Der Frühling des Jahres 2009 war ungewöhnlich schön. Die Tage waren mild, und über der Reihenhaus-Siedlung im Süden von Frankfurt lag der schwere Duft von Forsythien und Hyazinthen. Das Labyrinth von schmalen Gehwegen zwischen den sorgsam gepflegten Gärten war satt überwuchert, und wenn ich in diesem Frühling, die Stimmen spielender Kinder im Ohr, hier entlanglief, überkam mich ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.
Es stiegen Bilder in mir auf von verträumten Sommertagen in den späten 1960er-Jahren, in denen wir uns auf dem Heimweg von der Schule in der Zeit und in dem Wegegewirr verloren, bis unsere Eltern Suchtrupps bilden mussten. Es war sicher kein Zufall, dass mein Gedächtnis gerade jetzt die Siedlung in ein Idyll verwandelte, jene Siedlung, zu der ich 25 Jahre lang mit aller Kraft versucht hatte, eine größtmögliche Distanz aufzubauen. Doch jetzt, da nach dem Tod meiner Mutter die Auflösung des Hagebuttenwegs Nummer 41 anstand, wurde mein Blick frei für das, was meine Eltern sich erhofft und erträumt hatten, als sie im Jahr 1963 die Grundmauern eines der streng kubischen, zickzackförmig angeordneten Einfamilienhäuser in den sandigen Boden des hessischen Waldes gesetzt hatten.
Normierte Reihenhäuser als Wunsch-Wohnort
Meine Eltern waren ein Vorzeigepaar des deutschen Wirtschaftswunders. Mein Vater, 1927 als Sohn eines niederbayerischen Holzhändlers geboren, war nach seinem Wirtschaftsstudium jung in die Führungsetage einer der größten Frankfurter Wohnungsbaugesellschaften aufgestiegen. Die Mutter, Jahrgang 1930, Tochter eines Frankfurter Justizangestellten, war Redakteurin bei einem Wiesbadener Fachverlag.
Mein Vater wählte ganz bewusst ein normiertes Reihenhaus in einer jener Siedlungen, die ab Beginn der 1950er-Jahre in immer weiteren Kreisen viele deutsche Innenstädte umringten und in das Umland wucherten.
Die Ernst-May-Siedlungen rund um Frankfurt sind heute, ähnlich der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, Pilgerstätten für Architektur-Connaisseure. Die den vorfabrizierten, gänzlich rationalen Häusern zugehörige Frankfurter Küche von Margarethe Schütte-Lihotzky ist ein Prunkstück der Designsammlung des Museum of Modern Art in New York. Gemäß der Charta von Athen, dem Abschlussdokument der Congres Internationaux d’Architecture Moderne, das der Architekt und Stadtplaner May – er war Frankfurter Siedlungsdezernent von 1925 bis 1930 – 1933 mitverfasst hatte, sollte die neue Stadt die chaotische mittelalterliche Stadt entzerren und entrümpeln. Der Stadtkern, aus dem, wie in Frankfurt, das Bürgertum schon im 19. Jahrhundert geflohen war und das zunehmend verelendete, sollte in ein rein kommerzielles und Verwaltungszentrum umgewandelt werden. Für die Arbeiter- und Mittelschichten sollten rund um den Kern herum bezahlbare Quartiere mit hohem Lebensstandard entstehen. Licht, Luft und Grün waren die Gestaltungsprinzipien der Anlagen, Fertigbauweise und moderne Praktikabilität dominierten in den Häusern. „Hier sollen unsere Kinder zu gesunden und lebensfrohen Staatsbürgern heranwachsen“, hatte Ernst May gesagt.
Natürlich war der Rückgriff auf diese Ideale ideologisch nicht unproblematisch. Frankfurt machte, mehr noch als andere deutsche Städte, ernst mit der „Stunde Null“. Man tat so, als könne man einfach ans Jahr 1933, dem Jahr der Athener Charta, anknüpfen und so tun, als sei dazwischen nichts gewesen. Das neue Frankfurt sollte eine durch- und durch geschichts- und erinnerungslose Bauwelt darstellen.
