Architektur im Kreis Böblingen Wie ein Vereinshaus nachträglich ein Fundament bekam

Bei der Sanierung des Maichinger Vereinshauses stießen die Architekten auf ein Problem: Das Haus hatte kein Fundament. Foto: Stefanie Schlecht

Der Tag der Architektur rückt einmal im Jahr besondere Bauwerke in den Blick der Öffentlichkeit. Diesmal zum Beispiel das Vereinshaus Maichingen in Sindelfingen.

Der Blick aus dem großen Saal hinaus auf den Vorplatz des Vereinshauses Maichingen macht Eindruck: Er fällt durch eine großflächige Glasfront. Stephan Neumahr, Architekt in Sindelfingen und Kaiserslautern, seinerzeit beauftragt mit der Sanierung des Gebäudes, gerät hier fast ins Schwärmen: „Wenn wir den Sonnenschutz herabfahren, entstehen schöne Schatten der Bäume auf dem Stoff. Das mutet fast japanisch an.“

 

Der Saal des Vereinshauses, erzählt Neumahr, war einst unterteilt in eine Anzahl kleinerer Räume. Nun bildet er, mit seiner klaren, hellen Fläche, einen idealen Probenraum für den Musikverein Maichingen. Anders als in den Räumen des ersten Stockes wurden hier, zur Schalldämmung, auch mikroperforierte Wände eingezogen und eine doppelte Fensterfront aus Glas: Werden die Fenster im Saal geöffnet, kann frische Luft zuströmen, während der Schall von einer zweiten Glasplatte, die hinter den Fenstern liegt, zurückgehalten wird.

Rundfahrt mit fast Teilnehmern zu Architektur-Highlights

Der letzte Samstag im Juni ist in jedem Jahr der Tag der Architektur – und für die Architektenkammer ist dieser Tag das wichtigste Datum des Jahres, hinsichtlich ihrer Darstellung nach außen, wie Susanne Kittelberger erklärt, die den Rundgang durchs Maichinger Vereinshaus als Vertreterin der Kammer begleitet.

Auch die Kammergruppe des Landkreises Böblingen in der Architektenkammer Baden-Württemberg lädt an diesem Tag ein, zu einer Rundfahrt, mit der sie mehrere Gebäude im Kreis vorstellt, die 2024 mit der Auszeichnung für „beispielhaftes Bauen“ bedacht wurde. 39 Teilnehmer haben sich angemeldet zur Rundfahrt, die am Samstagmittag in Sindelfingen begann – es sind, bis auf wenige Ausnahmen, interessierte Laien. „Wir wenden uns mit unseren Rundfahrten nicht an Architekten“, sagt Kittelberger, „sondern an das große Publikum. Wir möchten eine Idee davon vermitteln, was Baukultur darstellt und was mit ihr verbunden ist.“ Viele Teilnehmer kehren wieder, von Jahr zu Jahr: „Wir haben ein treues Publikum.“

Nicht nur hohe Baukultur zu sehen

Ausgewählt für die Rundfahrt 2024 wurden von der Kammergruppe Böblingen drei Objekte im Kreis. Das Maichinger Vereinshaus ist das erste unter ihnen. Von Maichingen aus wird sich die Gruppe zur Straßenmeisterei Magstadt begeben, Baujahr 2024, von dort zum LOGL Kompetenzzentrum für Obst und Garten in Weil der Stadt, Baujahr 2022. „Wir wollen auch Gebäude zeigen, die man nicht unbedingt mit hoher Baukultur verbindet, die aber dennoch als gute Architektur ausgezeichnet wurden“, sagt Susanne Kittelberger. Auf der Wunschliste der Architekten für diese Tour fanden sich auch Privathäuser. Die Eigentümer dieser Häuser verweigerten jedoch ihr Einverständnis zur Begehung ihrer Bauten.

Das Vereinshaus Maichingen, so Susanne Kittelberger, wurde für die Rundfahrt ausgewählt, nicht nur seiner baulichen Vorzüge, seiner schlichten und effizienten Sanierung halber, sondern auch wegen seiner Vergangenheit. Erbaut wurde es 1938 als Heim der Hitler-Jugend. Nach dem Krieg war ein Wohn- und Arbeitsheim für junge Frauen darin untergebracht. Die Überschreibung einer solchen Vorgeschichte macht das Objekt doppelt interessant.

Vom Sindelfinger Gemeinderat wurde die Sanierung des Gebäudes 2020 beschlossen. 2022 wurde sie abgeschlossen. Die Architekten stießen bei der Sanierung, wie Stephan Neumahr den Teilnehmern der Rundfahrt nun erklärt, zunächst auf ein sehr grundlegendes Problem: „Das Haus hatte kein Fundament.“ Mit einem Minibagger musste entsprechender Raum ausgehoben werden, Grundleitungen wurden verlegt – „Dann haben wir sauber eine Bodenplatte eingegossen und erst einmal aufgeatmet.“

Statt einer Belüftungsanlage gibt es hier Fenster

Neumahr erklärt, wie eines zum anderen kam, schließlich mit der Renovierung des Anbaus begonnen wurde und das Haus in seiner gewünschten Ausrichtung auf den Platz allmählich Form annahm. Er beantwortet zahlreiche Fragen – zur Energieeffizienz des Gebäudes, Barrierefreiheit.

Im Hinblick auf die Belüftung der Räume agierten die Architekten überaus pragmatisch. „Wir haben uns lange auseinandergesetzt mit den Planern für Heizung, Lüftung und Sanitär“, sagt Stephan Neumahr. „Bei Lüftungsanlagen, Technik, Wärmepumpen, sind die Kosten in den letzten Jahren aber um 100 Prozent gestiegen.“ Die Architekten des Maichinger Vereinshauses begegneten dem sehr entschieden: „Wir haben gesagt, das geht nicht. Bei uns macht man, wie früher, das Fenster auf und lässt die Frischluft herein. Das ging fast 100 Jahre lang gut. Weshalb sollte es nicht mehr funktionieren?“

Der Tag der Architektur

Geschichte
Der Tag der Architektur fand, nach dem Vorbild des Tages des offenen Denkmals, erstmals 1994 statt, jedoch nur in Hessen Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen. Seit 2001 beteiligen sich die Architektenkammern aller Bundesländer.

Motto
In jedem Jahr steht der Tag der Architektur unter einem anderen Motto – 2025 war es „Leerstand – Lücken – Potentiale!“ Leerstehende Gebäude, Baulücken, Orte, an denen es gelungen ist, bauliche Potentiale zu nutzen, standen im Mittelpunkt. In Baden-Württemberg wurden insgesamt 140 Objekte vorgestellt.

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