Architektur in Berlin Das alte Schloss wächst neu im Herzen Berlins

Von Michael Bienert 

Am Mittwoch legt Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein für den Wiederaufbau der Hauptstadtresidenz der Hohenzollern. Zwanzig Jahre lang ist über das Projekt gestritten worden. Wir stellen die Positionen für und gegen das Stadtschloss dar.

Die alte Berliner Mitte mit einem Aufriss des neuen Schlosses Foto: golden-section-graphics
Die alte Berliner Mitte mit einem Aufriss des neuen Schlosses Foto: golden-section-graphics

Berlin - Sieben Bagger gleichzeitig kämpfen in der tiefen Baugrube gegen die Sandberge. An gewaltigen Kranarmen schweben Stahlstreben wie filigrane Spaghettibündel über den Platz. Ameisenhafte Bauarbeiter dirigieren sie nach einem undurchschaubaren Plan. „Dort wird gerade die Fundamentplatte für das Schloss gegossen“, erklärt ein Mitarbeiter des Fördervereins Berliner Schloss das Bagger- und Kranballett, das draußen vor dem Fenster der Infobox Unter den Linden aufgeführt wird. „Da drüben, sehen Sie, da kommt einmal die Schlosskuppel hin. Und der U-Bahn-Tunnel wird in 22 Meter Tiefe drunter weggebohrt, das berührt uns hier gar nicht. Der neue Bahnhof entsteht unter der Spree“. Sieht aus, als sei Stuttgart 21 nach Berlin verlegt worden.

Und mittendrin in dem Wimmelbild ist ein einzelnes Menschlein damit beschäftigt, aus roten Ziegelsteinen den Grundstein aufzumauern. Am heutigen Mittwoch kommt der Bundespräsident Joachim Gauck zur offiziellen, feierlichen Grundsteinlegung für das neue Berliner Schloss. Seit einem Jahr schon wird am Fundament gebaut: 3000 Eichenpfähle, die das alte Hohenzollernschloss einst im morastigen Untergrund aufrecht hielten, mussten gezogen, neue Betonpfähle dafür in den Boden gerammt werden. Man sei voll im Zeitplan, versichert die Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum, seit 2009 die Bauherrin des Großprojekts.

In der Berliner Öffentlichkeit ist es seltsam ruhig um diese Baustelle geworden. Der jahrelange Streit zwischen Schlossfans und Schlossgegnern, Anhängern des preußischen Barock, Liebhabern von Erich Honeckers Palast der Republik, also der Zwischennutzung zu DDR-Zeiten, und Befürwortern einer ganz neuen, zeitgenös-sischen Architektur an dieser Stelle scheint abgehakt. Nachdem der Bundestag 2002, 2003 und 2007 für den Wiederaufbau der Schlossfassade mit modernem Inhalt gestimmt hatte, ermattete die Streitlust der Kritiker. Derzeit bietet das Projekt kaum neuen Diskussionsanreiz, weil es – anders als der neue Berliner Großflughafen oder die Sanierung der Staatsoper – keine Negativschlagzeilen produziert. In der Berliner Wahrnehmung ist die Baustelle eine unter vielen, man arrangiert sich, und damit gut.

Es fehlen noch viele Millionen

Auf Enthusiasmus trifft der Besucher in der ersten Etage der futuristischen Humboldt-Infobox, wo die Spendensammler des Fördervereins Berliner Schloss jeden Ankömmling sofort in ein Gespräch verwickeln. Einer der älteren Herren bedient das Schlossmodell mit den Schubladen. Alle einzelnen Etagen des künftigen Humboldt-Forums lassen sich herausziehen und die Grundrisse der geplanten Bibliothek, des Veranstaltungsforums und der ethnologischen Museen betrachten. Nebenan steht der Spendenautomat. Eine Spendenuhr zeigt an: Es fehlen noch stattliche 53,5 Millionen von jenen 80 Millionen Euro, die der Förderverein für die historische Fassade zugesagt hat. Der Schlossverein sieht das naturgemäß optimistisch. Er sammelt seit nunmehr zwanzig Jahren nach dem von Antoine de Saint-Exupéry ausgeliehenen Motto: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, /so trommle nicht Leute zusammen, / um Holz zu beschaffen, / Werkzeuge vorzubereiten, / Aufgaben zu vergeben / und die Arbeit einzu-teilen, / sondern wecke in Ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“

Der Vereinsgeschäftsführer Wilhelm von Boddien rechnet vor, dass im gleichen Baustadium der Dresdner Frauenkirche erheblich weniger Spenden zugesagt gewesen seien: „Wir sind deshalb davon überzeugt, dass wir bis 2019 mit großem Einsatz unser Spendenziel erreichen. Erfahrungsgemäß kommen mehr als zwei Drittel der Spenden erst zusammen, wenn der Bau in seiner ganzen Schönheit sichtbar wird, also im letzten Drittel der Bauzeit.“

In jenen beiden Etagen der Infobox indes, wo die künftigen Nutzer für ihr Humboldt-Forum werben, sieht es gähnend leer aus. Die Ausstellungsmodule über den Froschhandel in Afrika, Vertriebswege des chinesischen Porzellans und die Seidenstraße sind keine Publikumsmagneten. Oder liegt es nur am sonnigen Kaiserwetter um die ehemalige Kaiserresidenz? Eine Miniausstellung der Humboldt-Universität über die Megastadt Dhaka befindet sich gerade im Aufbau. So recht klar ist noch nicht, wie die geplanten ethnologischen Ausstellungen die hochgeschraubten Erwartungen an ein „Museum des 21. Jahrhunderts“ befriedigen sollen. Um die Ausstellungsmacher auf erfrischende Ideen zu bringen, finanziert die Kulturstiftung des Bundes bis 2015 ein „Humboldt-Lab“ am bisherigen Museumsstandort in Berlin-Dahlem, wo Kuratoren und Künstler gemeinsam spielerische Präsentationsformen von Museumsobjekten testen können.

Ein beeindruckender Kraftakt

Mit dem Fahrstuhl geht es nun hinauf zur Aussichtsplattform der Humboldt-Box. Die Fahrkabine ist innen rundum mit Zitaten des Weltreisenden Alexander von Humboldt betextet: „Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“ 590 Millionen Euro darf das Humboldt-Forum kosten, besagt der sogenannte „Kostendeckel“. Davon zahlt der Bund 478 Millionen, das Land Berlin 32 Millionen, der Rest muss durch Spenden zusammenkommen. Ein beeindruckender Kraftakt, um die schlimmste Leerstelle im historischen Stadtgrundriss Berlins zu füllen. Seine Legitimation aber bezieht der Bau daraus, dass die Schlosshülle einen öffentlichen Ort umschließen soll, ein Kulturzentrum für alle, vor allem aber für den Dialog mit den außereuropäischen Kulturen. Erst diese Idee, die im Jahr 2000 Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in die Diskussion einspeiste, ebnete den Weg zum demokratischen Kompromiss.

Den Staat kostet das Kulturschloss etwa so viel wie zwanzig Kilometer neue Autobahn, vom Euro Hawk ganz zu schweigen. Ein internationales Kulturzentrum mitten in der Hauptstadt ist eine sichere Geldanlage mit garantiertem PR-Erfolg, nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Land. In sechs Jahren soll das Humboldt-Forum fertig sein: Es bleibt noch viel Zeit, auch danach, die barocke Bonbonniere mit begeisternden Inszenierungen zu füllen. Der Panoramablick von oben auf die wimmelnde Baustelle ist jetzt schon den Besuch wert.