Der Philosoph Alexander Mitscherlich beschäftigte sich schon 1965 mit dieser Anstrengung, die jüngere Geschichte auszuradieren. In seinem Pamphlet zur „Unwirtlichkeit unserer Städte“ spricht er von Stadtlandschaften, die mit aller Macht die quälenden Traumata und Schuldgefühle, die der Zusammenbruch des Dritten Reichs ausgelöst hatte, zu vermeiden suchen.
„Eine Gesellschaft, die ihre ‚Wiedergutmachung’ – was gleich mit seelischer Genesung ist – dadurch betreibt, dass sie so tut, als hätte es keine Katastrophe gegeben“, heißt es da, „erwacht in ihren Gliedern sicher unterschiedlich schnell aus ihren Wunschträumen und Verleugnungen, aber sie erwacht. Dabei wird sich herausstellen, dass der Wiederaufbau, den wir erlebt und zugelassen haben, noch eine peinliche Nachphase der kollektiven Psychose des Nationalsozialismus ist.“
Das Verdrängte hatte sich freilich bereits zuvor in Frankfurt sein Recht gesucht. 1963 zwangen die Auschwitz-Prozesse die Wirtschaftswunder-Gesellschaft dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die sie so angestrengt zu ignorieren versucht hatte. Auf wirklich ernsthaften Widerstand stieß das städtebauliche Verdrängungsprojekt allerdings erst, als im Jahr 1987 beim Bau eines städtischen Verwaltungsgebäudes die Grundmauern des jüdischen Ghettos ausgegraben wurden. Erst nach schweren Protesten zeigte sich die Stadt dazu bereit, diese letzten Überreste jüdischen Lebens in der Innenstadt nicht einfach wegzubetonieren.
Unser Haus spiegelte perfekt diese angestrebte Geschichtslosigkeit wieder. Bereits die geometrische Würfelform signalisierte strenge Rationalität, die auch das bleiche Hellrosa der Fassade nur bedingt zu brechen vermochte.
Bloß keine Emotionen!
Der Grundriss des Erdgeschosses war enorm praktisch. Durch den Vorgarten in das Haus eintretend, erreichte man durch ein kleines Vestibül das geräumige Wohnzimmer, das beinahe das gesamte Parterre einnahm. Das Wohnzimmer selbst hatte mein Vater in eine Art Studio für modernes Design verwandelt. Da gab es Sessel des kalifornischen Designers Charles Eames und ein Wandregal des berühmten Frankfurter Gestalters Dieter Rams. Diese Wand auszusortieren war für mich der einfachste Teil der Haushaltsauflösung in jenem Frühling des Jahres 2009. Es gab hier kaum etwas, das mich sonderlich aufgewühlt hätte. Die Literatur, die hier, im öffentlichen Teil des Hauses, präsentiert wurde, war, wie die Möbel, eine Demonstration modernen Geschmacks. Neben amerikanischen Klassikern des 20. Jahrhunderts von Jack London bis hin zu Norman Mailer und Sinclair Lewis stand eine Standardauswahl deutscher Nachkriegsliteratur – Grass, Kempowski, Böll.
Ganz anders mutete hingegen der kleine Kellerraum an, den mein Vater als seinen privaten Rückzug beanspruchte und in dem er sich mit zunehmendem Alter immer öfter aufhielt. Das Zimmer war das letzte, das ich in Angriff nahm, als ich 2009 das Würfelhaus von oben bis unten durchging, um zu entscheiden, was mit jedem einzelnen Ding zu geschehen hat.
