsch schätzt die Arbeit von Aat Vos sehr. Und doch ist er froh, dass sich die Stadt Heidenheim für einen Bibliotheksbau mit klaren Linien und Funktionen entschieden hat, der „auch auf lange Sicht funktioniert, da er keiner Mode unterworfen ist“.

Im Sonnenlicht scheint der sandfarbene Bau, der sich dort in die Länge streckt, wo seit den 1960er Jahren ein Gefängnis stand, in seiner Schlichtheit warm zu leuchten. Seine Fassade ist mit fast 400 000 Wasserstrichziegeln versehen, das Skelett des Gebäudes besteht aus Beton. Die unterschiedlichen Chargen der Ziegel mussten gut durchmischt werden, da diese leicht variieren und sonst kein einheitliches Bild zustande gekommen wäre.

Die unterschiedlich dimensionierten, aber durchgehend großformatigen Fenster in der Fassade sind unregelmäßig angeordnet. Im Inneren des preisgekrönten Baus herrscht hingegen klare Ordnung. Der Raum wird durch einen Lichtschacht, die Treppe und die langen Fluchten der Gänge strukturiert. Alle Möbel und Einbauten wurden ebenfalls von Max Dudler entworfen. Neben dem vorherrschenden Weiß setzt Eichenfurnier Akzente. Der Boden ist ein grauer, geschliffener Betonterrazzo.

Neben der Bibliothek mit Spielebereich, Kinderburg, Lernstudio, Grafothek, Sitzecken sind ein integratives Café, ein Veranstaltungssaal, ein Medienzentrum und das Stadtarchiv mit eingezogen.

Mehr Licht in Kressbronn

In Kressbronn am Bodensee, einer kleineren Gemeinde zwischen Friedrichshafen und Lindau, waren 2015 die Voraussetzungen für eine neue Bibliothek völlig andere. Es ging darum, einen historischen und eher unnahbar wirkenden Speicher zu einem offenen Haus umzubauen. Die Stuttgarter Steimle Architekten haben das vertraute Bild mit dem massiven Sockel und dem großen Holzdachstuhl konserviert. Gleichzeitig aber spricht das Gebäude nun durch die neuen Materialien und das luftige Erdgeschoss eine moderne Sprache.

Die Substanz des alten Sockels aus Beton und grobem Mauerwerk erwies sich in der Neubauphase als unzulänglich, an seiner Stelle wurde ein Sockel aus Dämmbeton geschaffen. Das Fachwerk und der Dachstuhl des Tennengeschosses waren noch in gutem Zustand, so konnte die Holzkonstruktion mit nur wenig statischen Ergänzungen weiterverwendet werden. Jeder einzelne Balken wurde kartiert, demontiert und nach der Restaurierung wieder auf das neue Sockelgeschoss gesetzt.

Die neue Fassade orientiert sich gestalterisch an den vertikalen Latten des alten Stadels. Vor der Gebäudehülle, die an den Giebelseiten jetzt fast vollständig verglast ist, sitzt eine Schicht aus verwinkelten Holzlamellen. Sie dienen als Sonnenschutz, lassen aber diffuses Licht in den Lesesaal eindringen und machen das Innere viel heller.

Das Haus empfängt seine Besucher mit einem nach oben offenen Foyer: Als teilbarer Mehrzweckraum, Ausstellungsfläche und 24-Stunden-Bibliothek kann das Erdgeschoss jetzt vielseitig bespielt werden. In der darüber liegenden Bücherei mit der Medien- und Zeitschriftengalerie und den Leseplätzen sind weitschweifende Blicke durch das gesamte Gebäude möglich.

Einen kompletten Neubau für ihre Bibliothek strebte hingegen die Stadt Rottenburg am Neckar an. Am nördlichen Stadteingang, direkt neben dem mächtigen Barockbau des bischöflichen Ordinariats, riss man zwei marode Altstadthäuser ab. In Anlehnung an das benachbarte Gebäude entwickelten die Stuttgarter Architekten Harris und Kurrle einen schmalen, geknickten Baukörper mit kupfergedecktem Satteldach auf einem asymmetrischem Grundriss.

Das vor sechs Jahren eröffnete Haus ist gebaut als massive Ziegelkonstruktion mit Stahlbetondecken und -wänden. Die Putzfassade wurde in der Besenstrichtechnik ausgeführt, was dem Ganzen mehr Tiefe verleihen soll. Im Erdgeschoss verbindet eine großflächige Verglasung den Stadtraum mit dem Innenleben seiner Bibliothek. In den durch große Fenster gegliederten oberen Etagen entstehen durch Regale Bücherräume mit tiefen Laibungen zum Sitzen und Lesen.

Der Mensch braucht Freiraum

Die in den vergangenen Jahren entstandenen Bibliotheken von Heidenheim, Kressbronn und Rottenburg zählen zu den schönsten, spannendesten und den zukunftsweisendsten Bibliotheken des Südwestens. So unterschiedlich und eigenständig sie auch sein mögen, so eint sie doch der klare Stil, der die Bücher und den Menschen in den Mittelpunkt rückt – indem er ihnen viel Freiraum gewährt.

Eine Leerstelle nennt man das Ungesagte in Büchern, das erst durch den Leser seine Bedeutung bekommt. Leerräume in Bibliotheken bekommen erst durch den Nutzer Bedeutung. Der findet hier einen Ort zum Lernen oder besucht sie als modisch versierter Bibliotheksflaneur – oder nutzt sie für das tägliche Himmelsfoto.

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