Aufarbeitungsliteratur und Kriegsromantik
Das Zimmer bestand aus nicht viel mehr als aus zwei Regalen, einem Sessel und einem Sofa, doch die Literatur in diesen Regalen war eine andere als jene in der Etage darüber. Da stand zum einen das, was wir damals als Aufarbeitungsliteratur kennengelernt haben. Das ging von Eugen Kogon bis hin zu den Mitscherlichs, Hannah Arendt und den Memoiren des Auschwitz-Kommandanten Hess. Dazu gab es jedoch auch, komplementär quasi, eine ganze Wand voller Weltkriegs-Bildbände, Fotobücher mit Kodachrome-Farbbildern des Krieges in Russland, Frankreich und in Ägypten, Verklärungen der Schlachten von Flandern über Nordafrika bis nach Russland und Dokumente des Grauens zugleich.
Zwischen diesen Werken fand ich auch mehrere Jahrgänge der Illustrierten „Das Dritte Reich – Zeitgeschichte in Wort und Bild“, einer in den 60er- und 70er-Jahren überaus erfolgreichen Zeitschrift. Herausgeber war John Jahr, Mitbegründer des Gruner- und-Jahr-Verlages und NSDAP-Mitglied seit 1933. Unter dem Deckmantel der historischen Aufklärung wurden hier die Heldentaten der deutschen Wehrmacht gefeiert, der Leser wurde in eine Zeit zurückversetzt, in der er ohne die Bürde der Schuld an den Endsieg und die Größe und Herrlichkeit der deutschen Wehrmacht glauben konnte. Die Titelseiten hatten Schlagzeilen wie „Über den Don“, illustriert mit dem Foto eines entschlossen vorstürmenden deutschen Landsers, ein weiteres zeigte Herman Göring, die Bildunterschrift lautete: „Wer Jude ist bestimme ich“. Auf der Rückseite wurde ein komplettes LP-Set mit den Reden des Führers angeboten.
Sie liefen gut diese Hefte damals, mein Vater war nicht der einzige, der dann und wann in den Keller ging, um heimlich in die Zeit vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches zurückzureisen. Rund 450 000 Exemplare wurden verkauft, auch wenn das Münchner Institut für Zeitgeschichte sich beschwerte, der Verlag ordne „zeitgeschichtliche Aufklärung ihrem Geschäftsinteresse unter“ und betreibe „verantwortungslose Verlagsspekulation“.
Mein Vater zog sich in dieses Zimmer zurück, um den verschiedenen Anteile seines konfusen und aufgewühlten Geistes- und Gefühlslebens Raum zu geben, die hier, im Gegensatz zum wohlkuratierten Regal des Obergeschosses, unzensiert sichtbar wurden. Da war zum einen die gepeinigte Kriegsfaszination des Luftwaffenhelfers und Marinekadetten, der als 16-Jähriger in den letzten Kriegsmonaten noch an der Ostsee gegen die Rote Armee kämpfen musste. Zum anderen war da der brave Sozialdemokrat, der versuchte, durch eine manische Beschäftigung mit dem Dritten Reich irgendwie diese prägenden Jahre in sein Nachkriegs-Ich zu integrieren und mit seiner bundesrepublikanischen Realität zu versöhnen.
Es war eine Versöhnung, die ihm nie gelang. Der Bruch in der Biografie blieb unbewältigt und peinigte ihn bis zum Lebensende. Und seine seelischen Narben richteten im Leben unserer Familie Schmerz und Verletzung an, für deren Beschreibung in diesen Zeilen kein Raum ist.
Viele deutsche Städte sind derzeit dabei, den städtebaulichen Neubeginn der 1950er-Jahre wieder zu tilgen und an vielen Stellen einem verniedlichenden Historismus zu verfallen. Eine echte Integration der schmerzhaften Vergangenheit in die gelebte Gegenwart und somit eine wirklich Heilung ist dabei bis heute kaum gelungen. Die Vergangenheit wuchert weiter in Deutschland – umso mehr, je mehr man sich Mühe gibt, sie im Bild unserer Städte unsichtbar zu machen.
Sebastian Moll wurde 1964 in Frankfurt/Main geboren und arbeitet als freier Journalist für viele Medien in New York. Zuletzt erschien von ihm: „Das Würfelhaus. Mein Vater und die Architektur der Verdrängung“ bei Suhrkamp.